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StartseiteBüchermarktAnnäherung zweier Ungleicher09.12.2018

Briefwechsel Bachmann - EnzensbergerAnnäherung zweier Ungleicher

Ingeborg Bachmann ist bekannt für ihre intensiven Briefwechsel. Auch mit Hans Magnus Enzensberger pflegte sie zehn Jahre lang einen engen Austausch. Darin geht es unter anderem um den Literaturbetrieb und poetologische Grundfragen. Doch nicht zuletzt hat es zwischen den beiden einen kurzen Sommer lang gefunkt.

Von Katharina Teutsch

Der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Magnus Enzensberger (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Foto Enzensberger: picture alliance / dpa / Manfred Rehm, Foto Bachmann: AP Archiv)
Auch sie wechselten Briefe: Hans Magnus Enzensberger und Ingeborg Bachmann (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Foto Enzensberger: picture alliance / dpa / Manfred Rehm, Foto Bachmann: AP Archiv)
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Hans Magnus Enzensberger: "liebe ingeborg, wäre ich in rom! aber ich sitze hier im turm, im regen, wenn überhaupt, so trete ich erst im märz des nächsten jahres in die villa massimo ein."

Ingeborg Bachmann: "Ich möchte gern von Zürich sprechen, aber es fällt mir nicht viel ein dazu. Es ist still, von sympathischer Öde."

Enzensberger: "über norwegen weiß ich ganz und gar nichts zu sagen. da ist nichts zu loben und nichts zu klagen, und das eben ist es, was für mich das notwendige war und ist, ein stück festland, damit es mit den vergleichen ein ende hat."

Bachmann: "Meine Wohnung ist sehr schön geworden, ich bin gerne hier, nicht gern in Berlin, aber auch nicht ungern, weil es ja überhaupt keine Stadt und kein Ort ist, sondern so eine Sache, aus der man manchmal nicht herauskann ..."

Enzensberger: "ich bin übermütig aus amerika zurück, dort habe ich euphorische wochen zugebracht, tropisches klima, schwebeträume. Europa sieht winzig aus."

Bachmann: "So bleibt mir nur zu sagen, dass das Reisen nach dem dreißigsten Jahr einem unvermutete Schwierigkeiten macht, plötzlich wachst du auf in Sevilla und weißt nicht, was Du in Sevilla willst und warum und wozu und möchtest am liebsten nicht aufstehen, streiken, stehst dann doch auf und tust Dich um, absolvierst es, rächst Dich dann in Cadiz, indem Du die phönizische Totenstadt und die gotische Kirche mit zwei Sternen links liegen lässt und in der nächsten Bar Dich mit einer Melancholie niederlässt für Stunden."

Enzensberger: "liebe ingeborg, aus dem ganz und gar beschissenen tahiti, wo es nichts gibt als ansichtskarten, schicke ich dir diese ansichtskarte, with love dein mang."

Asymmetrischer Briefwechsel

Eine Jet-Set-Korrespondenz könnte man den eben erschienenen Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger nennen. Er verbindet zwei sehr unterschiedliche Temperamente, die sich wie eine Klammer um die deutschsprachige Literatur der Nachkriegszeit legen. Bachmann, deren literarisches Begehr es seit ihren lyrischen Anfängen ist, zum "Wesentlichen" zu kommen. Enzensberger, der seine These von der "Sandigkeit der Welt" auf sein dichterisches Schaffen ausdehnt. Und der sich als Lyriker, Prosa-Autor, Essayist, Zeitschriftenherausgeber und Suhrkamp-Lektor in unzähligen Projekten zu verwirklichen und zugleich aufzulösen scheint.

1955 lernen sich die beiden bei einer Tagung der Gruppe 47 kennen. Da ist sie neunundzwanzig und er drei Jahre jünger. Zehn Jahre soll ihre Korrespondenz währen. Es ist ein asymmetrischer Briefwechsel, in dem 77 Briefe von Enzensberger, 53 Briefen von Bachmann gegenüberstehen. Es gibt einen erotischen und einen poetologischen Höhepunkt darin. Und viel Werben Enzensbergers um Textbeiträge der damals schon berühmten Österreicherin für seine Anthologien und Zeitschriften.

