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StartseiteRock et ceteraNationales Rock-Heiligtum23.07.2017

Britische Band ElbowNationales Rock-Heiligtum

Die majestätischen Arrangements der britischen Band Elbow sorgen für Mainstream-Appeal und kommerziellen Erfolg. Einerseits haben Elbow Post-Punk-Vorbilder wie Radiohead, andererseits sind sie auch von Progressive Rock-Bands wie Genesis geprägt. Eine enorm erfolgreiche musikalische Mischung.

Von Paul Baskerville

Ein Mann in kariertem Baumwollhemd steht mit ausgebreiteten Armen lachend auf einer Bühne, in der Hand hält er einen Becher Bier. (picture alliance / dpa / Will Oliver)
Sänger Guy Garvey von der Band Elbow beim Glastonbury Festival 2014. (picture alliance / dpa / Will Oliver)

Diese Sendung können Sie nach Ausstrahlung sieben Tage nachhören.

Musik ”Red”

Die Mitglieder von Elbow kannten sich alle aus der Schulzeit in Manchester und machen seit 1990 zusammen Musik. 1997 beschlossen sie dann, Profis zu werden. Das Debütalbum "Asleep in the back" erschien 2001 und war ein Top-20-Hit in Großbritannien. Von Anfang an waren ihre Songs herzerfrischend und charmant, einerseits mit epischem Charakter, anderseits ist der Gesangstil von Guy Garvey schlicht und schnörkellos. Er singt mit bodenständigem nordenglischen Akzent. Episch-klingend und bodenständig muss kein Widerspruch sein.

Sinn für Ästhetik

"Mir ist es schon klar, dass ich immer gerne umgangssprachliche Begriffe in den Texten verwendet habe, weil man dadurch ein Gefühl für den Ort und vom Zeitpunkt eines Songs bekommt. Indem ich eine Geschichte erzähle, versuche ich eine emotionale Reaktion beim Hörer hervorzurufen. Jedenfalls haben wir uns nie bewusst für unseren Sound entschieden. Unser Sinn für Ästhetik bestimmt letztendlich, wie wir klingen."

Musik "Powder Blue"

Das aktuelle Album "Little Fictions" ist ihr siebtes Werk, es erschien im Februar. Die Band ist für ihre Liebe zum Detail bekannt, aber diese Platte ist für ihre Verhältnisse schnell entstanden. Sie haben das Bedürfnis verspürt, zügiger zu handeln. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Seitdem man digital produziert, braucht man nicht mehr zwingend so lange wie früher.

"Als wir unseren ersten Plattenvertrag bekamen, hat das Debütalbum eine Million Pfund gekostet, man brauchte einen Produzenten, und das Ganze wurde auf Tonband aufgenommen. Die ganze Landschaft hat sich geändert. Die Produktionstechnik ist für die Menschen, die Musik machen wollen, zugänglicher geworden. Dadurch ist die Szene kreativer geworden. Ich bin der Überzeugung, dass es nie einen besseren Zeitpunkt gegeben hat, um Musiker zu sein. Es gibt keine Grenzen mehr."

Musik "Magnificent (she says)"

Musik für eine Handvoll Hörer

"Es wird zwar behauptet, dass die billige Produktionsweise heutzutage die Musik entwertet. Das sehe ich nicht so. Die Musik wird dadurch freier, das Ganze ist demokratischer geworden. Oft machen die Leute Musik für eine Handvoll Hörer. Das ist was Besonderes. Es ist, als ob man extra ein Bild für ein Familienmitglied malt. Wir dachten: "Lasst uns nicht an diese Platte wie an ein Rettungsboot klammern. Lassen wir das Album atmen, es wird schon werden, wie es werden soll, und wir können dann zwei Platten in der Zeit machen, in der wir normalerweise nur eine machen würden."

"Maginficent (She says)" ist ein sehr positives Lied. Es handelt davon, wie eine Mutter ihrem Kind die Welt und die Zukunft als einen wunderschönen Ort darstellt. Elbow waren entschlossen, ein optimistisches Lied als Eröffnungsstück zu haben, um sich selbst aufzumuntern. Die Grundstimmung war nämlich alles andere als heiter, als sie mit der Produktion starten wollten. Der Drummer Richard Jupp verließ die Gruppe, kurz bevor es mit den Aufnahmen losging. Der erste Teil vom Album ist dann in einem abgelegenen Ort in Schottland entstanden.

"Um ehrlich zu sein, war die Schottland-Reise geplant, um zu versuchen, die Wunden zwischen uns und dem Drummer zu heilen. Aber er kam gar nicht mit. Wir waren bestürzt. Es war kaum zu glauben, dass er nicht mal versuchen würde, die Situation zu retten. Wir hatten einen Herrensitz in Schottland gemietet. Es war tiefster Winter, arschkalt, trotz eines riesigen Kamins. Es gab eine Menge Whisky und viel Essen. "Kindling" und "Head for Supplies" sind die zwei Songs, die aus diesen Sessions entstanden sind. Man spürt die Melancholie in den Liedern. Sie sind sanft und nachdenklich. Es war eine merkwürdige Woche. Es war auch dieselbe Woche, in der Bowie gestorben ist. Wir wollten zwar keine Bowie-Trauer-Mitläufer werden, aber sein Tod hat uns zutiefst berührt."

Musik "Kindling"

"Der Song "Kindling" handelt davon, wie man sich von der Person, die man liebt, für eine Weile verabschieden muss. Meine Frau lebt in London, ich in Manchester und London. Es gibt eine Menge Bahnfahrten in unserer Romanze. Ich bin mit vielen Berufspendlern unterwegs, und kriege ihren Stress mit. Trotz schwerer Rahmenbedingungen kann man Freude an den kleinen Dingen im Leben finden. Davon handelt das Lied."

Nachdem sie den Abschied vom Trommler Richard Jupp überwunden hatten, sahen Elbow die Chance, die Spinnweben wegzublasen, indem sie den Schlagzeuger nicht richtig ersetzten. Gelegentlich hilft der Sessiondrummer Alex Reeves aus.

Ohne einen Schlagzeuger im Raum

"Um den Abschied von Richard wieder auszugleichen, haben wir tatsächlich unser beat-lastigstes Album gemacht. Wir haben schon in der Vergangenheit mit Loops und Samples gearbeitet, aber nun halt im großen Stil. Unser Keyboarder Craig hat die Verantwortung für die Drum-Programmierung übernommen. Es ist das erste Album, das wir komponiert haben, ohne dass ein Schlagzeuger überhaupt im Raum war. Auch deshalb haben wir schneller arbeiten können, weil es halt eine Meinung weniger gab, die berücksichtigt werden musste."

Musik "All disco"

Das neue Album zeigt kompositorischen Ehrgeiz, aber auch ungenierte Sentimentalität. "Little Fictions" soll vor allem positive Schwingungen vermitteln.

"Es war unser Ziel, mit diesem Album eine Platte zum Thema Liebe und Hoffnung zu machen. Der Arbeitstitel war erst mal "Love" und wir waren weniger schüchtern als sonst, als es darum ging, mit unseren Gefühlen offen umzugehen. Wir hatten schon immer den Ruf, erbauliche Lieder zu schreiben. Der teilweise düstere Inhalt meiner Texte wird oft übersehen. Unsere hymnenartigen Melodien verdrängen deprimierende Botschaften. Ich bin in dieser Hinsicht mit dem nordenglischen Dramatiker Alan Bennett vergleichbar. Er sagte vor Kurzem: "Ich betrachte mich als ein Radikaler, aber man findet mich immer kuschlig. Sogar wenn ich die Schauspielerin Judi Dench mit einer Mistgabel erstechen würde, würde man mich immer noch als Teddybär bezeichnen."

Musik "Little Fictions"

"Little Fictions" Kleine Fiktionen". Guy Garvey ist für den autobiografischen Inhalt seiner Songs bekannt, aber dieser Albumtitel deutet was anderes an.

"Es ist brillant. Ich kann schreiben, was ich will, und wenn jemand sich von mir angegriffen fühlt, kann ich sagen: "Guck mal, wie der Albumtitel lautet! Es entspricht nicht der Wahrheit!" Was das Titelstück betrifft, es geht um den Gedanken, dass die Verlogenheit in den sozialen Medien der Anfang vom Ende für uns alle sein könnte. Jeder kann sich inzwischen in der Öffentlichkeit unkontrolliert äußern, ohne dass die Wahrhaftigkeit geprüft werden kann. Das Lied handelt auch davon, wie Menschen sich im Streit verstellen. Wenn man ohne klaren Verstand ist, will man unbedingt in der Auseinandersetzung als Sieger hervorgehen."

Musik "Little Fictions"

Guy Garvey liebt seine Heimat. Er ist sogar ziemlich fixiert darauf. Beim neuen Album sind ein Orchester und ein Chor zu hören, natürlich aus seiner Heimat Manchester. Das "Hallé Orchestra" ist sehr renommiert, und "The Ancoats Community Choir" ebenfalls.

