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StartseiteEuropa heuteBimmelbahn im Nirgendwo20.03.2018

Brüssel vs. Budapest (2/5)Bimmelbahn im Nirgendwo

Seit Ministerpräsident Victor Orbán an der Regierung ist, hat er vieles in Ungarn nach seinen Vorstellungen umgebaut. Verfassung, Justiz, Medien. Oft ist er dabei mit der EU aneinandergeraten. Andere Umbauprojekte hat die EU mitfinanziert. In Orbáns Heimat Felcsút zum Beispiel. Zufall?

Von Stephan Ozsváth

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Eine rote Lok fährt in die Station Puskás-Akademie im ungarischen Felcsú ein (Dradio /ARD Studio Wien)
Mit Hilfe von EU-Geldern konnte Ungarn die Schmalspurbahn ausbauen (Dradio /ARD Studio Wien)
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Die kleine Lok ist knallrot, ein Waggon reicht für die wenigen Fahrgäste. "Puskás-Akademie" steht auf dem Stationsschild auf dunkelblauem Grund.

Die Fußballa-Akademie ist nach dem legendären Fußballspieler Ferenc Puskás benannt. Er gehörte der Goldenen Elf der 1950er-Jahre an, bis heute sind die Ungarn stolz auf das frühere Nationalteam. Auch Viktor Orbán ist ein glühender Fußballfan. Er will aus Ungarn wieder eine Fußballnation machen. Das Stadion von Felcsút hat er sich buchstäblich in den Vorgarten bauen lassen.

"Es ist ein kleines Dorf, hier gibt es keine große Attraktion. Die Attraktion ist dieses Stadion, was Sie gesehen haben."

Stadion von Felcsút - mehr Fans als Dorfbewohner

Erzählt Ákos Hadházy, ein Oppositions-Politiker der grün-liberalen LMP. 3.500 Zuschauer passen in das Rund mit den Holzgiebeln im Nationalstil des Architekten Imre Makovecz, doppelt so viele, wie der Ort 40 Kilometer westlich von Budapest Einwohner hat.

"Der Ministerpräsident hat ein Hobby, das ist der Fußball. Und in diesem kleinen Dorf hat er ein riesengroßes Stadion gebaut von ungarischem Geld, von Steuern eigentlich. Dazu meinte er, es würde schön aussehen, wenn hier wieder die Bahn fahren würde. Das ist eine Bahn für die Nostalgie des Ministerpräsidenten."

Ákos Hadházy ist aus Budapest gekommen, der junge Grünenpolitiker mit dem grau melierten Schnurrbart hat auf einer der Holzbänke im einzigen Waggon Platz genommen, über ihm die messingfarbenen Gepäckablagen.

Ein Mann fährt in Ungarn mit der Bahn (Deutschlandradio / ARD Studio Wien)"Das ist eine Bahn für die Nostalgie des Ministerpräsidenten", sagt der Oppositionspolitiker Ákos Hadházy (Deutschlandradio / ARD Studio Wien)

"Die Geschichte ist so: Auf dieser Strecke gab es vor 20 oder 30 Jahren eine echte Bahn. Die wurde benutzt, aber sie hatte wenige Fahrgäste, deswegen wurde sie geschlossen. Der Ministerpräsident hat gesagt, ich erinnere mich daran, hinter unserem Dorf gab es eine Bahnstrecke und es war so schön, dass dort manchmal die Bahn gekommen ist und ich muss hier eine neue Bahn bauen. Er hatte die Idee, dass wir das Geld dazu von der EU bekommen werden. Und so konnten sie eine acht Kilometerstrecke ausbauen."

Der Bürgermeister und Orbán sind Jugendfreunde

Die Bahn verkehrt zwischen der Puskás-Akademie und dem örtlichen Arboretum einem kleinen Park. Das Gleisbett ist nagelneu, die Bahnsteige sind mit Verbundpflastersteinen in ziegelrot und grau ausgelegt. Vorbei geht es im Wesentlichen an Feldern, dem Arboretum.

Der Bürgermeister der kleinen Stadt, Lörinc Mészáros, ist eigentlich Gasinstallateur, heute ist er einer der reichsten Männer Ungarns – Orbán und er sind Jugendfreunde. Mészáros besitzt Baufirmen, Zeitungen, eine Fernsehstation und Hotels. Ákos Hadházy hält Felcsút für ein Symbol.

"Ich meine, das ist ein sehr emblematischer Ort für Missbrauch von EU-Geldern, weil wir eine Bahnstrecke sehen, die von Nix bis Nix führt. Das ist eindeutig der Missbrauch von EU-Geldern."

Eine Tafel neben der Bahnstrecke informiert darüber, dass die EU den Bau der Bahn mit umgerechnet etwa zwei Millionen Euro unterstützt hat.

"Hier haben wir gemeldet, dass wir insgesamt täglich 2.000 bis 3.000 Fahrgäste haben werden."

Die Bahn ist ein Verlustgeschäft 

Die Bahn macht Verlust, das haben ungarische Reporter schwarz auf weiß. Auch an diesem Tag sind es nicht mehr als fünf Fahrgäste: Ákos Hadházy, der Reporter und das Ehepaar Orosz mit ihrem Enkel. Die Großmutter sei froh, dass die Bahn fährt, sagt sie. Die Medienöffentlichkeit stört sie.

"Ohne Orbán würde kein Journalist herkommen. Vorher gab es hier nichts zum Einweihen. Keiner hat irgendwas gemacht. Egal welche Regierung."

Der Enkel drückt sich auf dem Sitz herum, während seine Großmutter betont, es gebe ja in Ungarn viele solcher Nostalgie-Schmalspurbahnen. Und sie sei froh, dass es eine so nah an ihrem Wohnort gebe.

Eine ungarische Großmutter fährt mit ihrem Enkel im Zug (Deutschlandradio / ARD Studio Wien)Frau Orosz ist froh, dass die Bahn fährt (Deutschlandradio / ARD Studio Wien)

"Als Kind und noch als Jugendliche bin ich viel mit solchen Bahnen gefahren. Für mich ist das Nostalgie. Es erinnert mich an meine Kindheit."

Zwei Millionen EU-Gelder für ein paar Kindheitserinnerungen? Ihr Mann Imre, auch er ist Rentner, gibt sich trotzig.

"Ich mag es nicht, wenn man mir ins Portemonnaie schaut, und das mag ich auch bei anderen nicht. Als wir das Geld bekommen haben, wurde das hier gebaut. Seitdem läuft sie, nonstop. Warum? Weil Viktor Orbán, der Ministerpräsident hier geboren ist."

30 Milliarden Euro aus EU-Töpfen

Am Bau des Stadions und der Schmalspurbahn war der Bürgermeister beteiligt, im Stadion von Felcsút treffen sich die Fidesz nahen Oligarchen zum Tête-à-Tête mit Viktor Orbán.

In den letzten acht Jahren hat Ungarn 30 Milliarden Euro aus EU-Töpfen erhalten. Das hat auch viele Fideszfreunde reich gemacht: Den Felcsúter Bürgermeister, aber auch die Familie Orbán selbst. Die Firmen des Vaters, der Brüder und des Schwiegersohnes werden großzügig mit Staatsaufträgen bedacht, ergaben Recherchen ungarischer Investigativ-Journalisten. Meist ist europäisches Geld im Spiel.

"Als die EU aufgebaut wurde, hat man nicht daran gedacht, dass in einem Land die Macht von einem Ministerpräsidenten so groß wird. Dieses politische System ist sehr infektiös. Und dieses politische System ist von diesen EU-Subventionen bezahlt. Zum Beispiel was wir hier sehen: ein Spielzeug für den Ministerpräsidenten."

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