Bachmann, Jahrgang 1926 war drei Jahre älter als Enzensberger. Von Anfang an ist ein Gefälle in ihrer Korrespondenz. Enzensberger wirbt, umgarnt, bewundert die Autorin zweier berühmter Gedichtbände: "Die gestundete Zeit" von 1953 und "Die Anrufung des großen Bären" von 1956. Bachmann entschuldigt sich eins ums andere Mal für säumige Antworten. Sie ist die am Leben leidende Diva, deren Briefe unumwunden zur Sache kommen. Enzensberger tänzelt um die Sache herum. Die Rollen scheinen festgeschrieben.

Umso spannender, dass sie sich im Laufe der Korrespondenz immer mehr zu verwischen scheinen. Bachmann zeigt eine pragmatisch, zupackende Seite. Zum Beispiel als sie Enzensberger bei der Planung des transnationalen Zeitschriftenprojekts Gulliver berät. Enzensberger wiederum zeigt im Sommer 1959 eine poetische Verletzlichkeit, die man dem "angry young man" kaum zugetraut hätte. Versucht er in einem seiner ersten Briefe noch Bachmanns Verbindungen zur Villa Massimo anzuzapfen, scheint im Frühsommer des Jahres 59 etwas zwischen den beiden passiert zu sein. Was, davon handeln weder die Briefe, noch das Nachwort konkret.

Er komme ins Stottern

Doch gehen wir noch einen Schritt zurück. 1957 beginnt der Briefwechsel zwischen Bachmann und Enzensberger. Und zunächst einmal geht es darin um Statusabfragen von Projekten und die Mitteilung ständig neuer Wohnorte. Während Enzensberger sich rastlos, aber nicht unfroh zwischen diversen Branchentreffen und seinem Familienexil in Norwegen bewegt, scheint Bachmann von Beginn an eine existenziell Unbehauste zu sein. Neapel, Rom und Zürich keine Stadt wird ihr zur Heimat. An Weihnachten 58 fragt sie Enzensberger unvermittelt:

"Wo wohnen Sie eigentlich? Haben Sie sich für Möbel entscheiden müssen oder war es entschieden? Ich wohne noch möbliert bis zum Frühling, und nachher möchte ich mich auch nicht entscheiden und ein halbes Jahr nach Spanien ausweichen. Aber dann? Soll man auf Drahtsesseln sitzen oder auf Empire? Soll man mit Bestecken Jahrgang 1953 essen oder das Steak mit einem bürgerlichen Jahrhundertwende-Silberbeil zerschneiden? Flughafenstil, Raumfahrttische, oder was, ich weiss nur, dass Hirschgeweihe nicht in Frage kommen."

Enzensbergers Antwort ist noch ganz im Bewusstsein des Standesunterschieds verfasst. Er komme doch immer bloß ins Stottern, wenn er ihr etwas erklären solle: "Gott weiß warum. Vielleicht weil sie derart dans le coup sind, dass ich immer denke, sie wüssten es schon vorher, was ich sagen wollte."

Ab März 1959 dann ist Enzensberger, der wenige Jahre später den Büchner-Preis zuerkannt bekommen soll, Stipendiat der Villa Massimo. Auch Bachmann hält sich in Rom auf. Etwas, man weiß nicht was, passiert. Hatte man sich zuvor noch respektvoll gesiezt, bricht Enzensberger Anfang Juli das rhetorische Siegel. Es ist der Beginn einer Serie poetischer Sehnsuchtsformeln. "Seit deiner abreise steht die luft still", heißt es am 25. Juli. "deine Briefe, deine briefe", stammelt er am 21. August. Und Ingeborg antwortet dem vom Spleen ergriffenen Freund: "Ich habe viel gelesen, viel nachgedacht, und ich ziehe Dich oft hinein in meinen Streit mit der Welt, der so aussichtslos ist, in dem ich so ohnmächtig bin."

