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StartseiteKommentare und Themen der WocheJohnsons Strategie könnte aufgehen28.11.2019

Britische UnterhauswahlJohnsons Strategie könnte aufgehen

Die Tories könnten laut einer Umfrage einen klaren Sieg bei den britischen Parlamentswahlen erreichen und dann den Brexit besiegeln. Das hätten sie der geschickten Taktik ihres Parteichefs Boris Johnson zu verdanken, kommentiert Friedbert Meurer. Der Chef der Labour-Partei hingegen zeige keinerlei Führungskraft.

Von Friedbert Meurer

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Großbritanniens Premierminister Boris Johnson (l.) und der Vorsitzende der britischen Labour-Party Jeremy Corbyn während eines TV-Duells im Vorfeld der Parlamentswahl (imago/Xinhua)
Zeigt der britische Premierminister Boris Johnson seinem Herausforderer Jeremy Corbyn, wo es langgeht? (imago/Xinhua)
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Vor gerade einmal sechs Monaten gingen in Großbritannien Brexit-Partei und Liberale als strahlende Sieger aus der Europawahl hervor, Konservative und Labour kamen zusammen auf lächerliche 23 Prozent der Stimmen. Ein halbes Jahr später gilt das alles nicht mehr, die Arithmetik wurde auf den Kopf gestellt.

Jetzt dominieren – vor allem dank des Mehrheitswahlrechts - wieder die beiden etablierten großen Parteien. Die Brexit-Partei ist fast verschwunden und auch die Liberaldemokraten drohen aus ihren Träumen gerissen zu werden. Ein Vier-, oder mit der Schottischen Nationalpartei Fünf-Parteiensystem wird es nicht geben.

Größter Wahlerfolg seit Thatcher möglich?

Das ist das eine, was man zwei Wochen vor der Unterhauswahl fast sicher voraussagen kann. Das andere: die Konservativen – im Mai noch tief gedemütigt – haben allerbeste Chancen, ihren größten Wahlerfolg seit Margaret Thatcher zu feiern.

Damit ist die Wahl natürlich überhaupt noch nicht gelaufen, aber die Momentaufnahme der Demoskopen hat es in sich. Labour droht nach Schottland jetzt auch Nordengland und die Midlands zu verlieren, und zwar an die Konservativen.

Johnson hat in den vergangenen Monaten so sehr die Brexit-Partei kopiert, dass er jetzt die Früchte einfahren kann. Die Brexit-Wähler strömen ihm in Scharen zu. Er begeht auch nicht den Fehler seiner Vorgängerin Theresa May, dem Wahlvolk soziale Härten anzukündigen. Auch Boris Johnson hat die Spendierhosen angezogen.

Folgen fehlender Führungskraft

Vielleicht wird auf der anderen Seite Jeremy Corbyn in zwei Wochen Geschichte sein. Dass jetzt der Oberrabbiner des Landes alle Juden aufgerufen hat, Labour nicht zu wählen, kann dabei ein Menetekel sein. Hauptproblem ist aber interessanter Weise nicht Corbyns Politik, sondern seine fehlende Führungskraft. Corbyn zögert zu sehr, linke Antisemiten aus der Partei zu werfen. Beim Brexit will er neutral bleiben. In der Partei hat längst der Kampf um die Nachfolge Jeremy Corbyns begonnen.

Überhaupt der Brexit: Johnson steht vor der Aussicht, über eine komfortable Mehrheit zu verfügen. Der Brexit käme dann endgültig am 31. Januar. Die Chancen für ein zweites Referendum schwinden enorm. Das betrauern viele, nicht nur in Großbritannien. Aber ein Vorteil wäre wenigstens, dass das Land wieder über stabile politische Verhältnisse verfügen würde. Das heftige Fieber, von dem die Insel seit vier Jahren befallen ist, könnte abklingen.

Ob all das so kommt, werden wir schon in zwei Wochen wissen. Aber nur eine kleine Wahlsensation kann das Land jetzt noch davon abhalten, nach langen Irrungen und Wirrungen die EU zu verlassen.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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