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StartseiteMusikjournal"Geben Sie es zu: Sie waren schlampig"06.01.2020

Brief an Beethoven"Geben Sie es zu: Sie waren schlampig"

Zahlreiche Briefe Ludwig van Beethovens sind überliefert. Anlässlich des 250. Geburtstages des Komponisten 2020 schreiben 50 Kulturschaffende einen Brief an ihn. Die Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Kabarettistin Elke Heidenreich gibt den Auftakt und ist nicht zimperlich mit Beethoven.

Von Elke Heidenreich

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Die Autorin Elke Heidenreich am 08. Oktober 2010 auf der Buchmesse in Frankfurt.   (imago / Teutopress)
"Ein finsterer Mann, ja, das waren Sie", schreibt Elke Heidenreich (imago / Teutopress)
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Lieber Ludwig van Beethoven,

jetzt werden Sie gerade wegen eines Geburtstages von allen gefeiert, dabei kennen die meisten gerade mal Ihre 9. Sinfonie oder das Albumblatt "Für Elise". Wenn die Sie wirklich gekannt hätten, all diese feinen Konzertdamen und -herren, die hätten Sie nicht gemocht.

Zerrupft, zerzaust und mürrisch

Geben Sie es zu: Sie waren schlampig. Man hat sich damals sehr darüber aufgeregt, wie Sie rumliefen - wie ein ungemachtes Bett müssen Sie ausgesehen haben, zerrupft, zerzaust, dazu mürrisch, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Und niemand hat Sie gern besucht. Ihre Wohnung muss ein Desaster gewesen sein, alles voller Notenpapiere, überall stinkende Essensreste, herumliegende Kleider, ein kaputtes Klavier, vollgestellt mit Krimskrams, und darunter – darf das denn wahr sein? Ein Nachttopf, ein Nachttopf mit Inhalt, na prima.

Ludwig van Beethoven wurde am 17.12.1770 in Bonn geboren. . (picture-alliance / dpa / dpa)Ludwig van Beethoven wurde 1770 in Bonn geboren (picture-alliance / dpa / dpa)

Und ungelüftet die ganze Bude, überheizt, muffig, und ist das wahr, dass Sie sich, wenn Sie zur Tür hereinkamen und es Ihnen beim Gehen zu warm geworden war, erst mal einen Krug kaltes Wasser über den Kopf gossen, um sich abzukühlen? Das floss Ihnen dann in den Kragen, über die Kleider, auf den Boden, eine Lache bildete sich, sie stapften durch, ans verstimmte misshandelte Klavier, schlugen an, setzten sich, probierten etwas aus, nahmen einen Zettel, suchten fluchend einen Bleistiftstummel, notierten. Kritzel kratzel. Sie notierten Noten, rutschten vom Stuhl, lehnten sich ans Klavier, saßen auf dem Boden und knurrten und brummten und kritzelten und kratzelten und verschwanden in eine Welt, in die Ihnen niemand folgen konnte.

Musik im Inneren

Es wäre ja auch gar niemand da gewesen. So unendlich einsam waren Sie, lieber Ludwig van Beethoven, still war es um Sie herum, nur Musik in Ihrem Innern, Ihre Seele, Ihr Kopf, voller Musik, Ihr Herz - Musik, und Sie horchten ihr nach und notierten, und Ihre traurigen Augen leuchteten, Sie hörten in Ihrem Inneren, was Sie schrieben, und es machte Sie glücklich.

Manchmal luden Sie Freunde ein, Besuch, Sie konnten herzlich sein, großzügig, aber wer mochte schon in diese unordentliche Bude kommen, und wer lud Sie schon zweimal ein, Sie konnten so grob werden, schnelle Sinneswandel - eine Beleidigung, eine Entschuldigung, ja, das schon, aber mein Gott, wie anstrengend war denn das! Wenn Sie wenigstens zur Unterhaltung gespielt hätten, "komm, Ludwig, spiel uns was vor…". Ja, von wegen. Knurrig wandten Sie sich dann ab, beleidigt, Sie spielten nur, wenn Sie ganz sicher waren, dass Ihnen niemand zuhörte.

Und Sie wurden, wir wissen das ja, immer schwerhöriger, das begann früh, Sie wurden taub, und wenn man nichts hört – den Wind nicht, die Vögel nicht, liebe Worte eines Freundes nicht, nicht die Glocken am Morgen und nicht die Nachtigall am Abend, die Hausklingel nicht und ach, nicht die Musik – dann wird man bitter. Sie wurden bitter. Sie wurden misstrauisch, zogen sich zurück, wurden noch einsamer. Sie bildeten sich ein, dass sich alle gegen Sie verschworen hätten – die paar Freunde, die Haushälterin, die Vermieterin, was wollten sie, was gestikulierten sie vor Ihnen, worum ging es? Sie warfen ihnen Bücher an den Kopf, schleuderten Eier nach ihnen, und wenn die Vermieter Sie hinauswarfen, zogen Sie mit dem ganzen unordentlichen Plunder um, und von Mal zu Mal wurden die Behausungen schäbiger.