Ingeborg Bachmann musste Rom überstürzt verlassen, um zu dem erkrankten Max Frisch zu fahren. Auch Enzensberger ist zu diesem Zeitpunkt in festen Händen und lebt mit Frau und Töchterchen in Norwegen. Der "summer of love" bleibt ein Ausnahmeereignis. Wunderbar lässt sich in den folgenden Monaten seine Transformation in eine solide Dichterfreundschaft beobachten. In einem Brief vom 21. August wird in gewohnt kecker Kleinschreibung ein neues Beziehungsprogramm vorgestellt:

"ich flöße nun einfach hin, leicht, von strömungen bewegt, über die monate, freundlichkeit heißt das floß, das sehr stabil gebaut ist. wohin es führt: lassen wir’s offen. denn es ist kein ende, auch dann nicht, wenn unser geheimer pakt nie mehr besiegelt würde. er ist es längst."

Sie will "wesentlich" werden

Noch im gleichen Brief lenkt Enzensberger das Gespräch geschickt auf dichterische Fragen. Er fordert jetzt, wo die beiden einen "Pakt" haben, eine Augenhöhe ein, die er zu Beginn der Korrespondenz noch von sich weist.

"die letzten drei tage habe ich in einem zug ‚die blechtrommel‘ von günter grass  gelesen. (...) das ist ein großer roman, nichts geringeres, ein in jeder hinsicht enormes buch, das die deutsche prosa von böll bis andersch und zurück als einen schrebersgarten zeigt. frisch soll sich freuen: er ist nicht mehr allein."

Und nun beginnt jener Teil des Briefwechsels, der für Literaturhistoriker ebenso interessant sein dürfte wie für Literaturliebhaber. Enzensberger betont nun nämlich die Unterschiede ihrer dichterischen Temperamente. Dort, wo Bachmann "wesentlich" werden will, beharrt er auf "Nebensächlichkeit". Fast vorwurfsvoll heißt es einmal:

"ich wüsste wohl gern, wie du es fertig bringt, nur zu schreiben, was auch gedruckt werden kann und gebunden und überliefert. (hinterlassungsfähige gebilde, wie benn es – in erbärmlichem deutsch – ausgedrückt hat.) das vermöchte ich nicht."

Als Enzensberger ein Jahr später eine unkorrigierte Fassung der Bachmannschen Ungaretti-Übersetzung in sein "Museum der modernen Poesie" aufzunehmen droht, zieht Ingeborg Bachmann die Reißleine.

"Ich muss es noch durchsehen, korrigieren, ehe es ans Licht kommt. Und: bitte, kein Wittgenstein-Aufsatz darf abgedruckt werden, assolutamente no, – ich muss das vorher durchsehen, sehen, ob überhaupt etwas verantwortet werden kann von diesen Jugendsünden."

Streng hatte Enzensberger zuvor schon festgestellt: "es muß da eine asketische ader in deiner geistigen natur sein, die sehr selten ist. wenn ich recht habe, kommt sie nicht nur beim schreiben zum vorschein. sie macht dir überhaupt das leben schwer."

Wohl wahr. Zum Martyrium werden besonders die Jahre nach der Trennung von Max Frisch ab 1962. Vier Jahre zuvor noch versucht Ingeborg Bachmann sich in der Rolle der Haus- und Dichterfrau im Schweizer Exil. Man liest solche Passagen nicht ohne Bitternis.

"Ich habe viel Anisplätzli und Vanillekipferl gegessen zu Weihnachten, unter grossen Anstrengungen ein Huhn gebraten und einen Fisch im Sud gemacht, lauter Premieren in der Küche, für die man noch unsuspekte Appläuse einheimsen darf, und ich bin so angespornt davon, dass ich mir ein Hasenragout für Silvester zutrauen möchte, während mein Mut für die nächste Vorlesung schon wieder im Sinken ist."

Bachmann, die in Frankfurt eine Poetikvorlesung abhalten soll, ist zerrissen zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen ihrer Generation und ihrem Drang nach Isolation – für sie die Voraussetzung für dichterische Produktivität. Die Selbstzerstörung erscheint hier als unvermeidbarer Kollateralschaden.

"Ich möchte mir so gern diese Raucherei abgewöhnen, bin schon ganz durchseucht, abends schlaflos und morgens steinmüde. Du musst dein Leben ändern, hat doch einer unserer Dichter gesagt, wieso eigentlich nicht?"

Enzensbergers rhetorische Leitathletik

Dort, wo sie seit 1961 immer häufiger von Krisen schreibt, betont Enzensberger den unverbindlichen Lebensspaß. "liebe ingeborg, ich schreibe dir mit der maschine damit du mein neues spielzeug sehen kannst nämlich den elektrischen schreibapparat, der es besser kann als meine alte klapprige olivetti. es ist wunderbar leicht für die handgelenke, und außerdem macht es spaß, denn man kann damit spielen."

Es folgt eine Demonstration der technischen Möglichkeiten mit Klein- und Großbuchstaben, mit  Leerzeichen und Buchstabenkaskaden. Wären da auch nicht immer wieder tief menschliche Töne in Enzensbergers Korrespondenz, wäre man verärgert über so viel Pseudoleichtsinn. Aber etwas an Enzensbergers rhetorischer Leichtathlektik ist triftig. 1961 war Bachmanns berühmter Erzählungsband "Das dreißigste Jahr" erschienen. Er ist das Zeugnis einer tiefen Weltskepsis. Alles wird darin in Frage gestellt: die Sprache, die Geschlechterordnung, der moralische Fortschritt. Bachmann leidet unheilbar an ihrer Zeit.

Enzensberger teilt mit ihr die Diagnosen, verlegt sich aber mit Reisen in die Sowjetunion und nach Kuba auf die politischen Möglichkeiten seiner Generation. Seine Briefe greifen den dunklen Ton der Bachmann nicht auf, sondern laborieren an einer Mischung aus persönlicher und gesellschaftlicher Glückserfüllung. Darin liegt der wesentliche Unterschied zu dem dystopischen Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und ihrer großen Liebe Paul Celan.

Enzensberger hatte aber durchaus ein Sensorium für die dunkle Seite der Dichterseele. Seine eigene offenbart er freilich nur selten. Etwa dann, wenn er Norwegen als den Ort beschreibt, an dem es ihm gelingt endlich Selbstverständlichkeit zu finden. Etwas, wie er schreibt, "woran die Fragen abprallen". Wo Bachmann sich nicht ohne Pathos dem Saturn verschreibt, hält Enzensberger wenig von Dämonenbeschwörung. Er stürzt sich in immer neue Projekte, an denen auch Bachmann partizipieren soll und die sie aus ihrer Arbeitslähmung reißen sollen. Sei es für einen Nelly-Sachs-Geburtstagsband oder später mit Gedichtlieferungen für Enzensbergers Kursbuch.

Die Maßlosigkeit in den Nächten

Im August 1964 befindet sich Ingeborg Bachmann allerdings auf dem Gipfel ihrer Depression, über die man in den Briefen an ihre Ärzte vieles lernen kann. Sie sind im vergangenen Jahr als Teil eins der Salzburger Gesamtausgabe unter dem Titel Male Oscuro veröffentlicht worden. Der Briefwechsel mit Enzensberger setzt das Editionsprojekt nun fort. Mang, wie Enzensberger sich unter Freunden nennt, versucht die tablettensüchtige Freundin zu trösten.

"... wie soll ich es Dir danken, dass Du mir geschrieben hast, auch noch einmal geschrieben und noch einmal, obwohl ich nie geantwortet habe? Ich will Dir nicht lang und breit die "Leidensgeschichte" ausbreiten, die mich so weit gebracht hat, keine Briefe mehr zu abzuschicken, denn geschrieben haben ich auch, so vor mich hin, mit allem Unverstand und aller Masslosigkeit in den Nächten. Am nächsten Morgen sieht man ein, dass es nicht geht, dass man eben das Mass verliert, weil man krank ist."

Neben "Freundlichkeit" spricht aus Enzensbergers Korrespondenz mit der gefallenen Lyrikerin aber noch etwas anderes: Geschäftigkeit. Enzensberger nimmt an Tagungen der Gruppe 47 teil, für die Bachmann sich zu schwach fühlt. Und er steckt in allerlei neuen Projekten. Darunter das dreisprachige Zeitschriftenprojekt Gulliver.

Der Briefwechsel Bachmann/Enzensberger ist auch ein interessantes Dokument des Scheiterns dieser europäischen Sprachutopie. Im Nachwort des Herausgebers heißt es, die Vierteljahresschrift Kursbuch verdanke sich der Frustration, die dieses Abenteuer hinterlassen habe. Was wurde darin aber genau verhandelt?

