Donnerstag, 02.04.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteMusikjournal"Die Menschheit wäre so viel ärmer ohne Ihr Genie!"09.03.2020

Briefe an Beethoven"Die Menschheit wäre so viel ärmer ohne Ihr Genie!"

Der Cellist Jan Vogler verdankt Ludwig van Beethoven den Schritt zum Solisten. Seine Musik faszinierte ihn schon in jungen Jahren, seine Sonaten eröffneten ihm den Weg in die großen Konzertsäle. Eine Frage beschäftigt Vogler in seinem Brief an den Komponisten besonders: Warum gibt es kein Cellokonzert?

Von Jan Vogler

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der Cellist steht an einer Betonwand im Mantel, auf dem Boden liegt sein Cellokasten. (Jan Vogler / Jim Rakete)
Der Cellist Jan Vogler (Jan Vogler / Jim Rakete)
Mehr zum Thema

Briefe an Beethoven "Lieber Ludwig, wo stehst Du eigentlich in der Politik heute?"

Lieber Ludwig,

oh nein, das klingt viel zu respektlos... lieber Meister!

Zunächst ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen meine unendliche Begeisterung für Ihr unsterbliches Schaffen zum Ausdruck zu bringen. Hätten Sie jemals gedacht, dass Ihr 250. Geburtstag auf der ganzen Welt, von Wien bis Sydney und von Los Angeles bis Peking, musikalisch gefeiert würde? Und dass seit Jahrzehnten kein Tag vergangen ist, an dem nicht an einem Ort der Welt ihre Eroica, Pastorale oder die Neunte erklang und erklingt?

Aber es ist sehr viel passiert in den fast 200 Jahren seit Ihrem Tod. Leider kämpfen wir noch immer um die Ideale ihrer "Ode an die Freude": alle Menschen werden Brüder. Es gab große Rückschläge, vor allem im 20. Jahrhundert, aber auch viel Hoffnung, wie den Mauerfall 1989! Wir Musiker werden ihren 250. Ehrentag nutzen um mit Musik an Ihre Ideale zu erinnern!

Persönlich verdanke ich Ihnen den Schritt zum Cello-Solisten. Ihre Sonaten waren es 1996, die ich in Europa und Amerika spielen durfte und die mir die Türen zu den großen Konzertsälen der Welt geöffnet haben! Als junger Musiker sprach mich Ihre Musik an wie die keines zweiten Komponisten und einen Teil dieser Liebe zu Ihrer Musik konnte ich meinem Publikum vermitteln!

Aber da sind viele Fragen, die mich brennend interessieren:

Was halten Sie von der 12-Ton Musik und der sogenannten neuen Musik?
Wer ist Ihr Lieblingskomponist des 20. Jahrhunderts? Lassen Sie mich raten: Schostakowitsch? Würden Sie sich für Eric Clapton, Queen oder Michael Jackson begeistern? Was halten Sie vom atemberaubenden technischen Fortschritt des 21. Jahrhunderts? Ein modernes Hörgerät hätte Ihr quälendes Ertauben sicher ausgleichen können! Aber würden Sie auf Facebook posten oder auf Twitter die Fertigstellung des Tripelkonzertes verkünden?

"Hatten Sie kein Vertrauen zu der solistischen Kraft des Cellos?"

Oh, da fällt mir ein, ich muss es ansprechen! So sehr ich die fünf Cellosonaten und das Tripelkonzert liebe: warum kein Cellokonzert? Haben Anton Kraft und Bernhard Romberg zu wenig auf Sie eingewirkt, oder hatten Sie kein Vertrauen zu der solistischen Kraft des Cellos? Wenn sie auf einer Zeitreise die Cellokonzerte von Schumann, Dvorák und Britten nun hören würden, würden Sie in Ihre Zeit zurückspringen und selbst ein Cellokonzert nachlegen? Ich merke schon, viel zu viele Fragen!

Aber zum Ende noch eine Beteuerung: Die Menschheit wäre so viel ärmer ohne Ihr Genie!

Ruhen Sie sanft, Sie leben in Ihrer Musik!

 In Verehrung,

Ihr Jan Vogler

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk