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StartseiteKultur heuteBüchersturz mit Folgen fürs Gedächtnis03.02.2012

Büchersturz mit Folgen fürs Gedächtnis

Uraufführung von "Zwanzigtausend Seiten" in Zürich

Tony, Hauptfigur im neuen Stück von Lukas Bärfuss, hat eine besondere Form eines Schädel-Hirn-Traumas: "Zwanzigtausend Seiten" über das Verhalten der Schweizer Bürokraten im Zweiten Weltkrieg sind ihm auf den Kopf geknallt - und die kennt er jetzt im Wortlaut.

Von Cornelie Ueding

Aus der Repetition von Textausschnitten wird bei Hauptfigur Tony irgendwann profundes Wissen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aus der Repetition von Textausschnitten wird bei Hauptfigur Tony irgendwann profundes Wissen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Schon der Zusammenprall von einem Buch und dem menschlichen Kopf wird selten als angenehm empfunden. Dem armen Tony ist nun gleich die ganze für die Müllkippe bestimmte Bibliothek eines Professors aus dem dritten Stock auf den Kopf gefallen. Und jetzt hat er den ganzen Kopf voll fremder Geschichten.

Also landet er als Unfallopfer, so die witzige Ausgangssituation von Lukas Bärfuss' neuem Experimentalstück, nicht in der Chirurgie, sondern in der Psychiatrie. Was geschieht, wenn ein sympathischer, bis dato weder durch Arbeitseifer noch durch intellektuelle Höhenflüge, allenfalls durch eine gewisse hundeäugige Nettigkeit bestechender junger Typ nun mit 20.000 Seiten Text im Kopf - und zwar Wort für Wort - aufwacht? Was, wenn er plötzlich alle Briefe, Dokumente und Protokolle des Verhaltens der Schweizer Bürokratie im Zweiten Weltkrieg im Wortlaut kennt und aufsagt - auch wenn er zunächst nur ansatzweise versteht, was er da sagt?

Die Versuchsanordnung in der Schiffbau-Box des Zürcher Schauspiels zeigt: Obwohl er aus der Psychiatrie fliehen konnte, bleibt er gefangen in einem Carré zwischen Regalwänden, von allen Seiten umstellt von haushoch aufgereihten Leitz-Ordnern voller Dokumente - und drum herum, dahinter und darüber lauern wir, die neu-gierigen Zuschauer.

Die Signale seiner auf funktionale Anpassung ins Arbeitsleben erpichten Freundin Lisa schwanken verlässlich zwischen Liebesbeteuerungen und Forderungen an diesen "ganz besonderen" Menschen. Er landet in einem alternativen Privatsender, wo keiner zuhört.

Dann fällt Tony einem Agenten in die Hände, der die Begabung des Jahrhunderts marktfähig zu trimmen versucht, und die Karriere des neuen Stars in Glitzerlook als Weltgewissen, Parzifal, Wahrheitsbringer und Erlöser schon gewinnbringend durchkomponiert hat.

Tony indes rüpelt sich zwar noch vorschriftsmäßig durch die Castingshow - doch er verpatzt das Finale mit der obligatorischen Million. Denn längst ist für ihn aus der Repetition von Textausschnitten profundes Wissen geworden. Die Dokumente aus der Nazivergangenheit haben im Kopf ihres jungen Erben eine Art geistiger Heimat gefunden. Im Bann dieser Geschichten wird er zum Kronzeugen und Anwalt des begangenen Unrechts und will nicht mehr papageienartig den Wortlaut einer Stelle reproduzieren, sondern die ganze Geschichte, die volle Wahrheit aussprechen - zum Entsetzen des stereotyp grinsenden, restlos überforderten Moderators.

Aus der Traum - und nicht mal ein Überlebender des Naziterrors will mehr an die Geschichten seiner Beinahevernichtung erinnert werden.

Da hat die Wissenschaft in Gestalt einer an Dürrenmatts "Physiker" erinnernden Irrenärztin den jedenfalls für ihre Karriere rettenden Einfall: Sie inszeniert einen zweiten, wissenschaftlich kontrollierten Büchersturz. Denn der zufällige Unfall hat das Zeug zu einem Modell für einen völlig neuen Wissenstransfer: Stimmen ein paar Koordinaten wie Aufprallwinkel, Luftfeuchtigkeit und Fallhöhe, wäre es möglich, das Weltwissen katalogartig und systematisch weiterzugeben, zu designen und beliebig zu transferieren. Mit einem Wort: den Menschen auf effiziente Weise nur nützliches Wissen einzutrichtern.

Regisseur Lars-Ole Walburg entwickelt die Szenen dieser abgesteckten Versuchsanordnung langsam, steigert sie zuweilen, bis die Figuren auf der Kippe zur Karikatur balancieren; mit der Künstlichkeit von Fernsehshowelementen spielt er, statt sie outriert zu kopieren. Dass es der bitteren Farce dennoch etwas an Binnenspannung fehlt, mag auch an den Schwierigkeiten des Raumes liegen, in dem die Figuren immer nach vier Seiten sprechen und spielen müssen.

Alle treten im Wortsinn auf der Stelle, und das verführt zu einer Art rastlosem Getänzel biegsamer Körper und bisweilen zu einem Singsang, der leider Witz und Schärfe des virtuosen Stückes nivelliert. Bärfuss hat nicht nur eine kleine Dialektik der Erinnerungskultur entfaltet, sondern übt auch massiv - aber nicht plakativ - Kritik an der derzeit allenthalben praktizierten "Philosophie" der Normierung und Standardisierung, die alles Eckige und Sperrige, nicht in den Container der Erwartung Passende knallhart ausgrenzt und im Sinn einer schönen, neuen, vergangenheitsfreien Welt ausgrenzt. Happy end - mit dickem Fragezeichen!

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