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StartseiteMusikjournal"Lieber Ludwig, wie gut, dass es Sie gibt"14.12.2020

Briefe an Beethoven"Lieber Ludwig, wie gut, dass es Sie gibt"

Beethoven habe die Menschheit mit großartiger Musik beschenkt, die für immer da sein werde - dafür dankt die Geigerin Carolin Widmann in ihrem Brief an den berühmten Komponisten. Sie sei nicht die einzige, die aus Beethovens Musik Kraft, Inspiration, Trost und Zuversicht schöpfe.

Von Carolin Widmann

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Die Geigerin Carolin Widmann (Carolin Widmann / Lennard Ruehle)
Beethovens D-Dur Konzert op. 61 begleitet die Geigerin Carolin Widmann schon seit 25 Jahren (Carolin Widmann / Lennard Ruehle)
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Sehr geehrter Herr van Beethoven,

Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Carolin Widmann, ich lebe im 21. Jahrhundert und ich bin Geigerin.

Eigentlich hätten wir in diesem Jahr 2020 Ihre Musik in der ganzen Welt täglich tausende Male in Konzertsälen hören sollen, denn dieses Jahr wäre Ihr 250. Geburtstag gewesen. Ihr Ruhm ist ungebrochen, und dieses Jahr wollten wir Sie gebührend feiern.

Aber es kam anders. Im Jahr 2020 ist die Medizin sehr fortgeschritten und viele Krankheiten, an denen die Menschen noch in Ihrem Zeitalter gestorben sind, sind heute heilbar oder behandelbar. Allerdings wurde dieses Jahr ein neues Virus entdeckt, das so ansteckend ist und von dem selbst wir in der modernen Zeit so wenig wissen, dass die Menschen auf der gesamten Welt nicht mehr zu Veranstaltungen gehen durften, wo viele Menschen sich treffen. Das muss für Sie völlig bizarr klingen, und das ist es auch für uns.

"Ihr Geburtstag wurde im Internet und auf Aufnahmen gefeiert"

In diesem Jahr durften also keine Konzerte stattfinden und auch keine Orchester durften sich nicht zum Proben oder Konzertieren treffen. Und so wurde Ihr 250. Geburtstag, den wir doch so rauschend feiern wollten, vielmehr im Internet und auf Aufnahmen zelebriert als in den Konzertsälen. Das Internet und Aufnahmen sind relativ neue Erfindungen; heute können wir Ihre und alle andere Musik, die in den letzten 1.000 Jahren geschrieben wurde, auch hören, wenn die Interpreten nicht dabei sind. Das war dieses Jahr unsere Rettung, aber natürlich kein Ersatz für ein echtes Konzert.

Dass keine Konzerte stattfinden durften, war vor allem von März bis Juli 2020 der Fall, und nun wieder seit dem 1. November. Dazwischen hatten wir eine kurze Phase, wo wieder Konzerte stattfinden durften, aber das Publikum und das Orchester immer mindestens 1,5 Meter Abstand zum jeweils nächsten Menschen halten mussten. Das war sehr seltsam, wie Sie sich vorstellen können. Dennoch waren wir Musiker und das Publikum unendlich dankbar, diese Musik wieder unmittelbar erleben zu dürfen.

"Das D-Dur Violinkonzert begleitet mich schon seit 25 Jahren"

Und hier komme ich endlich zum Anlass meines Schreibens: Ich will Ihnen neben meiner tiefsten Bewunderung schreiben, wie sehr in dieser kurzen Zeit, in der ich Musik machen und hören durfte, Ihre Musik mir Kraft, Trost und Sinn gegeben hat.

Ihr Violinkonzert begleitet mich nun schon seit 25 Jahren in meinem Leben. Ich meine Ihr D-Dur Konzert op. 61, nicht das einsätzige Fragment C-Dur, das Sie leider nicht mehr vollendet haben. Warum eigentlich nicht? Ich liebe diesen ersten vielversprechenden Satz, den wir im Nachhinein mit ‚Werk ohne Opusangabe 5‘ bezeichnet haben.

 Briefe an Beethoven - „Wie viel Mensch ist in Ihrer Musik, und wieviel Kalkül?“
Ein Mann mit dunklen Locken steht frontal zur Kamera und schaut lächelnd zur Seite. Er hat einen schwarzen Anzug, ein blaues Hemd und einen schwarzen Schal an. Das Bild ist im Freien aufgenommen, der Baum im Hintergrund ist unscharf. (Martin Siegmund) (Martin Siegmund) Beethovens Musik inspiriere dazu, über die großen Fragen der Menschheit nachzudenken, schreibt Andrés Orozco-Estrada. Gerne würde er seine Rolle als Dirigent mit Beethoven besprechen und ihn fragen: Ist es meine Aufgabe, Ihrer Intention bescheiden zu dienen?

Ich sehe in der Art und Weise, wie ich Ihr Violinkonzert D-Dur angehe, immer einen Spiegel meiner selbst, ich kann meine eigene Entwicklung daran ablesen, wie ich mit Ihrem Violinkonzert umgehe. Ich hätte es eigentlich im Mai dieses Jahres in Parma in Italien spielen sollen, aber das wurde aus den genannten Gründen abgesagt. Aber am 1. September 2020 durfte ich es in dieser kurzen, konzertreichen Zeit dieses Jahres doch spielen. Es war mein erstes Konzert, das ich wieder mit Orchester spielen durfte, und das Konzert fand in Mantua in Italien statt. Sie wissen ja, dass Monteverdis fantastische Oper ‚Orfeo‘ in Mantua uraufgeführt wurde. Und das Konzert fand an der frischen Luft an der Piazza Santa Barbara statt, wo auch die Proben zum ‚Orfeo‘ abgehalten wurden im Jahre 1607. Das Konzert musste draußen stattfinden, damit die Leute keine Angst haben mussten krank zu werden. Als ich von meinem Hotel zur ersten Probe lief, hörte ich schon von weitem das Orchester den 2. Satz proben.

