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StartseiteTag für TagDroht eine säkulare Abspaltung?26.06.2018

Buddhismus im WestenDroht eine säkulare Abspaltung?

Zwischen 200 und 500 Millionen Menschen bekennen sich zum Buddhismus. Genauere Zahlen gibt es nicht. Die meisten Buddhisten leben in Süd- und Ostasien. Doch auch im Westen wenden sich Menschen dem Buddhismus zu, viele sehen darin aber eher eine Lebensphilosophie als eine Religion.

Von Mechthild Klein

Eine Podiumsdiskussion auf dem internationalen Buddhismus-Kongress in Hamburg (Deutschlandradio / Mechthild Klein)
Beim internationalen Buddhismus-Kongress in Hamburg (Deutschlandradio / Mechthild Klein)
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Alles Bedingte ist unbeständig und vergänglich, das "Ich" genauso wie die Welt. Das ist eine der zentralen Aussagen des Buddhismus. Und diese Formel "alles ist unbeständig" - das gilt wohl auch für die Lehre des Buddha. In Europa verbreitet sich der Buddhismus seit gut 100 Jahren, und die 2500 Jahre alte Religion zeigt hier ein neues Gesicht. Eine säkulare Form des Buddhismus breitet sich im Westen aus und droht, sich von der traditionellen Lehre abzuspalten. Die Achtsamkeitsbewegung ist Teil davon. Aber nicht nur ihre Vertreter sagen: Die Lehre von Karma und Wiedergeburt sollte nicht mehr zentral sein im Buddhismus.

"Der Buddhismus hat so viel zu bieten: Was besteht im Sinn des Lebens? Oder wie gehe ich um mit meinen eigenen Emotionen? Da gibt es so viel, was wirklich wichtig ist oder sein könnte - dazu brauche ich nicht die Karma-Lehre und auch nicht die Wiedergeburtslehre. Das ist natürlich auch umstritten im Buddhismus - der Vorwurf würde sein, das zerstört die Grundfesten des buddhistischen Glaubens." 

Sagt Christof Spitz, Buddhist und langjähriger Übersetzer des Dalai Lama. Er setzt sich für einen aufgeklärten Buddhismus ein. Für ihn sind Karma und Wiedergeburt vor allem eine Frage des Glaubens, nicht zu beweisen und zur Kultur des alten Indien gehörend.

"Die Probleme entstehen, wenn man diese Kulturtechniken nicht als eine Anregung versteht zum Austausch, an dem man teilhaben kann und auch seine eigene Kultur bereichern kann, sondern als die einzige Wahrheit oder die unumstößlichen Einsichten und Wahrheiten, dann wird es schwierig. Und auch – wie ich es kenne aus manchen buddhistischen Traditionen - auch noch mit wissenschaftlichen oder halbwissenschaftlichen Argumenten unterfüttert wird, dass unsere Weltanschauung, die dahinter steht, die richtige ist. Dann wird es eben schwierig."

"Es hat immer wieder eine Aufsplitterung gegeben"

Dem widersprechen viele der rund 200 Teilnehmer und Gäste beim internationalen Buddhismus-Kongress. Carola Roloff sagt:

"Das ist so die Sorge von einigen, dass es da auseinanderbrechen könnte. Es hat ja in der Geschichte des Buddhismus immer wieder so ein Aufsplitten in verschiedene Traditionslinien gegeben. Das ist die Frage, ob ein Risiko besteht, dass es einen großen Splitt gibt zwischen traditionellem oder klassischem Buddhismus und säkularem Buddhismus."

Die buddhistische Nonne Carola Roloff (Deutschlandradio / Mechthild Klein )Carola Roloff hat zur Konferenz in Hamburg geladen (Deutschlandradio / Mechthild Klein )

Forscher aus 17 Nationen sind nach Hamburg gekommen zum Kongress, initiiert von Carola Roloff. Die Buddhismusforscherin ist Gastprofessorin an der Akademie der Weltreligionen der Uni Hamburg. Sie warnt davor, die Lehre von Karma und Wiedergeburt als verzichtbar darzustellen.

