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StartseiteKultur heute"Briefe an Ottla"01.06.2011

"Briefe an Ottla"

Eine Ausstellung über Franz Kafka im Literaturmuseum der Moderne Marbach

Das Literaturarchiv Marbach und die Bodleian Library in Oxford schlossen sich im April zusammen und erwarben 111 Briefe und Postkarten, die sich Franz Kafka und seine Lieblingsschwester Ottilie, genannt Ottla geschrieben hatten. Im Marbach sind diese nun zu sehen.

Von Christian Gampert

Im Marbacher Literaturarchiv zu sehen: Franz Kafkas Briefe an seine Schwester "Ottla".  (AP)
Im Marbacher Literaturarchiv zu sehen: Franz Kafkas Briefe an seine Schwester "Ottla". (AP)
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"Liebste Ottla, arbeite bitte fleißig im Geschäft, damit ich ohne Sorgen es mir hier gut gehn lassen kann und grüsse die lieben Eltern von mir Dein Franz".

Ist der Mann ein Witzbold, oder meint er es ernst? Sie soll arbeiten, damit es ihm gut geht? Ist er für sie verantwortlich? Oder eher sie für ihn? Grüße an die lieben Eltern, von denen zumindest der Vater doch eine eher hassenswerte Figur war? Gleichviel. So schreibt es jedenfalls, am 7.September 1909 und auf einer ziemlich kitschfarbenen Cartolina Postale aus Riva am Gardasee, Franz Kafka an seine Schwester Ottilie in Prag in der Zeltnergasse 12.

Diese kleine Karte, auf der ganz unten übrigens auch ein gewisser Max Brod unterschrieben hat, eröffnet die Marbacher Ausstellung, die stolz das Anfang April erworbene Konvolut von Kafka-Briefen "an Ottla" präsentiert. Nachdem 2010, wegen des in Israel anhängigen Streits um den Brod-Nachlass, es relativ schwierig war, Geld für den Kauf dieser in Oxford lagernden Briefe einzuwerben, haben Marbach und die Oxforder Bodleian Library die letzte Chance ergriffen, die Dokumente vor einer drohenden Versteigerung für die Wissenschaft zu retten. Sie gehören nun diesen beiden Institutionen als den bedeutendsten Kafka-Sammelstellen, bleiben aber in Marbach. Obgleich Teile der Familie von den Nazis ausgerottet wurden, wollen die Kafka-Erben diesen Verkauf auch als ein Zeichen der Versöhnung verstanden wissen.

Anders als in seinen oft literarisierten Briefwechseln erlebt man Kafka in der Korrespondenz mit der Lieblingsschwester freier, verspielter, direkter, unverstellter – der Marbacher Direktor Ulrich Raulff nennt das "ein verschwörerisches Verhältnis". Und Hans-Gerd Koch, der Leiter der Wuppertaler Kafka-Forschungsstelle, weiß auch, warum das so war.

"Da war ein Grund, dass beide sehr lange noch im Haushalt der Eltern gelebt haben. Die beiden älteren Schwestern sind sehr früh verheiratet worden über einen Heiratsvermittler 1912 und 1913, während Kafka als der Älteste und die jüngste Schwester noch bis 1920 bei den Eltern gelebt haben, Kafka auch noch darüber hinaus. Und das hat eine gewisse Verbindung hergestellt. Weil sich beide in der Situation fühlten, sich gegenüber den Eltern emanzipieren zu müssen."

Verschworen gegen die Eltern: Bis zum Ausbruch seiner Tuberkulose 1917 ist eher Kafka der Ratgeber der Schwester, unterstützt sie in ihrer Berufsausbildung, bestärkt sie in ihrer Beziehung zu dem Katholiken Josef David, den sie dann heiratet; nach 1917 steht die Schwester Kafka bei, nimmt ihn auf, beschafft Geld, organisiert noch 1924 Buttersendungen nach Berlin (Butter war in der Krise Zahlungsmittel) und begleitet ihn ins Sanatorium nach Wien.

Kafka schrieb unterwegs oft mit Bleistift, von flüchtigen Mitteilungen ("ich komme Donnerstag 3 Uhr, Staatsbahnhof wahrscheinlich") bis zu langen Erörterungen. Diese stets etwas nach links kippende Krakelschrift findet sich auch in den Postkarten-Bildern: er werde etwas Schönes mitbringen, schreibt Kafka in die Abbildung der "Jardins de Versailles" hinein; Goethes Schlafzimmer im Weimarer Gartenhaus wird mit Anmerkungen versehen, es gibt auch einen Gruß aus dem "Reformspeisehaus Warnsdorf" in Böhmen. Und als Kafka in die Kur muss, malt er selber skurrile "Ansichten aus meinem Leben" auf die Postkarte.

Gerade die Banalität mancher Exponate erdet die oft mythologisierte Kafka-Figur: ein Spieler, ein Ironiker. Und man merkt so nebenbei, dass ein handgeschriebener Brief doch mehr Herzenswärme verbreitet als ein E-Mail. Ein wichtiges Detail hat der Kafka-Forscher Hans-Gerd Koch zur Ausstellung beigetragen: in einem Brief aus Theresienstadt an ihre Töchter schreibt Ottla Kafka, wie gut es ihr dort angeblich geht. Im Austausch mit deutschen Kriegsgefangenen sollen dann jüdische Waisenkinder in die Schweiz gebracht werden, und Ottla Kafka soll sie begleiten; auf Intervention des in Berlin lebenden Großmuftis von Jerusalem beim Reichssicherheitshauptamt scheitert die Aktion, und Ottla Kafka und die Kinder werden in Auschwitz ermordet.
Der Großmufti von Jerusalem war übrigens der Onkel von Jassir Arafat; so holt die Weltgeschichte die Literaturgeschichte immer wieder ein.

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