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StartseiteThemaWie gefährlich sind die Coronavirus-Mutationen?11.06.2021

Britische, indische, südafrikanische VariantenWie gefährlich sind die Coronavirus-Mutationen?

Gleich mehrere Varianten des ursprünglichen Coronavirus sind in Deutschland angekommen. Dominierend ist immer noch die britische Variante B.1.1.7, aber auch B.1.617 aus Indien wird vermehrt nachgewiesen. Wie gefährlich sind die Coronavirus-Varianten, wie wirksam die Impfstoffe noch? Ein Überblick.

Die Illustration zeigt die Kronenzacken (Spikes) des Coronavirus. Links die britische, in der Mitte die brasilianisch und rechts die südafrikanische Variante. In diesem Bild sind die Atome der Spikes zu erkennen (picture alliance / Maximilian Schönherr )
Immer mehr Infektionen gehen auf Mutationen des Coronavirus zurück (picture alliance / Maximilian Schönherr )
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Bei der Vermehrung von Viren entstehen Fehler, Mutationen. Weltweit sind weit mehr als 10.000 Mutationen von SARS-CoV-2 registriert. Allerdings haben sich bislang nur wenige Mutanten so entwickelt, dass sie dem Erreger selektive Vorteile verschaffen und den Pandemieverlauf beschleunigen. Als bedenkliche Varianten (Variants of Concern, abgekürzt VOC) gelten unter anderem die britische B.1.1.7, die indische B.1.617, die südafrikanische B.1.351 und die brasilianische P.1. 

Von den Varianten ist bekannt, dass sich bei ihnen die Struktur des Spike-Proteins verändert hat. Mit diesem Eiweißmolekül dockt das Virus an der Oberfläche von Körperzellen an und verschafft sich Einlass. Somit haben die Mutationen bildlich gesprochen einen besseren Schlüssel und gelangen schneller und effektiver in die Zellen des Menschen.


Indische Variante B.1.617 (Delta)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat B.1.617 als "besorgniserregend" eingestuft, also in die höchste Kategorie. Es gebe Hinweise, dass die erstmals in Indien nachgewiesene Variante ansteckender und womöglich auch unempfindlicher gegen Antikörper sei, so die WHO. In Deutschland macht Delta rund drei Prozent der Infektionen aus. (Stand: 02.06.2021)

  (dpa / picture alliance / Michael Kappeler) (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)Lauterbach (SPD) - "Indische Variante sehr ansteckend und ein Stück weit impfresistent" Mit Blick auf den Sommer warnte der SPD-Gesundheitspolitiker vor Nachlässigkeiten bei der Überprüfung, wer aus einem Mutationsgebiet komme. Auch die Quarantäneregelung müsse unbedingt eingehalten werden.

Unterschiede B.1.617 zum Wildtyp

Die Mutante hat im Vergleich zum Ursprungsvirus 15 Mutationen, im Mittelpunkt stehen dabei zwei, die das Spike-Protein betreffen. Die Variante wird daher auch als Doppelmutante bezeichnet. Diese Mutationen sind jeweils für sich betrachtet bereits von anderen Varianten bekannt. Die eine Mutation soll die Antikörperantwort etwas unterdrücken und die andere Mutation die zelluläre, den zweiten Arm der Immunantwort. Das ergebe möglicherweise einen sich gegenseitig verstärkenden Effekt, erklärt Lars Schaade, Vizepräsident des Robert-Koch-Institutes. Es handelt sich aber nicht um eine Kreuzung von zwei verschiedenen Mutanten, betonte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update".

"Wir können klar sagen, dass sie sich schneller ausbreitet", sagte der Londoner Infektionsforscher Neil Ferguson Ende Mai über die Variante B.1.617. Nach Erkenntnissen von Public Health England ist sie etwa eineinhalbmal so ansteckend wie die britische: Statt acht Prozent steckten sich zwölf Prozent der Menschen im engen Kontakt mit Trägern der Variante an. Diese ersten Zahlen basieren allerdings auf einer kleinen Testgruppe. Noch spielt die Variante in Deutschland eine untergeordnete Rolle. Das könnte sich ändern, weil Delta ansteckender ist oder weil das Virus eingetragen wird. 

Welche Krankheitsverläufe sind bei B.1.617 zu erwarten?

B.1.617 scheint nach ersten Erkenntnissen (Stand: 26.5.2021) keine schwereren Krankheitsverläufe auszulösen als andere Varianten. Verfügbare Daten aus Indien zeigen bisher keine höhere Sterblichkeit oder schwerere Symptome durch B.1.617.

Wie wirksam sind bisherige Impfstoffe gegen Delta (B.1.617)?

