Dienstag, 22.10.2019
 
Seit 21:05 Uhr Jazz Live
StartseiteEine WeltDer Retter von San Salvador21.01.2017

Bürgermeister BukeleDer Retter von San Salvador

San Salvador gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Bürgermeister Nayib Bukele bemüht sich, das Image der zentralamerikanischen Metropole aufzupolieren. Durch Investitionen in den öffentlichen Raum will er die Stadt sicherer machen. Wenn ihm das gelingt, könnte er Präsident des Landes werden.

Von Martin Reischke

Der Bürgermeister von San Salvador, Nayib Bukele, während einer Parade am 1. August 2016. (dpa / picture-alliance / EFE / Ericka Chavez)
Der Bürgermeister von San Salvador, Nayib Bukele, ist im Volk beliebt. (dpa / picture-alliance / EFE / Ericka Chavez)
Mehr zum Thema

Vor 25 Jahren Friedensschluss in El Salvador

Seligsprechung von Oscar Romero Mitten in der Predigt erschossen

Textilfabriken in El Salvador Nähen für die anderen

Kaffeekultur in El Salvador Heiß geliebt und heiß getrunken

Hektische Vorbereitungen am Salvador del Mundo, dem bekanntesten Platz von San Salvador mit der riesigen Jesus-Statue. Mit schnellen Handgriffen bauen vier junge Männer ein weißes Zeltdach auf, das die Gäste vor der gleißenden Sonne schützen soll. 18 Bürgermeister aus Gemeinden im ganzen Land sind in die Hauptstadt gekommen. Doch der Star der Veranstaltung ist wie immer: Nayib Bukele. Mit leichtem Schritt tritt der 35jährige ans Mikrofon, begrüßt seine Gäste.

"Buenos días a todos."

Bukele – schlank, smart, charismatisch – redet von einem seiner Lieblingsprojekte. Es heißt "100% iluminado", auf Deutsch "100% erleuchtet". Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat er die alte Straßenbeleuchtung der Stadt gegen neue LED-Lampen austauschen lassen. Nun will er die Erleuchtung ins ganze Land tragen. Hunderte alte Laternen sollen an bedürftige Gemeinden abgegeben werden. Was in der Hauptstadt ausgedient hat, kommt so in der Provinz wieder zum Einsatz.

Neue Infrastruktur soll für Wandel sorgen

Nur: Was hat die Straßenbeleuchtung mit den Problemen einer Stadt zu tun, die zu den gewalttätigsten Orten der Welt zählt? Ziemlich viel, findet Bukele.

"Die Infrastruktur selbst kann zu einem Wandel führen, aber der ist vergleichsweise klein. Erst wenn sie begleitet wird von einem neuen Denken, wird es einen wirklichen Wandel geben."

Mit diesem neuen Denken hat der Bürgermeister schon einmal angefangen. Ein großes Problem der Stadt sind die "maras", Jugendbanden also, die ganze Bezirke der Hauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht haben. Doch statt wie so viele seiner Vorgänger darauf mit einer Politik der harten Hand zu antworten, vertritt Bukele eine andere Position.

"Wenn du das Problem hast, dass eine Person eine andere ermordet, dann kann man meinen, dass diese Person gewalttätig ist oder ein Soziopath. Aber wenn du ganze Bevölkerungsgruppen hast, die zu den Pandillas, den Jugendbanden gehören, wenn sich beispielsweise Zehntausende von Jugendlichen diesen Gruppen anschließen, dann haben wir es nicht mehr mit einem Soziopathen zu tun, sondern mit einem sozialen Problem."

Salvador als kranker Mensch

Wenn er über das Scheitern der Sicherheitspolitik in seinem Land redet, vergleicht Bukele den salvadorianischen Staat mit einem kranken Menschen. Der bekämpfe seine Schmerzen mit einem Schmerzmittel. Das Schmerzmittel des Staates gegen die Gewalt sei die Polizei.

"Niemand ist gegen das Schmerzmittel und niemand ist gegen die Polizei, ganz im Gegenteil, aber offenbar ist das nicht die Lösung. Die Lösung ist vielmehr, die sozialen Strukturen zu verändern, die zu der Gewalt geführt haben, und dazu gehören die Ungleichheit und die Exklusion, von der breite Teile der Bevölkerung ihr Leben lang betroffen sind."

Deshalb hat Bukele ein Bündel an öffentlichen Investitionen geplant. So will er die Stadt ihren Bewohnern zurückgeben. Kernstück dieser Politik ist die Rückgewinnung des historischen Zentrums von San Salvador. Heute verstopfen fliegende Händler und Busse die Straßen, während die historischen Gebäude verfallen. Die Gegend gilt als sehr unsicher. Doch schon bald sollen Fußgänger durch die Straßen flanieren und auf begrünten Plätzen verweilen.

Rückeroberung der Stadt

In Lateinamerika, sagt der Bürgermeister, habe man sich viel zu lange damit abgefunden, dass die öffentlichen Plätze schäbig und schlecht gepflegt seien.

"Wir wollen diese Kultur verändern, wir wollen, dass die öffentlichen Räume schön sind und von hoher Qualität. Das wird uns natürlich nicht zu einem Land ohne Gewalt machen, aber es ist ein erster Schritt."

Bisher künden von dem Wandel allerdings nur die hellblauen Metallzäune, mit denen die Stadtverwaltung wichtige Bauobjekte abgesperrt hat. Die Bevölkerung scheint das nicht zu stören, die Zustimmungswerte für Bukele sind hoch. Sein Geheimnis sei ein anderes, meint Marco Pérez, Sicherheitsexperte der Heinrich-Böll-Stiftung in El Salvador.

"Er vertritt keine Ideologie und hat keine ausreichende politische Erfahrung, aber er versucht sich als Vermittler zu präsentieren zwischen dem Wirtschaftssektor und den sozial benachteiligten Schichten. Das verleiht ihm eine Art messianischen Charakter, was in Zentralamerika perfekt funktioniert."

Nun aber muss Bukele liefern. Von der Umsetzung seiner Projekte wird abhängen, ob ihm der Bürgermeisterposten als Sprungbrett für eine mögliche Präsidentschaft dienen kann. Noch spricht einiges dagegen. Mit seiner eigenen Partei liegt er im Streit. Außerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen enge Vertraute Bukeles wegen eines Hackerangriffs auf zwei konservative Tageszeitungen. Noch ist unklar, ob er die Anschuldigungen unbeschadet überstehen wir.

Sprungbrett ins Präsidentenamt?

Und dann bleibt da noch die Frage: Wie viel Einfluss hat ein Bürgermeister mit kleinem Budget überhaupt, um die großen Probleme seiner Stadt wirklich zu lösen?

Wer am frühen Abend zum Platz mit der Jesus-Statue zurückkehrt, der kann beobachten, wie hier Jugendliche Skateboard fahren und Familien friedlich zusammensitzen. Der Platz, umtost vom hupenden, lärmenden Feierabendverkehr, ist dicht bevölkert. Die Rückeroberung der Stadt, zumindest auf dieser kleinen Insel hat sie schon funktioniert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk