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StartseiteKultur heuteBühnenpoet in der Nähe zum Kitsch06.12.2010

Bühnenpoet in der Nähe zum Kitsch

Andreas Kriegenburg an den Münchner Kammerspielen

In einer Art Wartesaal treffen acht Figuren aufeinander - es entstehen missglückte Begegnungen und die ein oder andere Situation endet im Slapstick. Auch mit seiner jüngsten Arbeit kann Regisseur Andreas Kriegenburg weder den Melancholiker, noch den Clown in sich verleugnen.

Von Sven Ricklefs

v.l.n.r. Walter Hess, Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper, Sylvana Krappatsch, Annette Paulmann, Stefan Merki, Oliver Mallison (Arno Declair)
v.l.n.r. Walter Hess, Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper, Sylvana Krappatsch, Annette Paulmann, Stefan Merki, Oliver Mallison (Arno Declair)
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Münchner Kammerspiele

Manchmal möchte man das: sich jemandem nähern und an ihm lauschen, hören was er denkt, was so vorgeht in ihm. Der kleine Mann da auf der Bühne, er kann das. Er geht hin zu den anderen, lehnt sich ein wenig vor, und schon hört man sie, hört ihren Gedanken zu, die allerdings fast immer und alle um ihre Pein kreisen: um die eigene Unzulänglichkeit, die Selbstzweifel, den Selbsthass. All das verhindert, dass sie sich den anderen nähern können. Aber all das treibt sie zugleich immer wieder zueinander, soll doch – muss doch, kann doch nur der andere bestätigen, was man selbst bezweifelt. "Die Landschaft meines Körpers ist mir so fremd, wie die Landschaft des Amazonas" wird am Ende einmal eine der Figuren, eine Frau, sagen, nachdem sie sich abgetastet hat, Gliedmaße für Gliedmaße. Deine Stirn, dein Schenkel, deine Hand, sie sind mir vertraut, wird der Mann zu ihr sagen, der neben ihr kniet. Das klingt liebevoll, doch was wird ihr dies nützen.

Entschuldigen Sie bitte, darf ich mir für Sie das Rauchen abgewöhnen?
Und: Entschuldigen Sie bitte, würden Sie mein Leben in Ordnung bringen?
Entschuldigung: Wenn ich jetzt wegliefe, würden Sie dann "bleib stehen" rufen?

"Alles nur der Liebe wegen" hat Andreas Kriegenburg sein Projekt für die Münchner Kammerspiele genannt, doch sie da oben auf der Bühne und wir da unten im Leben tun und fragen und fordern und suchen all dies wohl weniger der Liebe wegen als vielmehr eben aus jener Einsamkeit und Verzweiflung heraus, die Kriegenburg mit seinem poetischen Theaterabend umkreist. Für ihn hat sich Regisseur Kriegenburg, der wie immer in letzter Zeit auch hier sein eigener kongenialer Bühnenbildner ist, einen fast opernhaft-antiquiert wirkenden Raum auf die Bühne gebaut. Tanzsaal könnte der sein, Wartehalle, Foyer. Ein edles Parkett hat dieser Raum, einen rosafarbenen Teint, Säulen stehen herum, zwei hohe Flügeltüren führen ins Dunkel. Von dort schneien die acht Schauspieler immer wieder herein, und dort verschwinden sie auch immer wieder, kommen und gehen in ihren merkwürdigen Kostümen, die sie irgendwo wohl in den 5oer Jahren gefunden haben oder auch nicht, denn sie wirken so schüchtern und schief und ein wenig unglücklich wie ihre Träger selbst. Kriegenburg buchstabiert nicht wirklich Geschichten aus, sondern erzählt in variablen Szenen von schüchternen Versuchen und missglückten Begegnungen, er reißt Schicksale an, spitzt Situationen slapstickhaft zu, und wo die Figuren in ihre eigene unleugbar kleine Menschlichkeit abzustürzen drohen, da greift ihnen Kriegenburg mit Musik und Lyrik unter die Arme.

Mal übertüncht ein sakraler Chor die aufkeimende Banalität, mal scheinen bekannte Gedichte versunkener Zeiten auf, mal versuchen sich die Figuren im Tanz. Im Walzer etwa, der den Paaren allerdings schon nach wenigen Schritten zum immer wieder wiederholten Fiasko wird. Oder im Tango, den die Frau wie im Nebenbei mit dem vorbeiwischenden Besen des Hausmeister zu tanzen beginnt. Und wo sich die Verzweiflung im epileptischen Anfall vielleicht allzu demonstrativ Bahn bricht, da kann bald schon wieder das fröhliche Speed-Date Einstand feiern.

Auch mit seiner jüngsten Arbeit kann Andreas Kriegenburg nicht den Melancholiker, nicht den Clown und nicht den Bühnenpoeten in sich verleugnen. Und wie so oft, weiß er zumeist auch hier, wann er die Melancholie zu brechen hat, um nicht in die Nähe des Kitsches zu geraten, und auch: wann der Slapstick wieder sein Ende haben muss. Die acht Schauspieler sind ihm dabei sichtbar freudig und bravourös auf das nicht durch einen Text oder eine Stückdramaturgie abgesicherte Terrain gefolgt, wagemutig, absturzoffen und vielleicht tatsächlich "alles nur der Liebe wegen." Denn: Man muss sie nicht mögen, die Arbeiten von Andreas Kriegenburg, manche halten sie sogar für effektheischend und kitschig, doch wenn man sie mag, ist die Gefahr groß, sich in sie zu verlieben.

Infos unter:

Münchner Kammerspiele

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