Manchester im Herzen

"Es ist ein magischer Ort. Je mehr wir reisen, desto mehr wissen wir unsere Heimat zu schätzen. Die Stadt fließt in unseren Adern, wir können uns nicht dagegen wehren. Unser Weltbild ist von Manchester geprägt worden. Manchester wird immer im Herzen unserer Musik präsent sein."

Musik "Grounds for divorce"

Elbow haben sich für das Lied "Gentle Storm" auf dem "Little Fictions Album von den älteren Manchester Herrschaften Godley & Creme inspirieren lassen. Godley & Creme's erste Band 10 CC war eine der größten internationalen Pop Bands der 70er-Jahre.

"Der Videoclip zum Lied "Gentle Storm" ist von Kevin Godley von Godley & Creme gedreht worden. Wir hatten ihn darum gebeten, weil unser Lied "Gentle Storm" uns an "Cry" von Godley & Creme erinnert hat. Kennst Du das Lied noch? (singt laut) "You don't know how to ease my pain!" Kevin Godley kommt so wie wir alle in diesem Raum aus Manchester, ich soll übrigens schöne Grüße an dich von meiner Mutter bestellen. (lacht) Jedenfalls rief ich Kevin Godley an und fragte ihn, ob wir sein berühmtes Video von "Cry" klauen könnten, und er meinte: "Du dreister Arsch! Ja, gerne!"

Musik "Gentle Storm"

"Unser Lied "Gentle Storm" und das dazugehörige Video bot eine Gelegenheit unsere älteren Fans zu würdigen. Sie sind es, die vom Anfang an dabei waren. Sie werden es sein, die dabei bleiben werden, solange wir Platten machen. Wegen der treuen Anhängerschaft müssen wir uns keine Gedanken darüber machen, ob wir die Jugend ansprechen, wir müssen nicht im Trend bleiben. Wir können Lieder schreiben über Themen, die für Eltern, die 40+ sind, relevant sind.

Musik "One day like this"

Elbow haben sich keine Feinde gemacht. Es kommt selten vor, dass eine Band richtig prominent wird, ohne sich irgendwo unbeliebt gemacht zu haben. Guy Garvey wirkt zwar souverän, aber zugleich demütig und selbstironisch.

"Wir sind ungeschoren davon gekommen. Ich glaube, es liegt daran, dass wir die Ersten sind, die unsere Hände hochgehalten haben, und gesagt haben. 'Hi, wir sind die uncoolen Idioten!' Was sollen die Leute dann gegen dich haben?"

Musik "Lippy Kids"

Bestandteil der britischen Popkultur

Sänger Guy Garvey sieht Elbow als einen legitimen Bestandteil der britischen Popkultur.

"Wir wissen, dass viele andere Menschen schon mal ähnliche Musik mit einer ähnlichen Attitüde gemacht haben. Elbow hat die Art von Sensibilität, die Mark Lanegan einmal als "Sad Disco" "Traurige Disco" beschrieb. Er meinte, diese unglaubliche Phase der Elektro-Pop-Musik. Bands wie Tears for Fears und Soft Cell, die eine sehr melancholische Pop-Musik gemacht haben. Die jetzige weitverbreitete düstere Stimmung und vor allem die Verwirrung, die mit der Trump und Brexit-Ära ihren Höhepunkt erreicht hat, scheint ein Fenster für uns zur "Sad Disco" geöffnet zu haben. Unser jetziger Sound hat der Musik aus jener Zeit viel zu verdanken."

Elbow ist eine der prominentesten Bands in Großbritannien, sie wird als eine Art nationales Heiligtum behandelt. Als Elbow kürzlich einen "Überraschungs-Gig" beim Glastonbury Festival spielten, grenzte die Reaktion an Hysterie, so als ob die Königin persönlich erschienen wäre. Elbow schreiben schöne Songs, die liebevoll und majestätisch arrangiert werden, aber ohne zu pathetisch zu werden. Der Gesang ist selbstbewusst, kraftstrotzend, aber sensibel. Auf dem Album "Little Fictions" gibt es den verstärkten Einsatz von Drumloops und Elektronik. Dadurch klingen die neuen Songs noch organischer, der Sound ist teilweise schlichter als früher, aber die hymnenartige Tendenz haben sie dennoch beibehalten können. Der Reiz der Band für den Hörer ist einfach, wenn man sich mit solchen schönen Klängen beschäftigt, kann man sich selber großartig fühlen.

Musik "Forget myself"

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