"Da hatten wir jetzt diesen Experten, den Bhikkhu Bodhi hier bei uns, der einer der berühmtesten Übersetzer dieser Texte ist. Der vertritt den Standpunkt, dass sich das überhaupt nicht aus den Texten herleiten lässt, dass das nicht buddhistisch ist. Ich muss gestehen, dass ich das genauso sehe wie er, dass dann das gesamte buddhistische Lehrgebäude erschüttert wird, wenn man jetzt einfach diese beiden Aspekte rauszieht. Wir haben ja auch so was wie eine systematische Theologie, also wie der Buddhismus systematisch aufeinander aufbaut."

Das Guru-Prinzip passt nicht zum Westen

Carola Roloff beschäftigt sich auch mit dem Buddhismus in der Moderne. Ihre Hoffnungen richten sich auf einen aufgeklärten Buddhismus im Westen und auch auf eine geschlechtergerechte Auslegung buddhistischer Schriften.

"Meine Erwartung ist, dass der Buddhismus, gerade wenn er sich von asiatischen heimischen Strukturen löst und bei uns heimisch wird, dass er sich von dieser patriarchalischen Umklammerung löst."

Sagt der Münchener Religionswissenschaftler Michael von Brück. Er rechnet mit einer Abkehr von der alten Mönchsreligion und ihren Hierarchien.

"Das heißt, dieses totale Top-Down-Prinzip, dieses Guru-Prinzip - ja, einer entscheidet und der ist sozusagen, jenseits aller Kategorien, darf tun, was er will. Wir haben ja solche Missbrauchsgeschichten, nicht nur im sexuellen Bereich sondern überhaupt Macht, hier in den buddhistischen Zentren zu Genüge gehabt."

Von Brück glaubt, dass der Buddhismus in Europa einen Umbruch erfährt. Es gibt Ansätze für eine ökologische Orientierung und für soziales Engagement. Aber vor allem entstehen auch neue Gemeindestrukturen.

"Wie die Gruppe leben will, das wird im Konsens demokratisch gefunden, also ganz einfach gesagt: eine Demokratisierung der buddhistischen Strukturen."

Buddhistische Seelsorge

"Das wurde auf der Konferenz sehr deutlich, dass alle sehen, dass mit dieser Hierarchie zwischen Klerus, also den ordinierten Mönchen und Nonnen, und den Laien - und auch zwischen Männern und Frauen- , dass das hier im Westen nicht funktioniert. Und dass da eine Umstellung nötig ist."

Sagt Carola Roloff. Die Buddhologin und Nonne aus der tibetischen Tradition entwickelt einen universitären Lehrplan für buddhistische Seelsorger, analog zur christlichen Praktischen Theologie. Vorbild sind die Niederlande, wo schon seit Jahren buddhistische Seelsorger an der Universität ausgebildet werden.

"In Holland war der auslösende Punkt, dass dort Gefangene, die dort im Gefängnis sind, dass die einen rechtlichen Anspruch haben auf einen Seelsorger ihres Glaubens. Dadurch war der Staat beauftragt, jetzt auch Seelsorger auszubilden."

Buddhistische Seelsorger könnten aber auch in Krankenhäusern und in Hospizen arbeiten. Würden sie an Universitäten ausgebildet, wäre das ein Novum in Deutschland. Die angehenden Seelsorger müssten ein buddhistisches Master-Studium durchlaufen und eine zweijährige Zusatzausbildung, sagt Carola Roloff. Und sollte der Hamburger Senat eines Tages die Hamburger Buddhisten auch als Religionsgemeinschaft anerkennen, dann könnte auch ein Studium für buddhistische Theologie folgen. Der Buddhismus gehört nach ihrer Ansicht zu Deutschland - rund 250 000 Anhänger leben hier.

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