Europäisch denken, fordert Bachmann in ihrem Beitrag für Gulliver, hieße eben nicht bloß den europäischen Versöhnungskurs der Politik literarisch nachzuäffen. Europäisch denken hieße vor allem: utopisch denken!

"... dass die Risse eines Tages wirklich aufspringen (...) als Risse auch im Gebrauch von Sprache, die nicht nur den Schreibenden betreffen, aber den Schreibenden zuerst betreffen, weil er nicht mit einem nationalen Fertigprodukt ‚Sprache‘ oder einem internationalen Wunschprodukt ‚Sprache‘ umgehen kann und es gebrauchen kann, sondern, von ihr geprüft und sie prüfend, ein Abenteuer mit der Sprache hat, dessen Ausgang ungewiss ist."

Eine "poetische Weltsprache", die nicht zuletzt von Übersetzungen lebt, wird hier proklamiert. Und nach einer legendären Pariser Konferenz 1963 als gescheitert erklärt. Enzensberger fasst es in einem Protokoll an Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson, der die Redaktion der Zeitschrift übernommen hatte, zusammen:

"gullivers planung war ein gewaltstreich, der versuch einer antizipation à presque tout prix. das ergebnis zeigt, dass dieser gewaltstreich die reale situation nicht hat verändern können. diese situation ist durch erhebliche entfernungen, durch große fremdheit bestimmt. (...) sie läßt eine kongruenz dreier zeitschriften in drei ländern (noch) nicht zu. dagegen erlaubt und gebietet sie (glaube ich) überschneidungen."

"sei gescheit und laß dich nicht länger bitten"

Mit dem weltliterarisch nicht unambitionierten Kursbuch war man bescheidener geworden.  Ab 1966 drehen sich die meisten Briefe Bachmanns um die beharrlich von Enzensberger eingeforderten Textbeiträge. Bachmann hat Bedenken: "Wegen dem Kursbuch (...) – so denke ich, dass man eben keine Gedichte zwischen Vietnam und Südamerika unterbringen kann. Aber ich will Dir nur den Weg ebnen zu einer Absage, die ich schon im voraus begreife."

Aber Enzensberger lässt nicht locker: "wenn du aber doch ein couvert hast, die post guter laune, das kopfweh vergangen, die schublade wiederzufinden ist, dann nimm die gedichte sogleich, will sagen jetzt, tu sie ins couvert, kleb die marken drauf – aber ob ein briefkasten in der nähe ist? hoffen wir es. dann sind deine gedichte in einer guten woche hier. denn so beschaffen ist das kursbuch nicht wie du denkst, zwischen südamerika und vietnam. (...) jetzt sei gescheit und laß dich nicht länger bitten."

Das Hin-und-her hat Krimiqualitäten, bei dem italienische Poststreiks, verschwindene Durchschläge und düstere Vorahnungen eine Rolle spielen. Doch Enzensbergers Werben hat schließlich Erfolg. Im nicht zuletzt wegen Bachmann legendär gewordenen Kursbuch 15 werden vier ihrer Gedichte abgedruckt. Darunter jenes, das Bachmann für ihr bestes hielt: "Böhmen liegt am Meer".

Die Korrespondenz zwischen Hans Magnus Enzensberger und Ingeborg Bachmann endet wenige Monate vor seinem Erscheinen. Es liest sich im Rückblick alles als ein Zulaufen auf diese Art von literaturgeschichtlicher Ewigkeit, die Ingeborg Bachmann von Anfang an vorgeschwebt haben mag. In einem ihrer letzten Briefe schreibt sie Enzensberger in unheimlicher Selbstsicherheit: "Denn damit kann ich auch fremdsprachige Säle zum Schweigen bringen".

Ab 1968 brachte sie auch Enzensberger zum Schweigen. Es sind jedenfalls keine weiteren Briefe zwischen den beiden mehr bekannt. Ingeborg Bachmann starb nur fünf Jahre nach dem Erscheinen des legendären Kursbuchs bei einem Brandunfall in Rom.

Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger: "schreib alles was wahr ist auf" – Briefe
Der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Magnus Enzensberger
Herausgegeben von Hubert Lengauer
Piper Verlag und Suhrkamp Verlag, Berlin, München und Zürich 2018. 479 Seiten, 44 Euro.

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