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StartseiteKalenderblattAls Lessings "Miss Sara Sampson" uraufgeführt wurde10.07.2015

Bürgerliches TrauerspielAls Lessings "Miss Sara Sampson" uraufgeführt wurde

Gotthold Ephraim Lessings "Miss Sara Sampson" ist das erste bürgerliche Trauerspiel. Es handelt von der Tragik einer bürgerlichen Frau im Konflikt zwischen Liebe und töchterlichem Gehorsam, Pflicht und Neigung. Vor 260 Jahren wurde das Rührstück erstmals in Frankfurt an der Oder gezeigt.

Von Ruth Fühner

Gemälde (Johann Heinrich Tischbe) des deutschen Lyrikers und Literaten Gotthold Ephraim Lessing. (picture alliance / dpa / Bifab)
Gotthold Ephraim Lessing, der mit "Miss Sara Sampson" das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel verfasste, war ein herausragender Vertreter der Aufklärung. (picture alliance / dpa / Bifab)

Berlin 1755. Zwei amüsierwillige junge Männer gehen ins Theater. Den einen, Moses Mendelssohn, rührt das französische Stück zu Tränen, den anderen lässt es kalt. "Alte Weiber zum Heulen zu bringen" - das könne er genauso gut oder besser, mehr als sechs Wochen brauche er nicht für so ein Stück. Die Wette gilt. Das Ergebnis wird am 10. Juli 1755 uraufgeführt. Der Titel: "Miss Sara Sampson" . Der Autor: der 26-jährige studierte Mediziner Gotthold Ephraim Lessing. Ob das Stück tatsächlich so entstand, wie es die Anekdote will, ist unbewiesen. Sicher hingegen ist, dass es Theatergeschichte schrieb. "Miss Sara Sampson" ist das erste bürgerliche Trauerspiel, und wie die Gattungsbezeichnung schon andeutet: es wird traurig ausgehen.

Liebe mit Pferdefuß

"Es sei nun Liebe oder Verführung, Glück oder Unglück, was mich Ihnen in die Arme getrieben. Ich bin in meinem Herzen die Ihrige und ich werde es ewig sein. Ich will in der Welt von keiner andern Ehre wissen, als von der Ehre, Sie zu lieben, Mellefont." Die junge Sara Sampson liebt Mellefont, der wiederum ihr nicht abgeneigt ist. Das Paar ist vor dem väterlichen Zorn des alten Sampson geflohen und macht Station in einem Provinzgasthof. Der Pferdefuß: Mellefont hat nicht nur bereits eine andere geliebt und verlassen. Er ist auch einer, der lieber genießen als sich binden möchte - also scheinbar auch nichts weiter als ein amüsierwilliger junger Mann.

"Sara Sampson, meine Geliebte! Wieviele Seligkeiten liegen in den Worten! - Miss Sara Sampson, meine Ehegattin! - Die Hälfte der Seligkeiten ist verschwunden!" Im Gasthof kommt es zum Showdown. Sara hofft noch auf eine Heirat, doch Mellefonts Ex, die intrigante Marwood, die ihm mit der gemeinsamen Tochter Arabella nachgereist ist, klärt sie über ihre älteren Rechte auf. Sara fällt in Ohnmacht, die Marwood vergiftet sie, an ihrer Leiche ersticht sich der halbherzige Liebhaber. Zuvor hat die sterbende Sara allen verziehen und ihren längst versöhnlich gestimmten Vater gebeten, Arabella in sein Haus an Tochter statt aufzunehmen.

Erstmals ernsthafte Beschäftigung mit dem Privatleben von Bürgern

44 Jahre bevor die Französische Revolution die Vorherrschaft des Adels in der Wirklichkeit brach, tat "Miss Sara Sampson" das auf dem deutschen Theater. Galten bis dahin - nach dem Muster des klassischen französischen Dramas - allein "Potentaten, Prinzen und hohe Standespersonen" als tragödienfähig, wurde hier erstmals das Privatleben von Bürgern ernsthaft verhandelt. Genauer: die Tragik einer bürgerlichen Frau im Konflikt zwischen Liebe und töchterlichem Gehorsam, Pflicht und Neigung. Ein Rührstück, gewiss. Aber es rühmt nicht nur schier übermenschlichem Edelmut, es zeugt auch von einem realistischen Blick auf menschliche Schwächen.

"Wie muss der, welcher tugendhaft sein soll, keinen Fehler begangen haben, hat ein einziger Fehler so unsägliche Wirkungen, dass er eine ganze Reihe unsträflicher Jahre dahinfegen kann, so ist kein Mensch tugendhaft. So ist die Tugend ein Gespenst, das in der Luft zerfließt, wenn man es am festesten umarmt zu scheinen glaubt."

Lessing wird über Nacht berühmt

Das Scheitern der Bürgertöchter an ihrem Begehren ließ Lessing in seiner "Emilia Galotti" später noch einmal tödlich enden. Ein dramatisches Muster zeichnete sich ab, das auch die folgende Generation der Stürmer und Dränger aufgriff. Wenn dann noch ein Adliger in der Rolle des bösen Verführers auftrat, bekam das Ganze zusätzlich eine politische Spitze. Lessing hingegen konnte auch anders - seine "Minna von Barnhelm" ist eine beinah emanzipierte Frau, die folgerichtig nicht in einem Trauerspiel untergeht, sondern eine Komödie glücklich überlebt.

In Berlin fand Lessing übrigens kein Theater für seinen Bühnenerstling. So wurde "Miss Sara Sampson" in Frankfurt an der Oder uraufgeführt. Und ein Zeitgenosse berichtet: "Die Zuschauer haben drei und eine halbe Stunde zugehört, stille gesessen wie Statuen, und geweint." Damit hatte Gotthold Ephraim Lessing nicht nur seine Wette gewonnen. "Miss Sara Sampson" machte ihn über Nacht berühmt.

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