Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseiteEine WeltPost vom Ende der Welt hat es schwer12.09.2015

Britisch-argentinische BeziehungenPost vom Ende der Welt hat es schwer

In Port Lockroy, auf einer Insel vor der antarktischen Halbinsel, die wie ein Finger ins Südpolarmeer hinaus reicht, unterhält Großbritannien das südlichste Postamt unseres Erdballs. Selbst hier, wo es kein Militär, sondern Pinguine gibt, ist der Konflikt mit Argentinien noch zu spüren.

Von Michael Marek und Sven Weniger

Das Pinguin Postamt auf der ehemaligen englischen Forschungsstation Port Lockroy. Port Lockroy ist ein Naturhafen im Britischen Antarktisterritorium.Die Insel ist eine der beliebtesten Touristenattraktionen in der Antarktis. (imago/Jan Huebner)
Das Pinguin Postamt auf der ehemaligen englischen Forschungsstation Port Lockroy in der Antarktis. (imago/Jan Huebner)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

"Welcome to Port Lockroy." Willkommen in Port Lockroy! Es tut mir Leid, dass Sie eine Weile warten mussten, aber die Überfahrt im Schlauchboot ist heute ein bisschen windig. 

Florence Barrow begrüßt die Gäste des Kreuzfahrtschiffes. Die 25-Jährige ist groß, blond und hat feine Gesichtszügen - man würde sie eher in einer britischen Eliteuniversität erwarten als hier - am Rande der Zivilisation. Tatsächlich hatte sie an der altehrwürdigen St. Andrews Universität in Schottland studiert, bis sie dieses Praktikum bekam, für fünf Monate, zusammen mit drei anderen Freiwilligen, im antarktischen Sommer zwischen November und März, wenn Port Lockroy bewohnt wird.

"Die Bucht wurde 1904 von dem Franzosen Jean-Baptiste Charcot entdeckt, der es nach seinem Sponsor für die Expedition, einem französischen Minister, benannte. Eigentlich müsste ich also "Lockroy" sagen. Port Lockroy wurde schnell zu einem wichtigen Stützpunkt für Walfänger. Dass Port Lockroy ab 1944 eine feste britische Basis wurde, hatte wohl politische Gründe, denn Chilenen und Argentinier errichteten zu jener Zeit ebenfalls Stationen. Die Briten fragten sich also, was sollen wir tun - und errichteten ein Postamt. Sehr Britisch alles!"

Ein kleines Museum, wo früher die Walfänger hausten                  

Ein Postamt – wer auf Google Earth Port Lockroy zoomt, schüttelt den Kopf. Weit und breit keine Kunden außer den allgegenwärtigen Eselspinguinen, die nächstgelegene menschliche Siedlung liegt 1.000 Kilometer nördlich im argentinischen Ushuaia.

Florence Barrow wohnt und arbeitet in dem kleinen nachtblau gestrichenen Holzensemble Bransfield House mit feuerroten Fensterrahmen und Dachkanten auf einer Felsnase, die ins Wasser hinausragt. Vor der Tür weht der unvermeidliche Union Jack am Fahnenmast. Seit 1996 steht der Ort unter Denkmalschutz und wird seitdem vom United Kingdom Antarctic Heritage Trust wieder hergerichtet. Die Besatzung verbringt hier die Sommermonate katalogisiert die Erinnerungsstücke und betreibt ein kleines Museum, in dessen Räumen früher die Walfänger hausten.

"Im Museum gibt es viel Arbeit. In dieser Saison katalogisiere ich Bücher und Magazine. Schauen Sie sich den Schlafsaal mit den Kojen an. Da haben die Männer damals Bilder von Frauen an die Wand gemalt. Die wurden erst vor Kurzem entdeckt, nachdem wir dort ausgezogen waren und eigene Unterkünfte bezogen hatten. Bei der Restaurierung kamen Bilder von Elizabeth Taylor zum Vorschein, Doris Day und Jane Mansfield, alles Damen, die meiner Generation nicht mehr viel sagen, aber vielleicht Ihnen."

Argentinien befördert bis heute keine britische Post

Auch an einem derart friedlichen Ort wie Port Lockroy ist die Erzfeindschaft zwischen den Falklandkriegern Argentinien und Großbritannien bis heute nicht überwunden. Da alle Briefe und Postkarten der Royal Mail mit den Kreuzfahrtschiffen Port Lockroy verlassen, könnten diese die Sendungen natürlich in Ushuaia abliefern – die südargentinische Stadt ist von hier in zwei Tagen mit dem Schiff zu erreichen. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt fast aller Antarktisreisen. Aber Argentinien weigert sich bis heute, die britische Post zu befördern. Karten und Briefe, aufgegeben im südlichsten Postamt der Erde, müssen samt und sonders zu den weit abgelegenen Falklandinseln geschafft werden, um von dort den Weg zurück in die Zivilisation zu finden. Bis heute erlaubt Argentinien nur einen Überflug pro Woche über sein Territorium zwischen Santiago de Chile und den Falklands. Die gegenseitigen Aversionen sitzen immer noch tief. Eine feindselige Stimmung, die noch immer anhält. Lediglich Chile pflegt traditionell gute Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich. 1982 war es das einzige Land Südamerikas, das während des Falklandkrieges nicht gegen Großbritannien stellte.

 "In dieser Saison bin ich die Postangestellte, ein unkonventioneller Posten, mit dem ich vorher nicht gerechnet hatte. Ein toller Job, auch sehr britisch. Wer will eine Postkarte versenden? Es kostet nur einen Dollar, wohin auch immer in der Welt. Wenn Sie also diesen phänomenal guten Service in Anspruch nehmen wollen, wäre das super. Mit US-Dollar, Euro, können Sie bezahlen. Und natürlich mit britischen Pfund."

Briefmarke mit Pinguin-Stempel

Ob die Kreuzfahrtschiffe nur wegen eines Briefkastens in Port Lockroy vor Anker gehen, trotz aller Schönheit der wilden Landschaft, die hier wie überall in der Antarktis sprachlos macht, wer kann das schon beantworten? Dafür gibt es eine Briefmarke mit dem Aufdruck: British Antarctic Territory – entweder mit dem Bild der jungen Königin, Entdeckern aus dem Königreich oder natürlich Pinguinen. Das wichtigste aber ist der Poststempel selbst, von Florence mit klammen Fingern akkurat auf Marke und Karte platziert: In der Mitte des Ovals der Pinguin, wer sonst, umrahmt, als sei es ein Heiligenschein, von der Zeile: Port Lockroy Antarctica, darunter die Website des United Kingdom Antarctic Heritage Trust mit den die Koordinaten des südlichsten Postamtes der Erde.

"Das alles sind natürlich fantastische Entdeckungen. Außerdem gibt es alte Grammophonplatten. Sie bekommen also eine gute Vorstellung davon, wie es hier zu jener Zeit zuging. Im Aufenthaltsraum saßen die Männer zusammen, aßen, tranken und hörten Musik. Man bekommt ein echtes Gefühl davon, wie es damals war, hier zu leben."

Wer erlebt, wie unkompliziert und friedlich die Eselspinguine in ihrer Kolonie, hier am Ende Welt zusammenleben, den mag ein Gedanke überkommen: Vielleicht wären die schwarz-weiß-gefrackten flugunfähigen Seevögel ein gutes Beispiel für Argentinier und Briten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk