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StartseiteUmwelt und VerbraucherMückensammler und andere Laien-Forscher24.01.2020

BürgerwissenschaftenMückensammler und andere Laien-Forscher

Stechmücken sammeln, historische Dokumente aufarbeiten oder Orte vergangenen jüdischen Lebens kenntlich machen: Laien-Wissenschaftler können viele verschiedene Forschungsprojekte mittragen. Ihre Hilfe wird von professionellen Forschern geschätzt, hat aber Grenzen.

Von Jutta Schwengsbier

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Eine Stechmücke krabbelt am 18.02.2013 in Weinheim (Baden-Württemberg) an der Wand eines Kellers. (picture-alliance / Uwe Anspach)
Normale Stechmücke oder Tigermücke? Laien-Forscher sammeln für den Atlas (picture-alliance / Uwe Anspach)
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Auf die Idee, Stechmücken zu sammeln und an ihr Forschungsinstitut zu senden, seien viele Leute ganz alleine gekommen, erzählt Nadia Pernat. Durch dieses Beispiel von Bürgerforschern angeregt, habe das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung dann selbst einen öffentlichen Aufruf zum Stechmücken-Sammeln  gestartet. Das Ziel: einen Mückenatlas für Deutschland zu erstellen. Über dieses Projekt schreibt die Biologin nun ihre Doktorarbeit.

"Die Medien berichten sehr oft über die Tigermücke und die Buschmücke, und die Leute halten Ausschau danach. Und so konnten wir zum Beispiel über den Mückenatlas Erstfunde in Jena nachweisen."
 
Nichtwissenschaftler unbezahlt Daten sammeln zu lassen, wie im Beispiel des Mückenatlanten, wird in Forschung und Wissenschaft als Hilfe gern genutzt.

Werden Freiwillige ausgenutzt?

Kritiker sehen allerdings auch die Gefahr, dass dieser Trend prekäre Arbeitsbedingungen für Jungforscher verschärfen könnte. Und gutwillige Freiwillige oft auch einfach ausgenutzt werden, um Kosten zu sparen. Katrin Vohland ist Sprecherin eines europäischen Forschungsnetzwerkes zu Citizen Science und hält dem entgegen:

"Es geht nicht darum, Datenknechte heranzuziehen, sondern es geht darum, dass ein Verständnis sowohl von den Inhalten des jeweiligen Projektes entsteht aber auch von Wissenschaft selber und seinen Begrenzungen." 

Forschungsdesign ist entscheidend

Wenn der wissenschaftliche Austausch gut funktionieren soll, muss er vor allem entsprechend organisiert sein, ist Vohland überzeugt. Die Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse hänge dabei nicht generell davon ab, ob Bürgerwissenschaftler beteiligt sind oder nicht, sondern vom Forschungsdesign: 

"Es gibt Projekte, da würden wir auch sagen, das ist nicht optimal gelaufen, weil die Rückmeldung fehlt. Das kann sehr viele unterschiedliche Gründe haben. Einer ist, dass die Ressourcen nicht ausreichen." 

Vanessa van den Bogaert betreut die Projekte auf der Online-Plattform "Bürger schaffen Wissen"und hat beobachtet, dass sich die Forschungsschwerpunkte verschoben haben.

"Was wir sehen ist, dass am Anfang 2014, als es so aufkam und die Jahre danach, ganz viele Projekte genau aus diesem Biodiversitätsbereich oder naturwissenschaftlichen Bereich kamen. Wenn wir heute schauen, entwickeln sich ganz viele geschichtswissenschaftliche oder gesellschaftswissenschaftliche Projekte."

Mehr als nur Mückensammeln

Dabei helfen Bürgerwissenschaftler dann zum Beispiel dabei mit, historische Dokumente aus dem ersten Weltkrieg abzutippen. Oder sie kennzeichnen jüdische Orte auf Online-Karten und tragen zur historischen Einordnung bei. Den größten Erfolg haben bislang aber Projekte, an denen sich ganze Schulklassen beteiligen können. 

"Ein Projekt ist entstanden speziell für Schülerinnen und Schüler. Das sogenannte Plastik-Piraten-Projekt,  in dem Schulklassen an Fließgewässer-Monitoring teilnehmen und eben auch Daten generieren über den Mikro- und Makroplastikeintrag über Fließgewässer in unsere Ozeane." 
Als Wissenschaftler sehr geeignet: Schüler
 
Im Fall der Verbreitungskarte von Stechmücken, die mithilfe von Bürgerwissenschaftlern entstand, wollen Wissenschaftler um Nadia Pernat herausfinden, welche Krankheitsrisiken durch invasive Arten wie der asiatischen Tigermücke in Deutschland entstehen könnten. 

"Die heißt Tigermücke, weil die gestreifte Beine hat. Die ist nicht besonders gefährlich. Wir wissen, dass sie kompetent ist, um sehr viele Krankheitserreger zu übertragen. Also ungefähr zwanzig nach meinem Kenntnisstand. Deswegen tracken wir die auch mit dem Mückenatlas, um zu gucken, wo sie sich ausbreitet. Aber die müssen ja auch erstmal in Berührung mit den Krankheitserregern kommen. Und da ist das Risiko in Deutschland relativ niedrig."

Ohne Bürgerhilfe kein Mücken-Atlas

Noch stehen verbindliche Erkenntnisse aus. Aber Forschungen wie zum Plastikpartikel-Anteil in Fließgewässern oder auch der Mückenatlas wären ohne Citizen Science so gar nicht möglich. 

Citizen Science steht auch für einen weiteren Trend: Wissenschaft findet künftig sicher nicht mehr nur hinter verschlossenen Universitätstüren statt. Wissen könnte durch die Beteiligung von Citizen Scientists schneller und besser zugänglich werden.

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