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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAuf der Suche nach dem optimalen Menschen04.10.2018

Buch über Eugenik seit der RenaissanceAuf der Suche nach dem optimalen Menschen

Das Bedürfnis des Menschen, sich selbst und seine Artgenossen zu verbessern, ist uralt. Wie weit man dabei gehen durfte und sollte, wurde durch die Jahrhunderte immer wieder diskutiert. In ihrem Buch "Menschenzucht" beschäftigt sich die Historikerin Maren Lorenz mit den frühen Ideen und Strategien der Eugenik.

Von Ursula Storost

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Eugenik, die Erbgesundheitslehre, ist das Bemühen, die als positiv bewerteten Erbanlagen in der Bevölkerung zu vermehren (Imago | Westend 61)

Philipp Osten, Professor für Geschichte und Ethik der Medizin betritt das medizinhistorische Museum am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

"Hier sind wir im Lern- und Gedenkort für die Medizinverbrechen im Nationalsozialismus. Wir haben eine riesengroße Bücherwand da aufgebaut, mit 2.000 Bänden. Und hier kann man eben nachvollziehen, wie eugenisches und rassekundliches Gedankengut eben Stück für Stück in die Medizin einsickert."

Eugenik, die Erbgesundheitslehre, ist das Bemühen, die als positiv bewerteten Erbanlagen in der Bevölkerung zu vermehren. Schöne, kluge und leistungsfähige Menschen sollten animiert werden, diese Eigenschaften weiterzugeben. 1920 erscheint dann eine Broschüre von dem Juristen Karl Binding und dem Psychiater Alfred Erich Hoche, die Radikales fordert.

"Wir haben zum Beispiel die Schrift von Binding und Hoche, ‚Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens‘, was eben die Tötung von Kranken fordert. Und eine ganz große Rolle in der Eugenik der Nationalsozialisten spielt selbstverständlich, dass Patienten ausgenommen werden sollen von der Fortpflanzung. Also die Sterilisierung vor Erreichen des fortpflanzungsfähigen Alters, das ist ein Ziel der Nationalsozialisten gewesen."

Gesunde, fitte, leistungsfähige Menschen waren gefragt

Mit den frühen Ideen und Strategien der Eugenik hat sich die Bochumer Historikerin Professor Maren Lorenz beschäftigt. Schon in der Antike galt der Satz: ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Eine oft verwendete und missbrauchte Redewendung, sagt Maren Lorenz und verweist auf die Schriften des griechischen Philosophen Platon.

"Bei Platon hat es auch schon so ein Geschmäckle, weil Platon ganz klar sagt, es müssen nicht alle Menschen gleich toll sein, sondern es reicht auch eine große Masse von nur durchschnittlich perfekten. Aber wir brauchen auch eine Führungselite. Und die muss gezielt gezüchtet werden."

"Und denjenigen unter den jungen Männern, die im Krieg oder sonst wo sich tüchtig erweisen, muss man unter anderen Auszeichnungen und Preisen wohl auch die häufigere Erlaubnis, bei Weibern zu schlafen erteilen, damit zugleich auch unter diesem Vorwand möglichst viele Kinder von solchen gezeugt werden."

Gesunde, fitte, leistungsfähige Menschen für einen prosperierenden, blühenden, glückseligen Staat waren gefragt. Mit dieser Idee beschäftigen sich durch die Jahrhunderte Philosophen, Mediziner und Ökonomen.

"Es passiert dann aber etwas im Laufe der Aufklärung, und das ist ein bisschen das Traurige an der Aufklärung: Man möchte die Glückseligkeit des Staates garantieren. Das Wohlsein und die Gesundheit und die Prosperität der Gesellschaft wird vor die Rechte des Individuums gesetzt. Und das passiert gleichzeitig mit der Erfindung in Anführungszeichen der Menschenrechte, also der Unantastbarkeit der Würde des Einzelnen."

Durch die Idee der Eugenik entstanden die Meldebehörden

Ein Widerspruch, der die Eliten, auch Theologen und Philosophen beschäftigte und entzweite. Es war die Frage, wie weit können und dürfen wir gehen, um die Fortpflanzung in erwünschte Bahnen zu lenken? In einer Zeit, in der es noch keine medizinischen Möglichkeiten der Sterilisation gab, sperrte man die Unerwünschten einfach weg. Sogenannte Idioten, Krüppel, Melancholiker fristeten ihr Leben in Hospitälern oder Gefängnissen. Da, wo sie sich nicht fortpflanzen konnten.

