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StartseiteCampus & KarriereMangelalarm für Klopapier, Laborbedarf und Personal11.10.2019

Britische Unis vor dem BrexitMangelalarm für Klopapier, Laborbedarf und Personal

Ein No-Deal-Brexit wäre verheerend für die britischen Hochschulen, warnen Wissenschaftler: kein Zugang mehr zu EU-Fördertöpfen und Austauschprogrammen. Die britische Regierung hat versprochen, das Geld zu kompensieren. Aber die Unis sind skeptisch - und erste praktische Probleme werden schon jetzt akut.

von Sandra Pfister

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Campus des Keble College. Eines von 39 Colleges, die alle unabhängig sind und zusammen die University of Oxford bilden. (imago/Jochen Tack)
Die University of Oxford ist bislang ein begehrtes Ziel für Studierende und Lehrkräfte aus dem Ausland - aber der drohende Brexit wirkt abschreckend (imago/Jochen Tack)
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Die britischen Unis legen Vorräte an. Nick Jennings, Professor und stellvertretender Rektor für Forschung und Unternehmensgründungen am renommierten Imperial College in London, lacht: Ja, Lebensmittelvorräte und Klopapier, kein Scherz. Aber vor allem Chemikalien und Gase für Laborversuche. Außerdem müsse er sich um Lizenzen kümmern:

"Für medizinische Versuche beispielsweise. Dafür brauchen wir ja Zulassungen und die könnten in Gefahr sein - je nachdem, wie wir die EU verlassen."

Vivienne Stern, Leiterin der Abteilung für Internationale Angelegenheit beim britischen Hochschulverband Universities UK, ergänzt: Viele britische Unis hätten Zweigstellen in Europa. Nach einem No-Deal-Brexit könnten diese Zweigstellen sich plötzlich in einem rechtlosen Raum befinden.

"Wir wissen nicht, wie das dann läuft. Oder der Datenaustausch. Sowohl in der Forschung als auch in der Lehre tauschen wir eine Menge Daten mit europäischen Unis aus. Das wird schwer, wenn wir nicht mehr der europäischen Datenschutzrichtlinie unterworfen sind. Auf jeder Ebene gibt es eine Menge dieser administrativen Probleme, die wir jetzt durcharbeiten müssen."

Britische Forscher sind plötzlich "Besucher aus Drittstaaten"

Am unmittelbarsten seien die britischen Forscher in Europa betroffen:

"Wir machen uns Sorgen um Leute, die gerade einen Forschungsaufenthalt in der EU haben. Wir versuchen sicherzustellen, dass Forscher von unseren Unis gut informiert werden, wie die Arrangements in den EU-Mitgliedsstaaten sind für Besucher aus Drittstaaten, wie wir dann einer sein werden."

Hinzu kommt: Derzeit bewerben sich offenbar weniger europäische Studierende um einen Studienplatz in Großbritannien. Noch gibt es keine konkreten Zahlen, aber kürzlich hat Universities UK, die Vertretung von 130 britischen Universitäten und damit das britische Pendant zur Hochschulrektorenkonferenz, mitgeteilt, die Hälfte aller britischen Unis erhalte weniger Bewerbungen aus Europa, besonders im Post-Graduate-Bereich.

Mehr Visa für Studierende aus China, Indien und Pakistan?

"Im vergangenen Jahr sind die Bewerbungen von Studierenden aus der EU noch etwas angestiegen. Aber nicht bei jungen Forschern in Post-Graduate-Programmen, da machen wir uns Sorgen, da gab es deutlich weniger Bewerbungen. Und wir erwarten nach dem Brexit zumindest kurzfristig, dass weniger Studierende aus der EU kommen werden - vor allem, wenn sich ihr Status ändert."

Damit dürften britische Unis viel zahlungskräftiges Klientel verlieren, denn europäische Studierende zahlen im Vereinigten Königreich das Gleiche wie Briten, circa 9.000 Pfund pro Jahr. Wenn die Verluste mit Studierenden aus dem außereuropäischen Ausland kompensiert werden müssen, heißt das mehr Visa für Studierende aus China, Indien oder Pakistan. Das aber war in der Vergangenheit immer sehr umstritten, weil die britische Regierung die Einwandererzahlen ja herunter- und nicht hochschrauben wollte.

Forscher wandern ab oder kommen nicht nach England

Drei von fünf britischen Hochschulen melden außerdem, dass sie wegen des bevorstehenden Brexit Forscher verloren hätten oder erst gar nicht für sich gewinnen konnten. Nick Jennings vom Imperial College:

"Etwa 20 Prozent unseres Personals ist vom Kontinent. Es kommen auch noch neue Mitarbeiter aus Europa, es gehen allerdings auch mehr Europäer weg, und die geben explizit die Unsicherheit durch den Brexit und die unklare Forschungsfinanzierung als wichtige Gründe an."

Wird die Regierung das fehlende Geld wirklich ausgleichen? 

Die britische Regierung hat zwar versprochen, den britischen Unis das Geld zu ersetzen, das ihnen dadurch verloren geht, dass sie von EU-Förderprogrammen abgeschnitten werden, besonders vom Forschungsförderprogramm Horizon 2020. Aber hinter vorgehaltener Hand stimmen viele dem britischen Nobelpreisträger Paul Nurse zu, Direktor des Crick-Instituts in London, der größten biomedizinischen Forschungseinrichtung in Europa. Er hat gerade im Guardian gesagt, die Regierung habe zwar versichert, sie wolle sich an alle finanziellen Verpflichtungen im Rahmen von Horizon 2020 halten. Aber da sie derzeit allen mehr Geld verspreche, könne man das nicht ernstnehmen.

Vivienne Stern vom Dachverband der britischen Unis ergänzt, bei einem harten Brexit gehe es nicht nur ums Geld. Der Schaden bestehe vor allem darin, dass ohne Vertrag auch die Plattform verloren gehe, um über künftige Assoziations-Abkommen zu verhandeln. 

"Wir sind wirklich außerordentlich besorgt über die Konsequenzen. Wenn wir jetzt einfach rausgehen, ohne Vertrag, werden wir ein Drittland, es wird außerordentlich schädlich für unsere Unis sein."

Garantien für europäische Studierende

Immerhin gebe es einige Garantien für europäische Studierende - auch, wenn diese nicht weit genug gingen.

"Europäer, die für ein komplettes Studium nach Großbritannien kommen und im September 2020 anfangen, werden genau so behandelt wie bisher, für die ändert sich nichts. Wer in England oder Nordirland studiert, wird die gleichen Gebühren bezahlen wie Briten auch, und er hat Zugang zu unseren Studienkrediten. Wenn man direkt nach dem Brexit zum Studieren herkommt, braucht man kein Visum, es wird ein sogenanntes 'Temporary Leave to Remain' geben, ein temporäres Bleiberecht, aber dafür muss man sich auch erst im September 2020 bewerben."

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