Erste Daten der New York University, die aber noch nicht von Fachleuten überprüft worden sind, zeigten, dass die Impfstoffe gut gegen die indische Variante wirken, berichtete Medizinjournalistin Christina Sartori im Dlf. Untersuchungen von Public Health England kamen zum Schluss, dass die Schutzwirkung von BioNTech/Pfizer gegen B.1.627 nach der zweiten Dosis 88 Prozent beträgt, also etwas weniger als bei früheren Varianten, die Schutzwirkung von AstraZenca bei 60 Prozent.

Allerdings ist die Schutzwirkung gegen die indische Variante nach der erstem Impfung deutlich schwächer als gegen den Wildtyp. 

Britische Variante B.1.1.7 (Alpha)

Die britische Coronavirus-Mutante B.1.1.7 hat sich in Deutschland mittlerweile durchgesetzt und ist die dominierende Variante. Aktuell wird B.1.1.7 in 93 Prozent der untersuchten positiven Proben in Deutschland gefunden, also in neun von zehn Proben. (Stand: 21.4.2021)

Unterschiede B.1.1.7 zum Wildtyp 

Bei der britischen Variante ist das Virus an mehreren Stellen mutiert. Das Spike-Protein ist so verändert, dass es besser an menschliche Körperzellen andocken kann. Forscher vermuten, dass sich damit auch die Virenlast erhöht und der Krankheitsverlauf sich um mehrere Tage verlängert - statt acht auf mehr als 13 Tage. Daher werden in Deutschland aktuell 14 Tage Quarantäne verhängt.

Welche Krankheitsverläufe sind bei einer Infektion mit B.1.1.7 zu erwarten?

Die Virusmutante ist zwischen 43 und 90 Prozent ansteckender als das Ursprungsvirus. Sie ist aber laut einer Studie von April 2021 möglicherweise nicht gefährlicher, was den Krankheitsverlauf angeht. Die Wissenschaftler konnten keinen Zusammenhang der Variante mit einer schweren Krankheit oder Tod feststellen. Der Infektiologe Clemens Wendtner erklärte im Deutschlandfunk, dass die Symptome dieselben seien wie bei der Standardvariante – mit einer Ausnahme: Auch Kinder könnten schwerer erkranken.  

Wie wirksam sind bisherige Impfstoffe gegen B.1.1.7?

Die in Deutschland zugelassen Impfstoffe schützen auch gegen die britische Mutante. Der Impfstoff von BioNTech/Pfizer wirkt effektiv, entsprechende Daten zu der Studie wurden im Fachblatt "Nature Medicine" veröffentlicht. Auch Moderna meldet eine hohe Wirksamkeit bei der Variante. Der Impfstoff von AstrazenecaZeneca weist laut einer noch nicht abgeschlossenen Studie eine ähnlich hohe Wirksamkeit wie gegen den Wildtyp auf - er ist zu 75 Prozent wirksam. 

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)


Südafrikanische Variante B.1.351 (Beta)

Die südafrikanische Variante spielt in Deutschland nur eine sehr geringe Rolle. Ihr Anteil liegt laut RKI konstant bei gut einem Prozent der untersuchten Proben. 

Unterschiede B.1.351 zum Wildtyp

Auch B.1.361 beinhaltet mehrere Mutationen, davon eine im Spike-Protein, die offenbar die Bindung von Antikörpern beeinträchtigt. Diese Mutante kann somit der Immunantwort besser ausweichen. Forscher schätzen, dass B.1.351 etwa 50 bis 60 Prozent ansteckender ist als der Wildtyp, also nicht ganz so ansteckend wie die britische Mutante. Auch hier scheinen sich vermehrt jüngere Menschen anzustecken - auch Kinder. 

Welche Krankheitsverläufe sind bei B.1.351 zu erwarten?

Weil B.1.351 ansteckender ist als der Wildtyp, sind nur geringere Mengen an Viren vonnöten, um eine Infektion auszulösen. Es gibt zudem Hinweise, dass sich Menschen nach überstandener Infektion wieder mit dieser Variante anstecken können. Laut der K.R.I.S.P.-Forscher aus Durban in Südafrika scheint die neue Mutante aber nicht tödlicher zu sein als das Ursprungsvirus.  

Wie wirksam sind bisherige Impfstoffe gegen B.1.351?

Die südafrikanische Mutante B.1.351 bereitet Sorgen, weil sie der Immunantwort teilweise ausweichen kann. Die Wirksamkeit der Impfstoffe könnte dadurch verringert sein. So soll der Astrazenecazeneca-Impfstoff laut einer Studie nur einen "minimalen Schutz" gegen milde und mittelschwere Krankheitsverläufe bieten. "Die Geimpften können sich anstecken, entwickeln dann auch Symptome", erläutert der Dlf-Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth und fügt an: "Vor einem schweren Krankheitsverlauf scheinen sie aber nach wie vor geschützt zu sein."