"Da ist interessant, welche Institutionen dafür gebraucht werden. Also es müssen ja erst mal Amtsärzte entstehen. Es müssen Behörden entstehen, die entscheiden, dass man solche Leute wegsperrt. Es muss auch gleichzeitig in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür anerzogen werden, dass man auch solche Leute anzeigt. Also dass sogar die eigene Familie sagt, wir möchten nicht, dass unser taubstummer Sohn jetzt heiratet."

Die Ideen der Eugenik haben dazu beigetragen, dass Meldebehörden entstanden, die jeden Einzelnen und seine Krankheiten registrierten. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte das Bürgertum ein größeres Selbstbewusstsein und forderte mehr Rechte für den eigenen Stand. Zuerst im vorrevolutionären Frankreich.

"Weil da gesagt wird, wir brauchen einen neuen Bürger, den Citoyen. Der muss bestimmte körperliche, geistige und moralische Qualitäten mitbringen. Und man will sich abgrenzen von dem debilen, also dummen, geistig minderwertigen Bauern und Unterschichten, dem ersten Stand und den Degenerierten, durch ihre sexuellen und sonstige Ausschweifungen mit Wein, Weib und Gesang, Adel."

Aktives Töten ungewollten Lebens, so Maren Lorenz, sei für die Theoretiker der Erbgesundheitslehre in dieser Zeit keine Option gewesen. Stattdessen propagierten sie eine bessere Lebensweise. Viel frische Luft, gesunde Ernährung und Sport sollten gute Erbanlagen und damit eine fitte Bevölkerung befördern. Auch die unteren Schichten, die Tagelöhner und landlose Handwerker sollten die gesunde Lebensweise praktizieren.

"Das ist auch ein Widerspruch in dieser ganzen Diskussion. Weil wir leben immer noch in einer Ständegesellschaft. Wir leben in einer Gesellschaft, in der eine große Mehrheit der Menschen für das Wohlleben der anderen sich körperlich kaputt arbeitet, früh stirbt. Die werden alle theoretisch in der Aufklärung wohlwollend mit bedacht. Aber praktisch geht es darum, eine gebildete, möglichst breite neue Bürgerschicht zu schaffen."

Es ist die uralte Frage: Wie weit können wir gehen?

Zeitgleich entstand die öffentliche Schwangerschaftsfürsorge. Mit dem Ziel, so Maren Lorenz, die Bevölkerung zu perfektionieren.

"Dass die Frucht, die in einer Frau wächst, in den Mittelpunkt rückt. Und dass der Frau immer mehr Verantwortung und damit auch potenzielle Schuld zugeschoben wird, weil die ja viel mehr tun kann und muss, um diese Frucht in ihrem Leib zu optimieren."

Viele sozialpolitische Ideen sind das Ergebnis eugenischer Überlegungen, sagt der Psychologe Dr. Michael Wunder. Er war Mitglied im deutschen Ethikrat und ist Leiter des Hamburger Beratungszentrums Alsterdorf, einer Anlaufstelle für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige.

"Also in der vormolekularen Phase der Genetik hat man eben die Merkmalsträger versucht zu selektieren. D.h. Zwangssterilisation oder Eheverbote. Dann hat man in Chromosomen gedacht, also in größeren Erbeinheiten, wenn man so will. Und heute ist man auf der molekularen Ebene. Heute manipuliert man auf der molekularen Ebene oder überlegt sich, dieses zu tun."

Moderne Technologie erleichtert es festzustellen, ob ein Kind gesund oder behindert zur Welt kommen wird. Medizinisch ist das ein riesiger Fortschritt. Andrerseits, so Michael Wunder, müsse man das Menschenbild hinter solchen pränatalen Diagnostiken kritisch hinterfragen.

"Ob nicht doch ganz alte Gedankengänge von Menschenzüchtung grob gesagt, sich in ganz moderner Technologie heute wieder finden, und sich fast normalisieren. leichter erreichbar erscheinen."

Denn dank dieser hochmodernen Untersuchungen werden viel weniger Kinder mit Behinderungen ausgetragen. Für Michael Wunder stellt sich die uralte Frage: Wie weit können wir gehen?

"Es gilt nicht, dass ich nicht wissen will, was alles machbar ist, sondern es gilt der Satz, dass wir gar nicht alles, was machbar ist, machen müssen oder machen sollten."

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