60 Kaffeebohnen pro Tasse mussten es sein

Und so chaotisch Sie auch waren, bei Ihrem Kaffee, den Sie in großen Mengen tranken, überließen Sie nichts dem Zufall. Abgezählte 60 Kaffeebohnen pro Tasse mussten es sein! Und das wurde genau abgezählt, 60 Bohnen, keine mehr, keine weniger, 60 Bohnen wurden gemahlen und aufgebrüht, nur zuhause konnten Sie irgendwann Ihren Kaffee noch trinken, denn wer zählt denn einem Gast im Lokal 60 Kaffeebohnen ab.

Ab und zu gingen Sie auswärts essen, Sie mochten und konnten nicht kochen. Wenn Ihnen das Essen nicht passte, warfen Sie es dem Kellner ins Gesicht, Kartoffeln, Gemüse, Bratensauce, schwapp, in das Lokal durften Sie nicht wieder kommen.

Ein finsterer Mann, ja, das waren Sie. Aber was für ein Musiker, was für ein begnadeter Musiker. Wie viel Kraft, Wärme, Liebe, wie viel Leidenschaft, wie viel Zartheit, wie viel Traurigkeit und auch, wie viel Humor ist in Ihrer Musik! Einmal haben Sie in Wien Klavier gespielt, Variationen über ein Thema von Mozart, und im Nebenzimmer war Mozart, hörte Sie, und zunächst war er gar nicht interessiert, denn bravourös Klavier spielen konnte Mozart selber. Aber dann soll er der Musik, die er da hörte, immer intensiver gelauscht und schließlich zu Freunden gesagt haben: "Behaltet den im Auge, eines Tages wird die Welt von ihm reden."

Dabei - Sie waren ja kein Klavierwunderkind wie Mozart, Sie waren Bratschist, für die Bratsche haben Sie auch viel Schönes geschrieben, so schön oft, dass man manchmal sitzt und denkt, der Himmel wäre offen, und man muss weinen, weil das Herz endlich wieder etwas fühlt. Wenn Sie aber damals sahen, dass Ihre Zuhörer weinten – es soll oft passiert sein – haben Sie sie als sentimentale Dummköpfe beschimpft.

Ja, so ist das mit den Gefühlen, wer sie sich selbst verbietet, kann sie auch bei anderen nicht ertragen.

Ein Hörrohr gegen die Taubheit

Ach, wenn Sie nicht ertaubt wären, schon mit 30 fing das ja an, wie wären Sie geworden, hätten Sie anders geschrieben? Ein Hörrohr benutzten Sie ja anfangs, ein lächerliches Ding, angefertigt von Nepomuk Mälzel, der auch das Metronom erfunden hat, das uns Stümpern heute den Takt angibt. 1802, sie waren 32 Jahre alt, schrieben Sie in Heiligenstadt Ihr Testament, das Heiligenstädter Testament, Sie schrieben es für Ihre beiden Brüder und klagten bitter über Ihren Kummer, taub zu werden.

Ein Hörrohr von Beethoven in einer Ausstellung in Bonn  (picture alliance/dpa - Ulrich Baumgarten)Mit solch einem Hörrohr hat Beethoven versucht, seine zunehmende Schwerhörigkeit zu kompensieren (picture alliance/dpa - Ulrich Baumgarten)

Als Pianist oder Bratschist konnten Sie ja nun, da Sie ertaubt waren, nicht mehr auftreten, aber dirigieren konnten Sie noch, natürlich nur Ihre eigenen Werke – dirigieren? Sie haben, mit Verlaub, schrecklich dirigiert, ungeduldig, Ihre Zeichen waren wirr, Sie fuchtelten vor dem Orchester herum, und das wurde ja nicht besser, als Sie nichts mehr hörten. Sollten sie leise spielen, krochen Sie unters Pult, sollte es laut werden, sprangen Sie in die Luft, und das Orchester war betreten und die Zuhörer lachten und es war einfach nur peinlich.

Aber die Musik, Ihre Musik … jaja, sentimentale Dummköpfe, wir.

Nein: Seelenmusik, kluge Musik, Trostmusik, Kraftmusik, zu Füßen Gottes, so Gott denn Füße hat, sitzt Bach, aber neben Gott sitzen Verdi und Sie natürlich. Mozart spielt im Hintergrund Klavier, und Wagner mischt die Hölle auf.

Gustav Mahler (den kennen Sie nicht, der war später) sagte in einem Gespräch:

"Du fragst, ob sie Beethoven heute verstehen? Was fällt dir ein? Weil sie mit seinen Werken aufgewachsen sind, weil er anerkannt ist, hören, spielen und lieben sie ihn vielleicht, aber nicht weil sie seinem Fluge zu folgen vermöchten. Die können mit ihren Triefaugen nie in die Sonne schauen."

Ich schließe meine Triefaugen, lasse die Sonne strahlen und höre Ihnen zu, unendlich dankbar.

Ihre Elke Heidenreich

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