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StartseiteWirtschaft am MittagMögliche Millionenkosten für britische Öl- und Gasindustrie16.10.2019

Brexit und WirtschaftMögliche Millionenkosten für britische Öl- und Gasindustrie

Öl und Gas aus Nordseefeldern tragen zu 75 Prozent zur Versorgung Großbritanniens mit Primärenergie bei. 270.000 Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt an der Branche, darunter auch viele aus EU-Ländern. Ein Brexit ohne Vertrag könnte für die Industrie schwerwiegende Folgen haben.

Von Burkhard Birke

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Erdgas-Plattform Elgin (Total) in der Nordsee vor der schottischen Küste.  (dpa/Greenpeace/Joerg Modrow)
Erdgas-Plattform vor der schottischen Küste: Sieben Prozent der offshore-Arbeitskräfte stammen aus der EU. (dpa/Greenpeace/Joerg Modrow)
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  (AFP / Tolga Akmen) (AFP / Tolga Akmen)

Wie die meisten industriellen Branchen in Großbritannien hofft auch die Öl- und Gasindustrie auf einen Brexit mit Vertrag. Daran lässt Ross Dornan, Market Intelligence Manager von Oil and Gas UK, keine Zweifel. 270.000 Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt an der Erdöl- und Gas-Produktion. 1,7 Millionen Fass produzieren die 300 Plattformen in britischen Hoheitsgewässern täglich – auch dank tatkräftiger Mithilfe von Arbeitnehmern aus anderen EU-Staaten. Sieben Prozent der Arbeitskräfte offshore - also auf den Plattformen – stammen aus der EU. 

Arbeitnehmerfreizügigkeit auch nach einem Brexit ist also immens wichtig, ebenso wie der reibungslose Zufluss von Zuliefer- und Ersatzteilen. Professor Paul de Leuww vom Energy Transition Institute an der Robert Gordon University in Aberdeen: 

"Die Ölindustrie setzt große Mengen an Chemikalien ein. Für die Bohrlöcher wird Zement benötigt, man braucht Rohre: All das kann man auf Vorrat kaufen und lagern. Man kann es auf einem Schiff bereithalten und dann zur Plattform bringen. All diese Dinge lassen sich planen. Problematisch wird es, wenn plötzlich ein Ausrüstungsteil kaputt geht, das man nicht auf Lager hat und vom Hersteller beziehen muss."

Möglicher Dominoeffekt bei No-Deal-Brexit

Verzögerungen beim Transport durch Zollformalitäten scheint eine der größten Sorgen bei einem No-Deal-Brexit, einem Brexit ohne Vertrag. Denn fällt eine Ölplattform aus oder brechen Teile im 36.000 Kilometer-Pipelinenetz, könnte es schnell einen Dominoeffekt geben, der weite Teile der Produktion lahmlegt.

Professor Paul de Leuww vom Energy Transition Institute an der Robert Gordon University in Aberdeen sitzt auf einem Stuhl und schaut in die Kamera (Deutschlandradio / Burkhard Birke )"Je nach Szenario wird von bis zu 500 Millionen Pfund zusätzlicher Handelskosten für unsere Branche ausgegangen", sagte Professor Paul de Leuww von der Universität in Aberdeen (Deutschlandradio / Burkhard Birke )
Kurzfristig dürften von daher die Risiken überwiegen zu einem Zeitpunkt, da es der Branche gelungen ist, die Produktionskosten auf circa 15 Dollar je Fass im Schnitt nahezu zu halbieren. Gelungen ist dies durch Verringerung des Personals und gezielte Investitionen in Effizienz. Bis zuletzt wurden 15 Milliarden Pfund jährlich investiert, aber: 

"Es gibt Stimmen, die behaupten, dass zusätzliche Investitionen zurückgehalten würden, bis Klarheit herrscht, ob es besser ist in Großbritannien oder woanders in Europa zu investieren, um den Marktzugang zu sichern", sagt Paul de Leuww.

500 Millionen Pfund zusätzliche Handelskosten

Großbritannien deckt zwar mit dem geförderten Öl und Gas in erster Linie den eigenen Bedarf etwa zur Hälfte, dennoch werden zahlreiche raffinierte und Fertigprodukte auf Öl-Basis exportiert - vor allem in die EU. Ein Brexit ohne Vertrag würde da neue Hürden aufbauen. Ross Dornan von Oil and Gas UK zitiert eine Studie: 

"Je nach Szenario wird von bis zu 500 Millionen Pfund zusätzlicher Handelskosten in Form von Zöllen und Verbrauchssteuern auf Güter und Dienstleistungen für unsere Branche ausgegangen. Es gibt aber auch ein Szenario, wonach die Kosten um 100 Millionen Pfund pro Jahr sinken könnten, weil die Regierung bessere Handelsabkommen weltweit abschließen könnte."

Dieser Effekt wäre freilich ein mittel- bis langfristiger. Kurzfristig dürfte sich der Brexit eher negativ auswirken, zumal auf die Beschäftigung. Nicky Mac Cloud schwant Böses. Im Zuge der letzten Krise 2014 hat die junge Mutter ihren Job im Hotel- und Gaststättengewerbe in Aberdeen verloren.

"Die Hälfte meiner Familie ist entlassen worden. Die Zahl der Bewerbungen von Ölarbeitern für Barkeeper-Jobs hat sich verdreifacht. Und mit Brexit wissen vieler meiner ausländischen Freunde mit Jobs in der Gastronomie oder in Casinos nicht, ob sie in ein paar Wochen noch hier arbeiten können."

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