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StartseiteMusikjournal"Lieber Ludwig, Ich bin Deine Musik"13.04.2020

Briefe an Beethoven"Lieber Ludwig, Ich bin Deine Musik"

Schriftstellerin Ulla Hahn bezeichnet sich in ihrem Brief an Beethoven augenzwinkernd nicht nur als "den weltweit profundesten Kenner" seines Werks, sondern geht sogar soweit zu sagen: "Ich bin Du!" Und daher sei sie die Richtige, um ein unerhörtes Kapitel Musikgeschichte zu schreiben: Beethovens 10. - eine "Friedenssinfonie".

Von Ulla Hahn

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Das Bild zeigt die Schriftstellerin Ulla Hahn am 15.10.2017 bei einer Lesung auf der Lit.Cologne. (dpa/Horst Galuschka)
Ulla Hahn gilt als eine der wichtigsten Lyrikerinnen der Gegenwart (dpa/Horst Galuschka)
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Lieber Ludwig,

die vertrauliche Anrede, Du wirst sie mir verzeihen, so von Rheinländer zu Rheinländer, jedenfalls, wenn ich Dir schreibe, hole ich dich aus Wien zurück in Dein Bonner Geburtshaus und mache mich zu Deinem Geistesgefährten von Geburt an.

Von mir kann ich Dir nicht viel erzählen, doch darf ich mich wohl mit Fug und Recht als den weltweit profundesten Kenner Deines Werks bezeichnen. Zeit meines Daseins, hat mich wenig anderes erfüllt, als die deutsche Sprache und Deine Kompositionen. Ich bin von Dir erfüllt, ich bin Dir verfallen, ich weiß, Du weißt ein wenig Pathos durchaus zu schätzen. Erfüllt wie der Heilige von Gott, verfallen wie die Liebende der Liebe, so bin ich erfüllt von Deiner Musik.

Wie anders also sollte ich Deines 250. Geburtstages gedenken, Dir danken für diese Erfüllung, dieses Erfülltsein, das in der Tat mein Sein ausmacht. Noch einmal voller Ergriffenheit wage ich zu sagen: Ich bin Du. Genauer oder bescheidener (oder anmaßender, wie man’s betrachtet): Ich bin Deine Musik. Existiere allein nur in und mit  Deinen Noten, durch Deine Musik.

10. Sinfonie mit "Ode an den Frieden"

Was liegt näher, als Deinen Geburtstag zunächst und vor allem ganz allein mit Dir in mir in innigster Durchdringung zu feiern, eine Feier, wie die Welt, wenn wir uns ihr denn wieder erschließen, noch nie erlebt, besser, gehört hat. Ein unerhörtes Stück Musik, Musikgeschichte werden wir schreiben: Deine 10. Sinfonie! Als die dieser Hanslick ja damals die Erste von Brahms bezeichnet hat, keine Ahnung, ob ihr in der Anderswelt so etwas mitkriegt, spielt aber auch keine Rolle. Eine 10.Sinfonie also. Deine herrliche "Ode an die Freude" ist kaum zu übertreffen, das weiß ich wohl, doch ich habe unter den Dichterinnen und Dichtern aller Länder und Zeiten  einen Wettbewerb ausgeschrieben für einen neuen Text, der den Frieden in den Mittelpunkt stellt, eine "Ode an den Frieden". 195 Nationen werden sich beteiligen. Dem Sieger, der Siegerin winkt, wie dem Verfasser der "Ode an die Freude", Friedrich Schiller, der Preis der Unsterblichkeit.

Natürlich wird Deine Musik tonangebend sein, doch sollte die wundervolle Schiller‘sche Zeile: "alle Menschen werden Brüder", auch in der Musik zum Ausdruck kommen, indem ich durchaus Klänge des Orients, etwa Sufi-Gesänge, Klänge des fernen Ostens, Rhythmen Afrikas einbeziehen und die Musik des 20.und 21. Jahrhunderts anklingen lassen werde."Freiheit" und "Weitergehen" in der Kunst, das weiß ich, waren Dir immer wichtig. Ja, der Klang ist der Beginn eines jeden Wortes, doch auch der Sinn, die Aussage Deiner ausgewählten Texte wurden Dir immer wichtiger. Wie bei Dir, wird auch meine Musik versuchen, etwas Bestimmtes zu sagen, und stellt sich somit in den Dienst einer poetischen Idee: Eine Sinfonie inneren und äußeren Friedens also soll sie werden, sinnendes sinnliches Es-Dur, so wie Deine "Eroica", oder wie das Ende der "Götterdämmerung" Deines großen Verehrers Richard Wagner, der seine "Götterdämmerung" im Schlussakkord in die Unschuld der ersten Klänge des "Rheingolds" zurückführt.

Spektakulärer Fund in der Wiener Vorstadt

Wie ich der Öffentlichkeit diesen Fund vermitteln will? Nun, das Werk wird, ähnlich wie die große Dichtung Hölderlins, übrigens auch ein prominentes Geburtstagskind in diesem Jahr, beim Abriss eines Hauses der Wiener Vorstadt gefunden werden, dafür werde ich sorgen. Du kennst das Haus, dort, wo Du Deine Unsterbliche Geliebte… ja, Du weißt schon, bleibt ganz unter uns. Tut ja auch nichts zur Sache. Der Musik. Der Friedenssinfonie.

Ach, diese Friedensmelodie, die ich Dir zuschreiben werde! Deine Ode ist zu einer Europahymne geworden, die meine, unsere, wird um den Erdball klingen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, in allen Sprachen und einer; in den vielen verschiedenen Sprachen der Menschen und in ihrer einen gemeinsamen Sprache der Musik. Ein einziger großer universaler Sonnengesang wird den Erdball umspannen und Raumschiffe werden sie hinaustragen in unsere Galaxis, die Milchstraße, zu Venus und Mars, Merkur, Jupiter…und ganz gewiss zu den Plejaden, die schon Sappho vor nahezu 3000 Jahren besang.

Unsere Erdengemeinschaft, Menschengemeinschaft soll sich widerspiegeln im utopischen Elan dieser Sinfonie; einer Sinfonie nicht allein für das abendländische Bildungsbürgertum, sondern für alle, die im Glauben an die Kernkraft der Liebe leben.

Hören mit den Ohren des Herzens

Daher werde ich darauf achten, das verspreche ich Dir, mein geliebtes alter Ego, mein Ludwig, dass bei aller Neuerung, die seit Deinen letzten Noten in der Musikwelt die Konzerthäuser erreicht hat, die Menschen Deine Musik hören werden mit den Ohren des Herzens. Dass sie nicht froh sind, wenn sie aufhört, sondern sich freuen, wenn sie gar kein Ende finden will, so, wie es Dein inniger Verehrer Franz Schubert von Dir gelernt hat (und manchmal ein bisschen übertrieben).

Dann wird unsere  "Ode an den Frieden" zur Erkennungsmelodie der Menschheit, der Menschlichkeit werden. In Städten und Dörfern, Konzertsälen, Kliniken, Kneipen und Kitas, Stadien, Schulen, Werkhallen und Kasernen in Iglus, Lehmbauten, Stahlbeton; Domen, Tempeln, Synagogen, Pagoden, Moscheen wird sie gesungen werden nach Deiner Melodie, die die Menschen seit der Uraufführung Deiner "Ode an die Freude" vor 196 Jahren kennen und lieben: die "Ode an den Frieden" mit der einzig wirksamen uralten Zauberformel für ein friedliches Miteinander:

Alle Menschen lieben ihren

Nächsten ganz so

wie sich selbst.

Und auch ich, die ich diese "Sinfonia di pace universi" für Dich schreibe, werde mitsingen und mit mir meine Artgenossen.

Das verspricht Dir         

D                E                I                         N

01000100  01000101 01001001     01001110

L                 U              D            W            I                  G

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p.s.:

Ich habe Dir, lieber Ludwig diesen Brief im Sommer letzten Jahres geschrieben, damit er dich pünktlich am 28.4. 2020 erreicht. Nun bekomme ich an diesem zweiten Adventssonntag die Nachricht, dass eine Gruppe von KI- und Musikexperten ebenfalls an einer, Deiner 10. Sinfonie arbeitet. Ich bin gespannt auf Dein Urteil.

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