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Startseite@mediasresWächter der Demokratie23.04.2019

Bürgerradio in TunesienWächter der Demokratie

"Kontrolle der demokratischen Alltäglichkeit" - darin sehen viele unabhängige Rundfunkjournalistinnen und -journalisten in Tunesien ihre Aufgabe. Der Radiomarkt boomt, vor allem durch Sendungen über Frauenrechte oder homosexuelles Leben in der arabischen Welt.

Von Thomas Migge

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Bouhdid Belhadi sitzt im Sendestudio von Shams Radio vor zwei Mikrofonen. Er leitet den ersten LGBT-Radiosender in der arabischen Welt. (Fethi Belaid / AFP)
Kritisches Bürgerradio boomt in Tunesien - mit Sendern wie Radio Karama und Shams Radio (Fethi Belaid / AFP)
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Die Redakteurin begrüßt die junge Hörerin als Gast ihrer Sendung. Sie trägt einen weißen Kopfschleier. Der so genannte Hidschab, der die Haare, die Ohren, den Hals und den Ausschnitt bedeckt, ist das Thema der Vormittagssendung von "Radio Karama". Die junge Frau berichtet von ihren Freundinnen, die, wie sie, zunehmend modische Hidschabs tragen - nicht etwa, weil sie besonders religiös sind, sondern weil sie diese Kopfbedeckungen einfach schick finden.

Kritisches Radio für wenig Geld

Religiöse, kulturelle, soziale und politische Themen sind das Kennzeichen von "Radio Karama". Karama bedeutet auf tunesisch "Würde". Ein paar Studios im malerischen Sidi Bouzid, nicht weit von Karthago entfernt, zwei Computer und drei Mikrofone. Und acht Mitarbeiter, die bereit sind, für wenig Geld kritisches Radio zu machen. Privatradio natürlich, denn, so Journalist Haythem El Mekkiman, man wolle unabhängig sein und bleiben, unter allen Umständen:

"Tunesien ist in gewisser Weise zu einer Art Mekka des kritischen Radios geworden. Hier sind in den letzten Jahren viele freie Radiosender entstanden, die darüber aufklären wollen, wie es um unsere neue zarte und immer in Gefahr befindliche Demokratie bestellt ist. Radio, und Internet sind dabei eine wichtige Kontroll-Instanz geworden."

In Tunesien existieren in allen Städten, auch in kleinen Kommunen, unabhängige Radiosender, die vor allem von jungen Menschen betrieben werden. Via Internet und auch via FM. Schätzungsweise 110 solcher Sender greifen vor allem lokale Themen auf und schauen dabei Lokalpolitikern auf die Finger. Die "Kontrolle der demokratischen Alltäglichkeit", so nennen tunesische Rundfunkjournalisten ihre Aufgabe, beginne vor Ort: im Rathaus, im Gericht, in der lokalen Verwaltung.

Themen für Frauen im Mittelpunkt

In der Kleinstadt Jendouba im Nordosten Tunesiens, dort, wo Polizei und Militär schlafende Zellen der IS-Terrororganisation vermuten, strahlt "Radio Rayhana" aus. Gegründet von der Vereinigung "Rayhana pour Femmes de Jendouba" dreht sich hier thematisch fast alles um Frauenthemen. Redakteurin Alloucha Ali geht mit ihrem Mikro in Schulen und auf die Straße, um Mädchen und Frauen die Möglichkeit zu geben, offen über ihre Probleme in einer zwar offiziell säkularen Gesellschaft zu sprechen. Eine Gesellschaft, die immer noch, vor allem in ländlichen Gegenden, Frauen als Menschen zweiter Klasse betrachtet.

Alloucha betreut auch ein Programm, das darüber aufklärt, welche wichtige Rolle Frauen im Kampf gegen den radikalen Islamismus haben, der vor allem in ihrer Region ein Thema ist:

"Frauen nehmen bei uns eine extrem wichtige Position ein, denn sie haben heute Rechte, die sie früher nicht hatten. Sie müssen begreifen, dass sie diese Rechte auch nutzen können. In meinem Programm diskutieren wir Frauenrechte."

Einziges LGBT-Radio der arabischen Welt sendet aus Tunis

Das Frauenprogramm von Radio "Rayhana" erfreut sich großer Beliebtheit in Jendouba und Umgebung. Übrigens sind es die Hörerinnen, die den Sender finanzieren.

Tunesiens selbstfinanzierte Privatsender spiegeln und garantieren die mediale Präsenz einer inzwischen modernen heterogenen Öffentlichkeit. Eine Radiorealität, die so in keinem anderen arabischen Staat Nordafrikas anzutreffen ist. Ein medienpolitisches Unikum.

Das gilt auch für die mutigen Macher von "Shams Radio" in Tunis, der einzigen Radiostation der gesamten arabischen Welt, die ganz offen Themen der LGBT-Gemeinschaft aufgreift - in einem Land, in dem Homosexualität immer noch unter Strafe steht.

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