Freitag, 24.09.2021
 
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BruttoinlandsproduktEin Land in Zahlen

Das Bruttoinlandsprodukt ist die Größe schlechthin, um Wirtschaftswachstum zu messen. Doch Kritiker fragen: Was sagt Wachstum allein über den Zustand der Wirtschaft oder den Wohlstand eines Landes aus? Der Ökonom Philipp Lepenies ist der Geschichte dieses Konstrukts nachgegangen.

Von Sina Fröhndrich

Symbolbild: Auf einem überdimensionierten aufgefächterten Bündel von Euro-Banknoten steht ein Mann im Anzug mit einer Börsenkurve unter dem Arm, deren roter Pfeil nach rechts oben zeigt. (picture alliance / dpa / Milena Boniek)
Wirtschaftswachstum - mehr, weniger oder anders (picture alliance / dpa / Milena Boniek)

Wie geht es Deutschland wirtschaftlich? Seit Jahren verrät uns das genau eine Zahl: das Bruttoinlandsprodukt.

"Das Bruttoinlandsprodukt ist mehr als ´ne reine deskriptive Statistik," sagt der Potsdamer Wirtschaftswissenschaftler Philipp Lepenies.

"Es ist eine Zahl für und von der Politik, oder eine Zahl, die sehr schnell und stark auf Politik und politische Prozesse wirkt und damit eben sehr mächtig ist, sie ist nicht nur innenpolitisch mächtig, sondern auch außenpolitisch. Weil sie unseren Blick auf die Welt prägt, weil wir die Länder untereinander ranken in Bezug auf ihr BIP-Wachstum, ihres Pro-Kopf-Einkommens. Und weil das BIP eben auch ein Ausdruck nicht nur wirtschaftlicher- sondern auch militärisch, geopolitischer Macht ist."

Lepenies hat seine kurze, politische Geschichte des Bruttoinlandsproduktes deswegen überschrieben mit dem Titel: „Die Macht der einen Zahl.“ Der Autor zeichnet nach, wie das BIP auf die Welt kam, wie es zur dominierenden Größe für die westliche Politik werden konnte und warum es das trotz der Krisen noch immer ist. In den USA, in Großbritannien und in Deutschland. Auch wenn er sich nicht als BIP-Gegner sieht, macht Lepenies doch gleich zu Beginn seines Buches deutlich, welcher für ihn der wesentliche Knackpunkt ist.

"Dabei ist das BIP keine sich selbst erklärende Zahl wie die Temperatur in Celsius, der letztjährige Ausstoß von Treibhausgasen in Tonnen oder der Kaloriengehalt des eigenen Frühstücks. Es ist das Ergebnis einer Berechnungsmethode, die bestimmte wirtschaftliche Aspekte erfasst, andere jedoch nicht. Es beruht auf einer Interpretation dessen, was Leistung und was Volkswirtschaft heißt."

Ein Planungsinstrument der Politik

Warum sich diese eine Interpretation durchsetzte, macht Lepenies anhand mehrerer historischer Stationen deutlich: Durch die Weltwirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg etwa, sei aus einer zunächst rein statistischen Größe ein Planungsinstrument für die Politik geworden.

"Mit dem man die Umwandlung in ´ne Kriegsökonomie planen konnte – und im Kalten Krieg war es dann schon durch das aufkommende Wachstumsdogma eben so etwas wie ‚`ne politische Ideologie, dass man dachte, durch das Wachstum könnte man nicht nur die Sowjetunion und andere kommunistische Länder in Schach halten, sondern eben auch innenpolitische Probleme lösen, wie zum Beispiel die Rückeingliederung von Soldaten in den Produktionsprozess."

Lepenies erzählt diese Geschichte des BIPs kurz und knapp, verständlich und anschaulich. Beispiel: Die erste deutsche BIP-Berechnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Wesentliche Daten dafür lagen in Ost-Berlin und damit im sowjetischen Sektor. Die Verantwortlichen mussten sich also behelfen, um an die Unterlagen heran zu kommen.

"Ratlos berichtete man diesen Umstand dem amerikanischen Kontrolloffizier des Amtes. Dieser galt als besonders 'verwegen' und fackelte nicht lange. Er kam auf die Idee, den Sowjets die Unterlagen kurzerhand zu entwenden. Ehemalige Mitarbeiter des Reichsamtes beschrieben ihm genau, wo in dem Gebäude der Klosterstraße die Unterlagen des Industriezensus zu finden wären. Der Offizier brach dort ein."

Es bedurfte also schon mal eines Diebstahls, um die Wirtschaftskraft eines Landes zu berechnen. Und das ist noch ein vergleichsweise kleiner Brocken, den das BIP aus dem Weg räumen musste, um sich durchzusetzen. Die Geschichte des BIPs ist ein jahrelanger Prozess, in dem Ökonomen immer wieder neu und anders rechneten. Gehören etwa Dienstleistungen dazu, um das Volkseinkommen zu berechnen? Oder reicht es, nur die Güter zu betrachten, die hergestellt werden? Mit diesem historischen Aufriss will Lepenies vor allem eines deutlich machen.

Der Siegeszug einer Zahl

"Gleichzeitig zeigt die Erfolgsgeschichte des BIP aber auch allen, die darauf hoffen, dass sich ein Alternativmodell zum BIP durchsetzen lässt, wie schwierig es sein wird, dessen Siegeszug zu wiederholen und die Macht der einen Zahl zu brechen."

Damit leistet Lepenies einen neutralen und wichtigen Beitrag für die Diskussion über die Wohlstandsberechnung. Mit der sich erst kürzlich eine Enquetekommission im Deutschen Bundestag beschäftigt hat. Alternative Modelle zur Berechnung der Wirtschaftskraft bespricht Lepenies jedoch nicht, was das Buch aber nicht unbedingt weniger wichtig macht. Lepenies Anliegen ist ohnehin ein anderes:

"Einer meiner wichtigsten Punkte in dem Buch ist ja, beide Gruppen, diejenigen, die im BIP noch ein Heilsversprechen sehen, und diejenigen, die für Alternativen eintreten, dafür zu sensibilisieren, wie schwierig es einfach sein wird, etwas anderes hinzukriegen als das BIP."

Philipp Lepenies: "Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts." Suhrkamp Verlag, 186 Seiten, 16 Euro.

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