Montag, 18.10.2021
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteCorso"Auf der Bühne gibt es viele Jacobs, im richtigen Leben nur einen"08.06.2016

Britischer Musiker Jacob Collier "Auf der Bühne gibt es viele Jacobs, im richtigen Leben nur einen"

Der 21-jährige Musiker Jacob Collier aus dem Norden Londons hat sich auf YouTube mit selbst gedrehten Musikvideos und Interpretationen bekannter Hits ein weltweites Publikum erspielt. Das Besondere: Collier sing alle Stimmen und spielt alle Instrumente. Am 1. Juli erscheint sein Debut "In My Room", im Sommer ist er auf Tour. Im Corso Gespräch erklärt Collier, wie er sich schon jetzt darauf vorbereitet.

Jacob Collier im Corso-Gespräch mit Jan Tengeler

Jacob Collier performt beim 49th Montreux Jazz Festival 2015 ((c) dpa / Laurent Gillieron)
Jacob Collier performt beim 49th Montreux Jazz Festival 2015 ((c) dpa / Laurent Gillieron)
Mehr zum Thema

JazzFacts Der Londoner Multi-Instrumentalist Jacob Collier

Jazz-Trio Coucou Sanfte Töne, raffiniert arrangiert

Bloc Party - "Hymns" Wiedergeburt der Totgesagten

Plagiate in der Musik Pop bleibt Pop

Jan Tengeler: Am ersten Juli kommt ihr Album - eine Menge Leute warten schon darauf.

Jacob Collier: Ja, das ist schon lustig. Ich habe ja alles zu Hause allein gemacht. Jedes Instrument habe ich selbst gespielt, jeden Song habe ich selbst geschrieben und produziert. Es ist ein unglaubliches Gefühl, dass überall auf der Welt Leute darauf warten, es zu hören. Und es ist eine große Ehre. Es ist mehr als Begeisterung. Ich kann es kaum abwarten, dass die Menschen die Songs hören.

Tengeler: Aber Sie spiele die Songs doch schon live, oder?

Collier: Ja, einige wenige habe ich schon gespielt, bei anderen warte ich darauf, bis das Album veröffentlicht wird. Ich arbeite schon seit einer ganzen Weile daran, meine Ideen auch live umzusetzen. Das Album heißt "In My Room" - 'in meinem Raum' und diesen Raum will ich auf die Bühne bringen. Ich habe Instrumente rundherum um mich aufgebaut, ich sitze in der Mitte des Kreises und versuche, alle Instrumente gleichzeitig zu spielen. Das ist ein großer Spaß.

Tengeler: Das hört sich kompliziert an und es ist doch sicher auch eine Menge Technik dabei?

Collier: Ja, ich arbeite mit einem Freund, der am MIT, am Massachusetts Institute of Technology in Boston studiert. Wir haben ein Jahr lang an der Umsetzung unserer Ideen gearbeitet, denn es gab bislang nichts Vergleichbares. Etwas Besonderes ist zum Beispiel der große Bildschirm, der im Hintergrund der Bühne aufgebaut ist und die beiden 3D-Kameras, die die Bewegungen meines Kopfes aufnehmen und direkt wiedergeben. Ich spiele vier Takte Bass und dazu erscheint der passende Kopf auf der Leinwand. Dann kommt das Schlagzeug und man sieht einen anderen Kopf. Bis zum Ende des Liedes vervielfache ich mich. Auf der Bühne gibt es also ganz viele Jacobs, aber im richtigen Leben nur einen.

Die Multimedia-Erfahrung des Internets auf die Bühne

Tengeler: Es hört sich ja so an, als ob Sie die Idee ihrer YouTube-Videos, bei denen Sie auch oft mehrfach auf dem Bildschirm erscheinen, auf die Bühne transportieren wollten.

Collier: Die Leute sind heute daran gewöhnt, dass sie im Internet eine Multimedia-Erfahrung machen. Diese Erfahrung auf die Bühne zu bringen, ist die große Herausforderung. Auf der visuellen Ebene helfen dabei die Kameras. Aber wie kann ich es umsetzen, dass ich ein Multi-Instrumentalist bin? Ein Instrument, das wir eigens für diesen Zweck gebaut haben, nennt sich 'Vokal Harmonizer'. Ich singe live auf der Bühne eine Melodie und spiele dazu ein MidiKeyboard, das auch mit meiner Stimme verbunden ist. Ich kann so direkt einen ganzen Chor aus dem Instrument zaubern. Das ist wichtig, weil ja auch in meinen YouTube-Videos die Vielstimmigkeit eine wichtige Rolle spielt.

Tenegler: Ich habe Sie neulich live gesehen - War es dieses unscheinbare Keyboard, das ich gesehen habe?

Collier: Ja, das stimmt. Es sieht ganz einfach aus, aber im MIT haben wir noch eine zweite Ebene entwickelt, mit deren Hilfe man wirklich überraschende Dinge machen kann. Aus diesem Instrument kommen ganz tiefe Bässe raus. Man kann aus dem Stand Glissandi zaubern - von der direkten Veränderung der Tonhöhe ganz zu schweigen. Wenn ich eine Note singe, dann kann ich über dieses Keyboard genau diese eine Note sofort in zwölf verschiedenen Tonhöhen wiedergeben.

Tengeler: Wie anfällig, wie verletzlich ist denn so ein technisierter Bühnenaufbau?

Collier: Es darf gerne anfällig sein, denn das bringt ja das Menschliche ins Spiel. Und es gibt auch Teile in der Show, da spielt die Technologie gar keine Rolle, die sind völlig ungeplant. Aber normalerweise klappt alles und man bekommt mit jeder Show, die man spielt, mehr Erfahrung. Dieses Projekt hört niemals auf.

Wirklich ein großes Durcheinander von Stilen

Tengeler: Aber was ist mit der Musik? Bisher kennen wir ja nur Ihre Cover-Versionen…

Collier: Es ist wirklich ein großes Durcheinander von Stilen. Es wird ja immer schwieriger die passenden Kategorien zu finden. Hip-Hop, Klassik, Jazz, Folk - ich finde es merkwürdig, wenn man jedem Genre seinen eigenen Raum zuweist. Die junge Generation von Musikern hat so viel gehört, weil einfach alles verfügbar ist. Wenn man möchte, kann man alles haben und man kann so viel lernen, indem man sich die verschiedenen Platten anhört. So habe ich übrigens auch gelernt - ohne, dass es je einen Lehrer gegeben hätte. Zu meiner Musik passt der Begriff Jazz vielleicht am besten. Da geht es auch um die Reichhaltigkeit der Harmonien und die Komplexität der Rhythmen, was beides elementar für meine Arbeit ist. Aber sie dürfen nicht vergessen: Das sind die ersten Songs, die ich jemals geschrieben habe und es geht immer darum, einen Song zu schreiben, den man sich gut anhören kann und zu dem man eine Beziehungen herstellen kann.

Tengeler: Wie komponieren Sie denn? Gehen Sie immer von der Melodie aus?

Collier: Es gibt eigentlich keine bestimmte Arbeitsweise. Allerdings habe ich oft Rhythmen im Kopf, die den Ausgangspunkt für eine Komposition bilden. Ich habe das alles ja nie gelernt, weder wie man einen Song produziert, noch wie man ein Instrument spielt. Ich habe es mir selbst beigebracht mit den Dingen, die in meiner Umgebung sind. Und so ist es bis heute, es ist ein großes Abenteuer. Anstatt einfach Schlagzeug zu spielen, suche ich nach ungewöhnlichen Geräuschen im Haus: ein Kratzen auf dem Boden, das Ploppen eines Kücheninstrumentes. Ich baue einen Rhythmus aus Geräuschen, dann kommt eine Melodie dazu oder eine harmonische Wendung, der Weg im Einzelnen hängt wohl vom Tag der Woche ab.

Für jede Stimme und jeden Klang selbst verantwortlich

Tengeler: Haben Sie schon festgestellt, dass Montag andere Songs entstehen als Freitag?

Collier: Manchmal fügt sich alles ganz schnell, fast wie von selbst. Manchmal muss man den Dingen viel Zeit geben, sich zu entwickeln. Das ist der Luxus, wenn man alles zu Hause aufnimmt. Ich zahle keine horrenden Summen für ein Studio. Manchmal stehe ich auf und gehe direkt in mein Zimmer und fange an, aufzunehmen. Es ist ja etwas Besonderes, dass ich alles selber machen kann. Normalerweise ist da ein Techniker, da sind andere Musiker, es gibt Ratschläge und Verbesserungsvorschläge. Nicht bei mir, ich bin für jede Stimme und jeden Klang selbst verantwortlich. Ich bin die Person, die sagt: 'Jacob, stop, das sind zu viele Ideen.' Und ich bin die Stimme, die sagt: 'Das ist gut, das trägt, das müssen wir ausbauen.' Das war ein großer Lernprozess für mich, und eine große Herausforderung, alles in meinem magischen Raum zu machen.

Tengeler: Aber wenn dann mal jemand zuhört, ist man da nicht besonders nervös?

Collier: Ich habe dieses Album nicht gemacht, um anderen damit zu gefallen, nicht damit andere es lieben. Ich habe das Album gemacht, weil es ein inneres Bedürfnis ist, ich wollte etwas von Herzen ausdrücken. Damit haben junge Künstler oft ein Problem. Wenn man Musik macht, damit sie der Plattenfirma gefällt, dann bringt das vielleicht Erfolg und Geld, aber es ist nicht immer gute Musik.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk