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StartseiteUmwelt und VerbraucherBücherfreunden über die Schulter schauen09.10.2013

Bücherfreunden über die Schulter schauen

E-Books machen eine neue Leseforschung möglich

Das Buch ohne Papier ist bequem und bietet Verlagen die Möglichkeit, das Leseverhalten ihrer Kunden genau zu beobachten. Welche Seiten werden wie lange gelesen, welche überschlagen? In den USA führt das inzwischen sogar dazu, dass sich der Inhalt von Büchern verändert.

Von Wolfgang Stuflesser

Mit der neuen Form des E-Book-Readers  verändert sich auch der Inhalt. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Mit der neuen Form des E-Book-Readers verändert sich auch der Inhalt. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

"Kingdom Keepers" hat bei amerikanischen Jugendlichen eine feste Fangemeinde. Sechs Bücher der Serie sind bereits erschienen, sie erzählen die Abenteuer einer Gruppe Schüler, die als Wächter in Disneyland und Disneyworld arbeiten und … naja, kurz gesagt immer mal wieder die Welt retten müssen. Denn wenn der letzte Besucher den Park verlassen hat, werden die Figuren dort lebendig – und dann sind Amanda, Finn und Co. gefragt.

Im Grunde ist "Kingdom Keepers” typische Teenie-Literatur. Und damit ideal geeignet für die Experimente des Verlegers Waynn Lue. Er und der Autor Ridley Pearson haben sich für den siebten und letzten Teil etwas ganz Besonderes ausgedacht.

"Der Autor wollte das siebte Buch gemeinsam mit den Fans schreiben. Es gibt Szenen, da sollte ein Bösewicht aus dem Disney-Universum auftauchen. Also konnten die Leser wählen: Soll es die böse Hexe aus Schneewittchen sein oder lieber Scar aus dem König der Löwen. Und je nach der Publikumswahl änderte sich die folgende Handlung."

Es ist vielleicht kein Wunder, dass Waynn Lues Verlag Coliloquy in diese Richtung geht: Das Unternehmen sitzt im Silicon Valley, sieht sich an der Grenze zwischen Literatur und Technik. Und gerade elektronische Bücher eröffnen dem Verlag ganz neue Möglichkeiten, die längst nicht auf Jugendliteratur begrenzt sind. Der Titel "Great Escapes" etwa hat ein deutlich anderes Publikum:

"Es war ein erotischer Roman, bei dem sich die Leserinnen den männlichen Helden maßschneidern konnten. Sie konnten Alter und Haarlänge festlegen, und so wissen wir z.B., dass ein Held unter 30 Jahren mit langen, dunklen Haaren besonders gut ankommt."

Und auf einmal greifen Experiment und Marktforschung ineinander – und der Verlag erhält wertvolle Daten, um das nächste Buch zu entwerfen. Ohne E-Books wären solche Entwicklungen undenkbar: Bei Büchern aus Papier wissen die Verlage im Grunde wenig über ihre Leser: Wer kauft sie, wie schnell werden sie gelesen? Gibt es ein Kapitel, bei dem besonders viele Leser aussteigen? Elektronische Bücher melden all das zurück an die Vertreiberfirmen wie Amazon oder Apple – liest Big Brother also immer mit?

Alle Daten seien anonymisiert, versichert Waynn Lue. Es gehe nur darum, wie viele Leute sich für eine bestimmte Wendung der Geschichte entscheiden.

Während Coliloquy interaktive, aber fertige Bücher verkauft, setzt die kanadische Firma Wattpad noch eine Stufe früher an: Leser können den Autoren beim Schreiben zuschauen. Und wenn den Lesern die ersten Kapitel gefallen, können sie Geld dafür zusagen, wenn der Autor den Roman zu Ende schreibt. Wattpad zeigt auch, dass diese neue Form der Literatur keine Frage des Alters ist: Zu den Betreuern angehender Schreiber zählt auch die 72-jährige Bestseller-Autorin Margaret Atwood.

"Alle fragen mich immer: Wie gehe ich es an, dass mein Buch veröffentlicht wird? Wattpad ist eine Antwort darauf: Die Autoren können ihre Texte einstellen und von anderen kommentieren lassen – das ist oft ein guter Weg, das zu testen, was man geschrieben hat."

Auch die US-Buchhandelskette Barnes & Noble hat die Nutzungsdaten ihrer elektronischen Sachbücher ganz genau studiert und festgestellt, dass Leser oft nur den Anfang und das Ende eines Kapitels lesen. Also sollen in Zukunft eher mehrere verschiedene Themen in einem Buch behandelt werden – damit der Leser bei der Stange bleibt.
Für Autoren bedeutet das: Der Leser ist so wichtig wie nie. Das gilt besonders im Bereich der Genreliteratur, also Krimis, Erotica, Fantasy Bücher. Da stehen viele Autoren mit ihren Lesern ohnehin im engen Austausch, haben sich über Jahre und viele Bücher hinweg eine Community erschrieben. Und sehen sich damit auch als Dienstleister. Wie etwa Tina Folsom. Die gebürtige Bayerin lebt in San Francisco und ist mit Vampir-Liebesromanen hoch erfolgreich. Sie veröffentlicht die Titel im Selbstverlag bei Amazon. Und die Meinung der Leser ist ihr im Zweifel wichtiger als z.B. die eines Verlagslektors.

"Meine Leser diktieren mir in gewisser Wiese, was ich schreiben soll, die sagen mir, was ihnen gefällt, und ich halte mich daran. Wenn die sagen, ich will ein Buch für diesen Charakter haben, dann schreibe ich dann irgendwann mal das für den. Wenn ich sehe, dass er gut ankommt, dann mache ich so weiter. Ich höre auf meine Leser, aber nicht jetzt auf irgendeinen Redakteur, der sagt, wir müssen das Buch anders schreiben."

Waynn Lue arbeitet inzwischen mit mehr als 40 Schriftstellern zusammen. Die Gefahr, dass ein Autor dem Publikum am Ende so sehr nach dem Mund schreibt, dass er eigentlich fast überflüssig ist, sieht Waynn nicht.

"Schließlich ist es der Autor, der jedes einzelne Wort schreibt. Wir machen keine Literatur als Crowdsourcing, als würde jeder ein paar Wörter beisteuern. Als Leser sind Sie am Ende immer noch eingeschlossen in dem Universum, das der Autor für sie geschaffen hat."

Nur ist es eben ein Universum, das konsequent den Wünschen des Publikums angepasst ist. Wenn der Autor es will. Und diese Entscheidung, die trifft am Ende natürlich nur er selbst.

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