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StartseiteSonntagsspaziergangAchtsamkeit auch in Coronazeiten17.05.2020

Buddhistisches Zentrum in WaldbrölAchtsamkeit auch in Coronazeiten

Auch wenn alle Kurse im Buddhistischen Zentrum Waldbröl wegen der Coronavirus-Pandemie abgesagt sind - online sind die 35 Nonnen und Mönche erreichbar. Zur Ruhe, zu sich selbst kommen ist die Haltung, die sie leben und vermitteln. Eine Einstellung, die auch in der aktuellen Krise helfen kann.

Von Heike Braun

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01.11.2019, Nordrhein-Westfalen, Waldbröl: Eine Große Glocke hängt im Garten des Klosters (Henning Kaiser/dpa)
Große Glocke im Klostergarten in Waldbröl (Henning Kaiser/dpa)
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Die Stimme von Thay Phap An hat einen beruhigenden Klang. Er leitet das buddhistische Zentrum in Waldbröl seit knapp zwölf Jahren. Geboren wurde er in Vietnam. Dort ist er auch aufgewachsen. Schwierige Zeiten hat er viele überstanden. Die Coronakrise hat den Abt noch ehrfürchtiger werden lassen, aber auch noch stärker im Glauben an seine buddhistischen Werte.

"Die meiste Zeit sind wir frustriert und traurig. Solche Gefühle absorbieren unsere Energie. Wir müssen auf uns aufpassen. Jeder einzelne auf sich, dass die Traurigkeit und die Frustration nicht die Oberhand gewinnt. Wir müssen lernen, unser Schicksal zu akzeptieren, damit wir wieder ruhig werden. Und wir müssen auch die Nöte unserer Mitmenschen an uns heran lassen. Wir müssen uns gegenseitig zuhören, ernst nehmen und helfen."

Thai Phap An hat einen nahezu glatt rasierten Kopf und trägt eine bodenlange braune Kutte, so wie alle anderen Nonnen und Mönche seiner Gemeinschaft auch. Er trägt eine große Brille ohne Rand, über die er fast immer hinweg lächelt. Er ist Diplom-Chemiker und hat einen Doktortitel in Mathematik. Während seines Studium merkte er: Es waren nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die ihn antrieben. Er war viel mehr auf der Suche nach innere Ruhe.

"Wir müssen uns selbst akzeptieren, um anderen helfen zu können. Es gibt verschiedene Wege, wie wir zur Ruhe kommen können. Zum Beispiel über die Atmung."

Im buddhistischen Institut bei Gummersbach finden regelmäßig so genannte Achtsamkeitsübungen statt. Dazu gehören auch kontrollierte Atmung und Meditationen. Über allem scheint die Weisheit zu stehen: "In der Ruhe liegt die Kraft." Normalerweise gibt es ganzjährige Kursangebote und die Übungen sind immer gut besucht. Die Menschen, die hierher kommen, wollen nicht zum buddhistischen Glauben überwechseln. Sie suchen einfach nur Ruhe und Entspannung.

Zentrum ist zu Coronazeiten geschlossen

Doch in Coronazeiten bleibt das Zentrum geschlossen und alle Kurse sind bis auf weiteres abgesagt. Online sind die 35 Nonnen und Mönche aber immer erreichbar. Ansonsten bleiben die Buddhisten Waldbröls unter sich. Sie sind wie eine große Familie. Auch in Coronazeiten geht das Klosterleben seinen Gang.

"Wir stehen morgens um 5 Uhr auf. Dann gibt es eine Sitz-Meditation, um 6.30 Uhr stehen Körperübungen auf dem Plan. Um 7:30 Uhr wird gemeinsam gefrühstückt, später gibt es Tiefen-Meditation, danach eine Geh-Meditation. Mittag gegessen wird um 12.00 Uhr."

Auch beim Mittagessen werden Regeln befolgt. Die Ordensmitglieder kennen sie. Wenn Gäste kommen, werden sie vom Abt erklärt.

01.11.2019, Nordrhein-Westfalen, Waldbröl: Thay Phap An, Direktor und Studienleiter des EIAB (Europäisches Institut für Angewandten Buddhismus), steht in der Eingangshalle des Klosters (Henning Kaiser/dpa)Thay Phap An, Direktor und Studienleiter des EIAB (Europäisches Institut für Angewandten Buddhismus) (Henning Kaiser/dpa)

"Während wir essen, ruht unsere Aufmerksamkeit auf dem Essen. Bitte bleibt alle sitzen und esst. Holt euch nur, was ihr essen könnt und redet nicht, bis der Gong zwei Mal ertönt. Danach könnt ihr euch auch neues Essen holen. Aber mit Achtsamkeit. Verschwendet kein Essen. Wer will, kann nach dem Essen noch seiner toten und kranken Familienangehörigen und Freunde gedenken."

Nach dem Mittagessen findet die so genannte Loving Speech statt und das Deep Listening. Zu deutsch: das liebevolle Miteinander-Reden und das Genaue-Zuhören. Der gut durch strukturierte Tag im Kloster endet gegen 22.00 Uhr.