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Brasilianische Variante P.1 (Gamma)

Die Variante P.1 wurde bisher nur vereinzelt in Deutschland nachgewiesen und liegen laut RKI aktuell bei einem konstant niedrigen Anteil von 0,1 Prozent.  

Unterschiede P.1 zum Wildtyp 

P.1 weist mehrere Mutationen auf, sie ähnelt laut Angaben des RKI in ihren Veränderungen der südafrikanischen Variante. Auch hier scheint es eine reduzierte Wirksamkeit neutralisierender Antikörper bei Genesenen oder Geimpften zu geben. Außerdem scheint auch diese Mutante ansteckender zu sein als der Wildtyp. Forscher berichten von einer um 1,4 bis 2,2-mal erhöhten Übertragbarkeit. 

Welche Krankheitsverläufe sind bei P.1 zu erwarten?

Dazu gibt es nur wenige belastbare Daten. Eine Studie kommt zwar zu dem Schluss, dass es einen Anstieg des relativen Sterblichkeitsrisikos durch P.1. gibt, allerdings untersuchten sie nur die Situation in der brasilianischen Stadt Manaus, dessen Gesundheitssystem überlastet war. Die Forscher kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass man sich trotz einer überstandenen Infektion mit dem Wildtyp wieder anstecken kann.   

Wie wirksam sind bisherige Impfstoffe gegen P.1?

Dazu gibt es bisher nur wenige und noch dazu widersprüchliche Untersuchungen. Ein vorläufiger Bericht kommt zu dem Schluss, dass Impfstoffe gegen P.1 besser wirken als gegen die südafrikanische Variante - aber schlechter als gegen den Wildtyp. Nach einer weiteren noch nicht veröffentlichen Studie haben die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Modena allerdings eine geringere Schutzwirkung.


Welche Folgen haben infektiösere Varianten?

Durch Mutationen verändert sich ein entscheidender Parameter der Modellrechnungen: die Ansteckungsgefahr des Virus. Gesellschaftlich macht es einen großen Unterschied, ob ein Virus sich schneller verbreitet. Denn dann greifen die Gegenmaßnahmen nicht mehr so gut. 

Führen hohe Fallzahlen zu noch mehr gefährlichen Mutationen?

Hohe Inzidenzwerte in Kombination mit vorerst geringer Impfgeschwindigkeit sind wie eine Art Brutkasten für Mutationen. Nach einem aktuellen Forschungsprojekt von der New Yorker Rockefeller Universität ist allerdings eher nicht davon auszugehen, dass das Virus beliebig viele neue Mutationen bilden kann. Es ist daher möglich, dass bereits alle relevanten Mutationen entdeckt wurden.

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Wie bekämpft man Escape-Varianten?

Solange sich das Virus weiter verbreitet, können neue Mutanten entstehen, die die Immunantwort unterlaufen und die Wirksamkeit einer Impfung verringern, die Escape-Mutationen. Impfstoffe lassen sich aber verhältnismäßig leicht auf neue Mutationen anpassen, denn der zentrale Bestandteil der meisten Impfstoffe ist Erbinformation – und diese lässt sich verhältnismäßig leicht verändern. Nahezu alle bekannten Impfstoffhersteller arbeiten bereits daran. Es werden also Auffrischungsimpfungen wahrscheinlich nötig sein.

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Mathias Pletz, Direktor der Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene an der Universität Jena erklärte dazu im Dlf, dass sich andererseits bei einer niedrigen Viruszirkulation auch weniger Viren replizieren. Damit sinke auch die Wahrscheinlichkeit, dass dabei neue Mutanten entstehen. Durch die dann erlangte Grundimmunität in der Bevölkerung werde dann nicht mehr die Vielzahl an schweren Verläufen auftreten, selbst wenn es Mutanten gibt.

Es sei noch offen, wie resistent Mutanten tatsächlich gegen Coronavirus-Impfstoffe sind, erklärte Dlf-Wissenschaftsjournalist Volkert Wildermuth. Bei Laboruntersuchungen zeige sich zum Beispiel, dass die Antikörper von geimpften Menschen im Reagenzglas gegen die südafrikanische und brasilianische Variante weniger gut wirken. In der Realität scheint das Immunsystem hingegen trotzdem mit den Varianten fertig zu werden. Das bedeutet: Eine Infektion mit den Varianten ist trotz Impfung möglich, aber die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, ist gering.

Quellen: Dlf, RKI, Volkart Wildermuth, Tiroler Tageszeitung, ORF, jma, og

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