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Startseite@mediasres"Slow Journalism": Entdeckung der Langsamkeit10.04.2019

Britisches Medien-Start-up "Tortoise""Slow Journalism": Entdeckung der Langsamkeit

Der Nachrichtenstrom als ohrenbetäubendes Grundrauschen: Eilmeldungen lassen das Handy piepen und Nachrichtenseiten werden im Minutentakt aktualisiert. Dieser Schnelligkeit wollen Medienmacher aus London "slow" Journalismus entgegensetzen – und haben "Tortoise" gegründet.

Von Ada von der Decken

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Das Wort "Slow" steht groß auf einer Straße. (Deutschlandradio / Ada von der Decken)
Tortoise: Ein Crowdfunding-Projekt, das den Prinzipien des "Slow Journalism" folgt. (Deutschlandradio / Ada von der Decken)
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Tortoise: Die Schildkröte stiftet dem Medien-Start-up aus London nicht nur den Namen und das Logo, sondern auch das Motto. Sie steht für die Art von Journalismus, die auf Langsamkeit statt Schnelligkeit setzt: "Slow down, wise up", zu deutsch "Mach langsam und werde klug!"

Katie Vanneck-Smith gehört zu den drei Tortoise-Gründern: Die schiere Informationsflut im Nachrichtengeschäft sei ihrer Meinung nach nicht mehr zu bewältigen:

"Nachrichten erzeugen Lärm. In unserer beschleunigten Zeit, in der wir leben, befeuern die Nachrichten die allgemeine Unruhe noch zusätzlich. Die Leute schalten daraufhin einfach nur ab- oder gleich ganz aus; sei es in Form eines "digitalen Detox" oder indem sie sich gar nicht mehr mit Nachrichten befassen. Das ist ein Problem, denn gesunde Demokratien brauchen im Kern hervorragenden Journalismus und Medienunternehmen. Also müssen wir eine langsamere  und  wohlüberlegte Alternative anbieten."

Prominentes Gründer-Team

Bevor Katie Vanneck-Smith zu Tortoise kam, leitete sie Marketingabteilungen großer Medienunternehmen, zuletzt war sie Präsidentin des US-amerikanischen Verlagshauses Dow Jones. Auch ihre zwei Mitstreiter sind in der Branche alles andere als unbekannt. Der Journalist James Harding war gewissermaßen selbst bis vor Kurzem noch ein Nachrichten - "Krachmacher". Er kommt von der BBC. Dort leitete er die BBC News. Der dritte im Bunde ist Matthew Barzun, ehemaliger US-Botschafter in Großbritannien.

Katie Vanneck-Smith, Gründerin des Medien-Start-ups Tortoise, davor Präsidentin des US-amerikanischen Verlagshauses Dow Jones  (Charlie Clift)Katie Vanneck-Smith, Gründerin des Medien-Start-ups Tortoise, davor Präsidentin des US-amerikanischen Verlagshauses Dow Jones (Charlie Clift)

Auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter baten die Gründer im Herbst um eine Anschubfinanzierung für ihr neues  Medienunternehmen:

Katie: "We want you, and we want you to help us to make tortoise as good as it can be."

James: "We really really want you to help us start this thing. And if you can do that: I think we are going to create a journalism that's different."

Nach diesem Spot war den Machern die Aufmerksamkeit sicher. Binnen weniger Wochen kamen umgerechnet 625.000 Euro zusammen. Außerdem holten die gut vernetzen Gründer acht Investoren an Bord.  Nach eigenen Angaben reicht das Geld, um den Betrieb des Start-ups drei Jahre lang zu sichern.

Finanzierung über Mitglieder

Langfristig läuft die Finanzierung über Mitglieder. Umgerechnet knapp 300 Euro kostet die Tortoise-Mitgliedschaft im Jahr. Dafür gibt es Hintergrundartikel zu zeitlosen Themen. Täglich online, alle drei Monate als Buch. Nach einer offenen Testphase ist Tortoise Anfang April gestartet:

"Es geht nicht um Eilmeldungen, sondern um komplett aufgearbeitete Nachrichten. Und die Triebkräfte hinter den Nachrichten. Daher geht es bei unserem Journalismus hoffentlich weniger um Brexit als vielmehr um andere Strömungen in unserer heutigen Welt."

So erschien ein ausführliches Stück über die Schwierigkeit, Flughäfen wie Gatwick vor Drohnenangriffen zu schützen oder ein Porträt über den Politiker Boris Johnson. Die umfangreichen Artikel allein könnte man auch in einer Wochenzeitung finden. Aber die Gründer bekennen sich nicht nur zu "langsamem" Journalismus, sondern auch zu "offenem" Journalismus. Mitglieder werden dafür zu sogenannten ThinkIns eingeladen.

Regelmäßiges Feedback von Mitgliedern und Experten

"Ein ThinkIn ist eine Redaktionskonferenz, die normalerweise in einem Newsroom  ausschließlich mit Journalisten stattfinden würde. Wir öffnen diese und laden unsere Mitglieder und andere Experten ein, sich an der Diskussion zu beteiligen. Das ThinkIn steht also im Mittelpunkt unseres Journalismus. Wir glauben, dass wir vor der Veröffentlichung eines Artikels möglichst viele Standpunkte und Expertenmeinungen sowie möglichst viele Erfahrungen hören sollten, damit wir besser Bescheid wissen."

Und so füllt sich der tortoise-Newsroom in einer Seitenstraße der Oxford Street fast jeden Abend mit rund vierzig Leuten. Die Einrichtung: eher schickes Wohnzimmer als kühles Büro, lockere Sitzgruppen statt starr angeordneter Stuhlreihen. Nur Statements sind erlaubt, keine Fragen. Und: Nach exakt 60 Minuten ist Schluss.

Vorbild für andere Medienunternehmen

Jane Singer, Professorin für "Innovativen Journalismus" an der Londoner City University (Deutschlandradio / Ada von der Decken)Jane Singer, Professorin für "Innovativen Journalismus" an der Londoner City University (Deutschlandradio / Ada von der Decken)

Jane Singer ist  Professorin an der Londoner City University. Ihr Schwerpunkt sind Innovationen im Journalismus. Auch klassische Medienunternehmen könnten von neuen Konzepten wie langsamem, offenem Journalismus etwas lernen:

"Die Idee, Leser als Partner an der Entstehung teilhaben zu lassen und das Ganze dadurch zu einem gemeinschaftlichen Prozess zu machen, ist sehr lehrreich. Und überhaupt der Ansatz, verschiedene Dinge auszuprobieren und nicht nur auf das festgelegt zu sein, wie man es immer getan hat. Diese Einstellung, dass es vielleicht einen anderen Weg gibt. Und zu sagen: Wir werden sehen, ob es funktioniert und wir werden daraus lernen. Das ist unglaublich wertvoll."

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