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StartseiteMusikjournal"Sie sind ein Prometheus, der uns Menschen Feuer gibt" 12.10.2020

Briefe an Beethoven"Sie sind ein Prometheus, der uns Menschen Feuer gibt"

In seinem Brief an Beethoven versetzt sich Dirigent Kent Nagano zurück in das Hamburg zu Zeiten des Komponisten - und zieht viele Parallelen zur aktuellen Zeit. Was für Nagano schon damals sicher scheint: "Ihre Stimme wird noch lange Zeit unseren Nachkommen in den Herzen klingen."

Von Kent Nagano

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Hamburg: Generalmusikdirektor Kent Nagano aus den USA, aufgenommen am Rande der Jahres-Pressekonferenz des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg (picture alliance / Daniel Reinhardt)
Der Dirigent Kent Nagano (picture alliance / Daniel Reinhardt)
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7. September 1825

Euer Wohlgeboren,

hochverehrter Meister,

Monsieur Compositeur !

Gestatten Sie mir, auf Empfehlung des hochgeschätzten Kollegen Louis Spohr, dass ich mit einer Bitte mich an Sie zu wenden wage. Ich selbst bin Kapellmeister des Orchesters der Gänsemarkt-Oper in der Hansestadt Hamburg. Wir bedienen eine freiheitlich und fortschrittlich gesinnte, zugegeben dem ökonomischen Denken engstens verbundene bürgerliche Öffentlichkeit.

"Die Musikliebhaber Hamburgs schätzen die Musik aus Ihrer Feder"

Wir planen und würden sehr gerne ihre erst kürzlich in Wien aufgeführte neueste Symphonie aufführen, die ja für mächtig Furore gesorgt hat. Man spricht sehr viel darüber, in allen größeren Städten in unseren deutschen Landen wie eben auch hier bei uns im Norden. Überhaupt, ihre Person und Ihre Musik, die Sie uns geschenkt haben, sind in privaten und öffentlichen Kreisen sehr viel im Gespräch. Unsere Musikkenner, aber auch die Musikliebhaber Hamburgs schätzen die Musik aus Ihrer Feder, egal, ob Klaviervariationen und -sonaten, ob Kammermusik oder eben Ihre Symphonien. Diese möchten wir demnächst allesamt als Zyklus in einer festlichen musikalischen Feier zu Ihren Ehren aufführen.

Schon daraus können Sie entnehmen, wie die musikalische Stimmungslage hier an den Ufern der Elbe ist. Seit die Franzosen vor einiger Zeit unsere Stadt verlassen haben, hat sich hier so manches verändert und ist vieles in Schwung gekommen, auch wenn vielfach zur Belastung der Bürger. Da sind zum Beispiel die vielen Migranten, die von unserem Hafen aus nach Amerika wollen, getrieben vor allem von wirtschaftlicher Not überall in Europa, oder auch aus Gründen der Religion. Der Umgang mit ihnen, wenn sie längere Zeit zum Bleiben verurteilt sind, ist nicht immer angenehm für die Einheimischen. Immer wieder lauern Cholera und Seuchen im Dunkel unseres Gängeviertels, und das nimmt uns viel von unserer Freude am Leben. Wir haben Wohnungsnot, da immer mehr Leute von Außen kommen, um in den neuen Fabrikbetrieben Arbeit zu finden. Auch die Wanderarbeiter bereiten Probleme. Sie können sich vorstellen, welche hygienischen Verhältnisse hier herrschen. Aber auch die Ausbreitung bestimmter politischer und sozialer Gesinnungen macht dem Bürgertum hier zu schaffen.

"Ihre Stimme wird noch lange Zeit unseren Nachkommen in den Herzen klingen"

Doch im Gegenzug zeigt Hamburg auch viel neuen Gestaltungswillen. Überall wird von Reformen gesprochen, überall gründen sich Vereine und Gesellschaften, die sich den neuen sozialen Herausforderungen stellen. Überall Sozietäten, welche die Ausprägung einer neuen Gesellschaft und deren Strukturen im Blick haben. Dazu gehört auch im weitesten Sinne eine "Philharmonische Gesellschaft", die hier wie ähnlich andernorts in deutschen Städten in den Köpfen spukt. Diese Gesellschaft soll darauf angelegt sein, der musikalischen Kultur unserer Stadt ein Gesicht, ein Hamburger Gesicht zu geben.

Eigentlich brauche ich es Ihnen nicht zu sagen, aber Ihre Stimme, hochgeschätzter Meister der Tonkunst, ist in diesem Zusammenhang die stärkste Stimme, nicht nur hierzulande, sondern in ganz Europa; und so von Energie geladen ist sie und zugleich allen menschlichen Stimmungen offen. Diese Ihre Stimme wird noch lange Zeit unseren Nachkommen in den Herzen klingen, um über Krisen und Katastrophen hinwegzukommen und den Glauben an bessere Verhältnisse nicht verlieren zu müssen.

"Ihr ganzes musikalisches Schaffen hören wir als Zeichen der Hoffnung"

Hochverehrter Meister! Wir wollen die Gründung unserer "Philharmonischen Gesellschaft" als ein großes und für unsere Nachwelt von äußerster Bedeutung bleibendes Ereignis feiern. Wir Menschen brauchen Zuversicht angesichts der Schönheit und Sinnenhaftigkeit der Musik und der Künste; wir müssen den Blick wagen in die Zukunft von Welt und Mensch. Und genau das ist es, was Ihre musikalischen Schöpfungen ausmacht und diese uns eine Lebensstütze und Hilfe sein lässt. Sie sind ein Prometheus, der uns Menschen Feuer gibt und die Schmiede für neue Gestaltungen vorbereitet. Ihr ganzes musikalisches Schaffen hören wir als Zeichen der Hoffnung und eines Aufbruchs, aber eben auch einer Kampfbereitschaft, die Grenzen sprengt, so wie Sie es in Ihrer letzten Symphonie gemacht haben, wo Sie vor allem im Finalsatz alle Register eines vielstimmigen und trotzdem der Harmonie verpflichteten Appells ziehen. Gewaltig, was sie da zur Sprache bringen! Sie sagen "Nein" zur Restaurierung von alten gesellschaftlichen Verhältnissen; Sie sagen "Ja" zu Würde und Freiheit des Menschen, und vor allem als Basis dafür, zu Bildung und Glauben an Herz und Vernunft des Menschen.

Wir brauchen Zukunft, wir brauchen "Weitergehen", das sei der Sinn der Schöpfung - so haben Sie selbst einmal gesagt, wie ich als Zitat es gelesen habe. Ihr Werk enthält diesen Gedanken in einer Sprache, die jeder von uns, die alle Menschen verstehen. Es ist I h r e musikalische Sprache, in der w i r uns wiedererkennen, es ist unsere musikalische Sprache!

Hätten Sie Muße und Zeit, wären Sie uns gewogen, sind Sie gesund und wären bereit, uns die unschätzbare Ehre zu geben, ein Stück Musik von Ihnen zur festlichen Aufführung und zur Erinnerung an Ihre schöpferische Kraft zu erhalten?

Ihr ergebenster

Kent Nagano
 

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