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StartseiteCampus & KarriereBritische Regierung kürzt Hochschulfinanzierung12.06.2013

Britische Regierung kürzt Hochschulfinanzierung

Bildung keine primäre staatliche Aufgabe mehr

Tief greifender Paradigmenwechsel in Englands Bildungslandschaft: Die staatliche Unterstützung für die Universitäten wird um vier Fünftel reduziert. Das Hochschulsystem soll marktorientierter werden. Die Hochschulen fürchten um ihre Existenz.

Von Jochen Spengler

Balliol College der Oxford University: Englands Universitäten müssen mit sehr viel weniger Geld auskommen als bisher (AP)
Balliol College der Oxford University: Englands Universitäten müssen mit sehr viel weniger Geld auskommen als bisher (AP)
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Die gelassen-pragmatischen Zeiten sind vorbei - Englands Hochschulen sind beunruhigt wegen der völligen Umwälzung ihrer finanziellen Basis, sagt Nicola Dandrige, die Chefin der englischen Rektorenkonferenz Universities UK gegenüber dem Deutschlandradio:

"Die hat zu höherer Volatilität geführt und zu Unsicherheit. Denn es ist ziemlich schwierig für die Unis, zu planen und vorherzusehen, welche Wahl die Studierenden treffen werden. Es gibt an den Hochschulen die Angst vor den Folgen der Reform für die Studentenzahlen und infolgedessen die Finanzen."

Der Staat zieht sich aus der Hochschulfinanzierung zurück. Bis 2015 kürzt er seine Zuschüsse für die Lehre um vier Fünftel. Steuergeld fließt fast nur noch an technische oder naturwissenschaftliche Fächer, die wegen Forschungs- und Laboreinrichtungen höhere Kosten haben. Der Großteil des Lehrbetriebs aber soll aus den auf 9000 Pfund erhöhten Studiengebühren bezahlt werden. Die Unis müssen also bestrebt sein, die ihnen zugewiesenen Studienplätze möglichst vollständig zu belegen. Andreas Hoeschen beobachtet als Leiter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in London die britische Hochschullandschaft intensiv:

"Es gibt in der Tat Unruhe. Unter den Professoren natürlich auch, weil es ein Paradigmenwechsel ist. Es gibt einen gewissen Richtungsstreit darüber, ob Hochschulfinanzierung als öffentliches Gut zu betrachten ist, oder ob es als eine private Investition letztlich in die Verantwortlichkeit von Studierenden einerseits und Bildungsanbietern auf der anderen Seite fällt."

Doch für die konservativ-liberale Regierung und insbesondere den Hochschulminister David Willets ist die Sache längst entschieden - er hält Bildung nicht mehr primär für eine Angelegenheit des Staates. Es geht ihm weniger darum, Geld zu sparen, sondern um die ideologisch begründete Marktorientierung des Hochschulsystems. Willets möchte die Kräfte des Konsumismus entfesseln:

"Dahinter steckt der Gedanke, dass dann, wenn die Studierenden selber ihr Studium als Investition betrachten, sie sich rationaler entscheiden werden in der Studienwahl und auf der anderen Seite die Anbieter die Interessen der Studierenden passgenauer berücksichtigen müssen."

Noch ist es zu früh für eine Reformbilanz; aber die Hochschulen modifizieren ihr Lehrangebot bereits und bislang haben sich die schlimmsten Befürchtungen nicht bewahrheitet. Nicola Dandrige:

"Es gibt die wirkliche Sorge, dass sich die Studenten wegen der Studiengebühren auf Fächer wie Wirtschaft, Management oder Recht konzentrieren zulasten der Geisteswissenschaften. Aber das haben wir faktisch noch nicht festgestellt. Es gibt einen leichten Rückgang bei den Sozialwissenschaften und insbesondere bei den Sprachen; das ist ein Trend, den es schon länger gibt. Doch viele studieren weiterhin Philosophie und Geisteswissenschaften und daran haben die Studiengebühren nicht viel geändert. Wir stehen allerdings noch am Anfang und müssen abwarten, worauf es auf lange Sicht hinausläuft."

Zwar ist mit der Verdreifachung der Gebühren die Zahl der Studienplatz-Bewerbungen zurückgegangen, sodass die Unis selbst weniger Auswahl hatten. Doch allen Befürchtungen zum Trotz ist auch in diesem Studienjahr die Zahl der in England eingeschriebenen Erstsemester aus dem Königreich und der EU gestiegen - um insgesamt zwei Prozent.

Zunehmend Kopfzerbrechen aber bereitet die Zahl der Studierenden aus Nicht-EU-Ländern. Auf jene internationalen Studenten sind die Unis besonders angewiesen, weil es für ihre Anzahl keine Kapazitäts-Obergrenze gibt und sie bis zum Dreifachen der Studiengebühren zahlen müssen. Sie aber dürften abgeschreckt werden durch striktere Immigrationsregeln.

"Wir denken, dass die Einwanderungspolitik negative Folgen gehabt hat. Viel Unis wollen die Zahl ihrer internationalen Studenten deutlich erhöhen, aber aus der Statistik entnehmen wir, dass die Zahlen stagnieren; wir verzeichnen sogar einen dramatischen Einbruch bei den Bewerbern aus Indien oder Pakistan, und wir wissen, dass die Familien dort besorgt sind über die Botschaften und die Immigrationsrhetorik, wie schwierig es sei, , ins Vereinigte Königreich zu kommen."

Dir Regierung Cameron will die Einwanderung begrenzen und hat deswegen, die zweijährige Aufenthaltsgenehmigung für internationale Studenten nach Abschluss des Studiums aufgehoben. In der Bundesrepublik ist ein vergleichbares Visum auf 18 Monate ausgeweitet worden.

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