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StartseiteKultur heuteBuhrufe und Pfiffe für Castorf01.08.2013

Buhrufe und Pfiffe für Castorf

Mit der "Götterdämmerung" schließt Wagners "Ring"-Tetralogie in Bayreuth

So etwas hat es in Bayreuth bislang äußerst selten gegeben: Minutenlang rollte eine Lawine von Buhrufen samt Pfiffen über Regisseur Frank Castorf hinweg. Nach der Inszenierung der "Götterdämmerung" hatte er sich sämtliche Sympathien beim Publikum verspielt.

Von Christoph Schmitz

Regisseur Frank Castorf provozierte offen das Bayreuther Publikum. (picture alliance / dpa / Peter Kolb)
Regisseur Frank Castorf provozierte offen das Bayreuther Publikum. (picture alliance / dpa / Peter Kolb)

In den Pausen während der "Ring"-Aufführung kursierte in den vergangenen Tagen das Gerücht, die Festspielleitung habe dem Regie-Team einen Auftritt auf der Bühne bis zum Schluss der "Götterdämmerung" verboten. Was eine gute Entscheidung war, sollte sie so gefällt worden sein. Denn als Frank Castorf mit seinen Leute nach dem letzten Teil der Tetralogie und 16 Stunden musikalischem Weltgeschehen vor den Vorhang trat, war das Premierenpublikum nicht besonders erfreut:

Minutenlang rollte eine Buh-Lawine samt Trillerpfeifenprotest über den Volksbühnen-Mann hinweg. Tapfer harrte er aus in der Hoffnung, die erhitzten Gemüter würden sich noch abkühlen, was aber nicht der Fall war, im Gegenteil. Als Castorf mit beiden Zeigefingern Drehbewegungen an seinen Schläfen vollführte, was man als Geste "Denkt doch mal nach!" verstehen konnte, aber auch als Zeichen für "Ihr hirnlosen Idioten!", da hatte Castorf auch die allermeisten Sympathiereste verspielt.

Als "Standing Buh-Vation" kommentierte ein amerikanischer Kritiker-Kollege die Zuschauerreaktionen. Auch von den mit jubelndem Beifall empfangenen Orchestermusikern, Sängern und Dirigenten ließ Castorf sich nicht von der Bühne vertreiben. Erst nach langen Minuten zog er mit starrer Miene unter Schimpf und Schande ab. So etwas hat es in Bayreuth und sonst wo bislang äußerst selten gegeben. Tatsächlich hat die Regie im Großen und Ganzen ebenso wie im Detail und sogar handwerklich versagt. Dieses Versagen aber scheint nicht nur aus falschen künstlerischen Entscheidungen herzurühren - das kann bei einem Großprojekt passieren-, sondern aus Desinteresse an Wagners Komposition, aus Unkenntnis und Schlampigkeit.

Zu den handwerklichen Fehlern: Siegfried schmiedet sich kein Schwert, sondern baut eine Kalaschnikow zusammen, um damit Fafner zu erschießen, was o.k. ist. Dann darf der junge Held aber nicht, wie geschehen, später mit einer mittelalterlichen Waffe herumhantieren. Wenn die Gier nach Gold in diesem "Ring" leitmotivisch durch die Gier nach Öl ersetzt werden soll, dann wirkt es komisch, wenn Mime aus der Tankstelle dennoch Goldbarren herausschleppt und in einen Pool wirft, wo das Metall an der Oberfläche wie Styropor dümpelt. Zwar ist auch in der "Götterdämmerung" das Bühnenbild auf der Weltendrehscheibe wieder beeindruckend. Bühnenbildner Aleksandar Denic ist neben Dirigent Kirill Petrenko der wahre Meister des neuen "Rings". Einen Kiez-Hinterhof im Berlin der Nachwendezeit zeigt Denic, wo die Nornen neben einer Döner-Bude eine Art Voodoo-Kult zelebrieren. Dann die Reichstagsfassade, von Christo verpackt, denkt man, was sich aber als Irrtum erweist. Wenn die Hüllen gegen Ende fallen, zeigt sich die New Yorker Börse. Und schließlich gibt’s noch den volkseigenen DDR-Betrieb "Buna" für chemische Produkte aus Öl. Das alles in einem Aufbau kompakt konstruiert, genial! Ein fantastisches Spielfeld also für eine spannende Geschichte, sollte man meinen.

Hätte Castorf es nur genutzt. Blind inszeniert er oft an allem vorbei. Seine "Ring"-Weisheit bleibt darüber hinaus recht banal. Das eigentliche Problem der Menschheit seien weniger die Systeme, gleich ob Kommunismus oder Kapitalismus, sondern der Mensch selbst. Ja, klar, wer denn sonst. Zugleich zeichnet der Regisseur Mensch und Welt mit Wagners Figuren so eindimensional, so platt und zynisch, als wären sie nur schlechte Graffiti, frei von psychologischen, historischen und mythengeschichtlichen Dimensionen. Im Gegensatz zu Castorf, der Wagner vielleicht nur aus einem Reclamheft kennt, hört Petrenko bei der Musik sehr genau hin, nimmt sie förmlich unter die Lupe und vergrößert ihren Klangfarben-Mechanismus. Die Mikrostruktur macht er so auf unerhörte Weise deutlich. Die Rheintöchter, die Nornen, Erda, Wolfgang Koch als Wotan und mit großen lyrischen Qualitäten Catherine Foster als Brünnhilde helfen ihm dabei aufs Beste. Ob sie aber zusammen mit Bühnenbildner Denic den "Ring" retten können, ist äußerst fraglich. Es wäre ein Wunder.

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