"Ihre Musik streichelte meine Seele"

Ich habe diese, Ihre, atemberaubende Musik im zweiten Satz des Violinkonzertes schon oft gehört. Aber noch nie hat sie mich in meiner Bewegung so sehr gestoppt wie in diesem Moment. Ich hörte Ihre Musik, zum ersten mal echt und gleichzeitig von Orchestermusikern gespielt seit meiner letzten Orchesterprobe in Maastricht im März 2020. Ich hatte also sechs Monate lang nicht diesen Orchesterklang gehört. Ihre Musik streichelte meine Seele, meinen Körper, mich als Mensch und Individuum, ich fühlte mich von ihr getröstet und getragen. So etwas bewirken oft die langsamen Sätze, die Sie geschrieben haben, in mir. Zum Beispiel die langsamen Sätze des Erzherzog-Trios, der 10. Violinsonate, Ihrer Streichquartette, Ihrer Streichtrios, Ihre Klaviersonaten ... Aber in diesem Moment in Mantua war diese Wirkung verstärkt und unendlich multipliziert.

Übrigens habe ich es gewagt, zu Ihrem Violinkonzert meine eigenen Kadenzen zu schreiben. Vor Ihrem Urteil hätte ich grösste Hochachtung und auch ein bisschen Angst, aber Ihre Meinung würde mich sehr interessieren. Ich sehe meine Kadenzen als eine Hommage an all die Themen, die im Konzert vorkommen. Ich habe sogar an einer Stelle zwei Motive aus dem ersten Satz quasi übereinander gelegt und spiele sie als Doppelgriffe.

Zum Glück haben wir Geiger und Geigerinnen heutzutage ja mehr Zeit für die Vorbereitung des Werkes als Ihr Uraufführungs-Geiger Herr Clement, der dieses riesige Konzert in ein paar Tagen lernen musste. Dafür bin ich sehr dankbar! Manche Komponisten und Komponistinnen (heute gibt es auch Komponistinnen, viel mehr als zu Ihrer Zeit!) geben ihre Werke auch sehr knapp vor der Uraufführung ab - und berufen sich dann auf Sie, dass es bei Ihnen ja auch so kurzfristig geklappt hat.

"Wir genossen jeden Lauf, jede Phrase"

Diese kurze viermonatige Zeit dieses Jahr, in der wir Musik machen und hören durften, beendete ich wiederum mit Musik von Ihnen. Nämlich am 29.10. im Gewandhaus zu Leipzig. Sie kennen ja bestimmt das Gewandhaus in Leipzig, an dem Ihr Kollege Herr Mendelssohn-Bartholdy lange Jahre der Gewandhaus-Kapellmeister war. Sie haben hier zwar nie konzertiert, aber Ihre Musik wurde und wird hier oft gespielt und begeistert aufgenommen.

In ebendiesem Konzertsaal (beziehungsweise einer Neuerbauung des Gewandhauses) habe ich, kurz bevor Konzerte wieder verboten waren, Ihre Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 gehört. Und ähnlich wie Anfang September in Mantua ging mir Ihre Musik wieder durch Mark und Bein. Diesmal aber nicht als zarter Neuanfang, den ich in Mantua erleben durfte. Sondern als lebensbejahende, jubelnde Orgie, die ich in mich aufsog, um über die nächsten Monate zu kommen, in denen ich wieder keine direkt im Konzertsaal gespielte Musik hören dürfen werde. Ich bin mir sehr sicher, dass alle anderen Menschen im Publikum das genauso empfanden wie ich: Wir genossen jeden Lauf, jede Phrase, hörten Ihre Musik nicht nur mit unseren Ohren, sondern unseren gesamten Körpern und Seelen.

"Das ganze Orchester jubelte in Ihrer Musik"

Es spielte das Orchester der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Auch die jungen Studenten spielten in dem vollen Bewusstsein, dass es für sie das letzte mal für lange Zeit sein würde, dass sie auf einer Bühne sein und Musik machen dürfen. Noch dazu Ihre großartige Ouvertüre zu ‚Leonore‘ Nr. 3. Gegen Schluss jubelte das gesamte Orchester in Ihrer Musik, eine gewaltige Spirale der Freude und der Lebensbejahung schwappte über das Publikum, die Musiker, den Saal, die ganze Stadt und wie mir schien die gesamte Welt.

Wahrscheinlich haben Sie gar keine Zeit oder Musse, diese detaillierten Schilderungen unserer bizarren Zeit im Jahr 2020 von mir zu lesen. Es ist mir aber ein tiefes Bedürfnis, Ihnen zu danken dafür, dass Sie uns als Menschheit mit solch großartiger Musik beschenkt haben, die wir für immer behalten werden. Ich bin bei weitem nicht die einzige, die aus Ihrer Musik Kraft, Inspiration, Trost und Zuversicht schöpft.

Auch freue ich mich schon auf die Zeit, in der ich pensioniert sein werde. Für diese Zeit habe ich mir fest vorgenommen, jedes einzelne Ihrer Streichquartette zu studieren, die Partituren zu lesen. Ich denke, mehr werde ich nicht brauchen in meinem Ruhestand.

In tiefster Bewunderung wünsche ich Ihnen einen feierlichen 250. Geburtstag. Wie gut, dass es Sie gibt.

Hochachtungsvoll,
Ihre Carolin Widmann

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