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StartseiteKultur heuteBücherboom über die Militärdiktatur Argentiniens01.05.2012

Bücherboom über die Militärdiktatur Argentiniens

Titel und Themen auf der Buchmesse von Buenos Aires

Argentinien stand viel Jahre unter einer Militärdiktatur. Daher ist es kein Wunder, dass aktuell neben politischen Büchern der Gegenwart vor allem Werke über die Zeit der Unterdrückung durch Ex-Diktator Jorge Videla erscheinen.

Von Victoria Eglau

Bücher (dapd / Sebastian Willnow)
Bücher (dapd / Sebastian Willnow)

Ein Besuch der Internationalen Buchmesse von Buenos Aires ist wie ein Bummel durch einen riesigen Buchladen. An den dicht belagerten Ständen der großen argentinischen Verlage fällt in diesem Jahr vor allem eins auf: die enorme Anzahl von Neuerscheinungen über politische und zeithistorische Themen.

"Journalistische Recherchebücher sind zurzeit besonders beliebt. Der Markt verändert sich eben. Zu anderen Zeiten wurde mehr Belletristik verkauft. Heute interessieren sich viele Leser in Argentinien für Enthüllungsbücher zu aktuellen politischen Themen. "

Sagt Daniela Morel vom Verlag Sudamericana, der zur Gruppe Random House Mondadori gehört. Besonders en vogue sind Bücher über den Kirchnerismus, das heißt, die politische Bewegung, die Argentinien seit neun Jahren regiert. Mehrere Biografien der Präsidentin Cristina Kirchner und ihres verstorbenen Ehemanns Nestor, Investigationen über Korruptionsskandale, und - derzeitiger Verkaufshit von Sudamericana - ein Recherchebuch über die Jugendorganisation Campora, die in der Regierung in jüngster Zeit immer mehr Einfluss gewonnen hat. Ein Phänomen, das dem Buch von Laura di Marco viele Leser beschert.

"Die Regierung von Cristina Kirchner hat viele junge Unterstützer, und sie räumt jungen Leuten mehr Raum ein als frühere Regierungen. Junge Leute sind im Kommen, und das erfrischt die Politik. "

Versucht Verlagssprecherin Daniela Morel, das Interesse an dem Thema zu erklären. Außer der gegenwärtigen Politik dominiert die jüngste Geschichte die Büchertische, insbesondere diverse Abhandlungen über die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 83. Eine der Neuerscheinungen: das Buch Disposición Final, zu deutsch etwa "Finale Anordnung", das Interviews des Journalisten Ceferino Reato mit dem inhaftierten Ex-Diktator Jorge Videla enthält. Videla gibt darin erstmals explizit zu, dass die Diktatur Tausende politischer Gegner verschwinden ließ. Eine große Zahl von Veröffentlichungen befasst sich auch mit den Jahren vor dem Militärputsch, in denen die Gewalt linker Guerilleros und regierungsnaher Todesschwadronen Argentinien in Atem hielt. Alejandro Archain, Direktor des Verlages Fondo de Cultura Economica:

"In Argentinien gab es nach der Rückkehr zur Demokratie bereits eine erste Welle von Veröffentlichungen, die jene Jahre unter die Lupe nahmen. In letzter Zeit erleben wir erneut einen Boom von Büchern über die siebziger Jahre und die Diktatur. Ich denke, das hängt mit der neuen Menschenrechtspolitik zusammen, also mit der Aufhebung der Amnestiegesetze und den Prozessen gegen die Diktaturverbrecher, die heute stattfinden."

Aktuelle Politik und jüngere Geschichte sind auch am Stand der Buchkammer Uruguays sehr präsent. Eine Reihe von Veröffentlichungen über den linken Präsidenten José Mujica, der einst der Stadtguerilla Tupamaro angehörte, über ebendiese Bewegung und über die Militärdiktatur Uruguays fällt sofort ins Auge. Außerdem das neue Buch von Eduardo Galeano, Autor des weltberühmten vierzig Jahre alten Werks "Die offenen Adern Lateinamerikas".

Zur Vorstellung von Los Hijos de los Días - zu Deutsch etwa "Die Kinder der Tage", kam Galeano erstmals seit einem Jahrzehnt wieder zur Buchmesse von Buenos Aires, und wurde von einer Menschenmenge begeistert gefeiert.

Chile präsentiert sich bei der Feria del Libro weniger mit Sachbüchern als mit Belletristik. Doch auch in dieser spiegeln sich die Traumata der jüngsten Geschichte wider, etwa in Alejandro Zambras Roman Formas de volver a Casa - "Arten nach Hause zu kommen". Francisco Luque von der Chilenischen Buchkammer:

"Alejandro Zambra ist ein Schriftsteller Mitte dreißig, der aus einer persönlichen, intimen Perspektive über die Pinochet-Diktatur schreibt. Sein autobiografisch gefärbter Roman handelt davon, wie ein kleiner Junge in einem Vorort von Santiago de Chile jene Zeit erlebte. Es gibt eine neue Generation junger Autoren, die diesen sehr persönlichen Blick auf die Diktatur werfen."

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