Die meisten Nonnen und Mönche kommen aus Vietnam

Die meisten Nonnen und Mönche in Waldbröl wurden in Vietnam geboren. Viele von ihnen haben in den USA studiert. So wie der Abt. Schwester Song Nghiem ist eine von wenigen, die in Deutschland studiert hat. Die zierliche Vietnamesin ist 1,50 Meter groß, 66 Jahre alt und machte in Darmstadt ihren Doktor in Chemie. Schwester Song Nghiem ist hauptsächlich für die Jugendarbeit zuständig. Sie vermisst diese Arbeit in Coronazeiten, versucht aber online mit allen in Kontakt zu bleiben und den Menschen Mut zuzusprechen. Dabei ist ihr eines sehr wichtig:

"Wir wollen nicht bekehren. Jeder darf bleiben, was er ist."

Schwerster Song Nighiem kümmert sich um Kinder ab sechs Jahren. Die meisten begreifen schnell, dass Emotionen - vor allem die Wut - beherrschbar sind. Man muss es ihnen nur erklären, sagt die Nonne.

"Sie müssen lernen, was für ein Gefühl sie haben. Und wir bringen ihnen auch bei, was können sie selber tun bei starken Emotionen, bei starken Gefühlen, um sich zu helfen. Sich spüren und sehen, welche Emotion das gerade ist. Und wir sagen: Wir umarmen diese Emotion, so wie ein Baby. Und das bedeutet: Wir akzeptieren, dass wir diese Emotion jetzt haben und versuchen, diese Emotion zu besänftigen. Und wir empfehlen ihnen, falls sie es nicht schaffen, Hilfe zu suchen."

Schwerster Song Nghiem teilt sich die Jugendarbeit mit ihrem Mitbruder Phap Xa, der aus Holland stammt. Er hat in den Niederlanden Mathematik studiert. Dann merkte er, dass die Lehren der Achtsamkeit und des Glücks für ihn viel wichtiger sind, als die Lösungen mathematischer Gleichungen. Er lehrt seit 2010 in Waldbröl. Bruder Phap Xa betreut besonders gerne Familien. Oft ist schon nach einem Wochenende im Kloster eine positive Veränderung bemerkbar.

"Wir haben auch für Jugendliche ein Achtsamkeitsprogramm. Und da sehen wir, dass gerade Jugendliche es lieben, auch mal zur Ruhe zu kommen. Die genießen auch, wenn ihre Eltern ruhiger sind."

Bruder Phap Xa hat genau wie alle anderen seinen bürgerlichen Namen abgelegt und bei seinem Eintritt in das Kloster von seinem Lehrer einen neuen Namen bekommen.

"Mein Name bedeutet Gleichmut und eine Liebe, ohne Diskriminierung."

Im europäische Zentrum für angewandten Buddhismus fand vor dem Coronaausbruch noch eines der wichtigsten Rituale im Buddhismus statt.

Insgesamt 250 Nonnen und Mönche aus ganz Europa waren nach Waldbröl gekommen, um ihre neuen Lehrmeister zu bestimmen. In einer feierlichen Zeremonie bekamen die neuen Buddha-Lehrenden die Dharma Lampe überreicht - sozusagen das Licht der Erleuchtung. Alle Teilnehmer trugen über ihren braunen Kutten noch eine safranfarbene Robe, um die Wichtigkeit und Bedeutung des Anlasses hervorzuheben.

Seit 2008 ist Waldbröl der Standort des buddhistischen Zentrums

Das Institut ist in einem Gebäude untergebracht, das vor rund 110 Jahren als Krankenhaus diente. Als der Orden 2008 dort einzog, stand es kurz vor dem Verfall. Die Nonnen und Mönche begannen mit der Renovierung. Das Institut liegt etwas abgelegen, inmitten eines inzwischen sehr gepflegten Parks, mit kleinen Teichen, buddhistischen Statuen und umgeben von vielen Bäumen. Außerhalb von Krisenzeiten sieht man hier immer Menschen durch den Park schlendern. Nonnen, Mönche und Besucher, die zur Ruhe kommen wollen.

Nicht selten führt der Abt solche Gruppen an und erklärt, wie wichtig die richtige Atmung bei jedem Schritt ist, den man tut. Er erklärt die Tai-Chi und die Atempraxis für Gäste, die nur englisch verstehen. Schwester Song Nghiem übersetzt ins Deutsche.

"Wir entspannen unseren ganzen Körper und genießen es, ein- und auszuatmen. Und wir fühlen jeden Schritt, wenn wir gehen. Zum Beispiel zwei Schritte beim Einatmen und zwei Schritte beim Ausatmen. Mit jedem Schritt lernen wir dann, unser Bedauern über die Vergangenheit los zu lassen. Und die Sorgen über die Zukunft lassen wir auch los."

Danach herrscht Schweigen. Der Abt geht vor, alle anderen folgen ihm und verschwinden in dem Wäldchen, hinter dem buddhistischen Institut.

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