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Startseite@mediasresDer Zeitungskiosk der Bonner Republik24.08.2020

BundesbüdchenDer Zeitungskiosk der Bonner Republik

Das Bundesbüdchen war ein wichtiger Treffpunkt in der Bonner Republik. Hier kauften Bundeskanzler ihre Zeitungen, Journalisten bekamen Informationen und Abgeordnete holten sich in der Sitzungspause einen Imbiss. Jetzt ist der Zeitungskiosk (fast) zurück am alten Platz.

Von Antje Allroggen

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Das Bundesbüdchen in Bonn (Deutschlandradio/ Antje Allroggen)
Das Bundesbüdchen in Bonn (Deutschlandradio/ Antje Allroggen)
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Hinter den Kulissen der Bonner Republik

Endlich ist das kleine Bundesbüdchen wieder da. Zur offiziellen Eröffnung gab es wehmütige Musik und coronabedingt nur einige wenige Gäste. Immerhin hatte der Pavillon seit 1957 mehrere Jahrzehnte im Bonner Regierungsviertel gestanden. Konrad Adenauer gehörte zu den ersten Kunden, später schickte Bundeskanzler Helmut Kohl regelmäßig seinen Fahrer zum Brötchen holen vorbei. Und der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny verkaufte hier Würstchen, nachdem er in der ZDF-Sendung "Wetten dass..." eine Wette verloren hatte.

An diese längst vergangene politische Ära erinnern sich viele in Bonn immer noch gern. Ein kleiner unscheinbarer Kiosk war ein gutes Sinnbild für die Bonner Republik, die sich in Bescheidenheit übte. "Da haben sich alle getroffen", erinnert sich Peter Storsberg, der 2014 einen Förderverein zur Rettung des mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Pavillons gründete. Damals hatte der Kiosk einem Bonner Großbauprojekt weichen müssen, das Gebäude wurde auf einen Bauhof zur Zwischenlagerung transportiert.

"Stimmung der politischen Gelassenheit"

"Journalisten haben sich dort getroffen, Politiker aller Parteien, Herr Fischer mit Herrn Blüm, und es wurde beim Kaffee über politische Probleme gesprochen."

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer gehörte zu den Stammkunden des Büdchens. Täglich kaufte er hier – und zwar persönlich – 16 verschiedene Tageszeitungen. Und auch der vor kurzem verstorbene frühere Arbeitsminister Norbert Blüm wurde regelmäßig an der geschwungenen Außentheke des Pavillons gesichtet. Über sein Verhältnis zur alten Bundeshauptstadt äußerte sich der CDU-Politiker 2015 im Deutschlandfunk so: "Das schafft ne Stimmung der politischen Gelassenheit, die geradezu zur Meditation einlädt."

Am Bundesbüdchen konnte man die katholische Adenauer-Luft atmen, wie Heinrich Böll einmal schrieb. Als 1962 die "Spiegel-Affäre" in der alten Bundesrepublik hochkochte, versuchte Bundeskanzler Adenauer, von Bonn aus die Wogen wieder zu glätten: "Je mehr Macht, auch journalistische Macht jemand in Händen hat, desto mehr ist er verpflichtet dazu, die Grenzen zu wahren", mahnte er.

Nur wenige Fotos vom Bundesbüdchen

Auch in Bonn wehte ab den 1960er-Jahren ein durchaus kritischer Geist durch die Republik. Man war bereit, mehr Demokratie zu wagen. Trotzdem aber drang nicht alles, was Journalistinnen und Journalisten aus der Politik erfuhren, in die Öffentlichkeit. Und viele dieser inoffiziellen Hintergrundgespräche fanden bei einem Kaffee am Bundesbüdchen statt, erinnert sich Peter Storsberg: "Ohne Protokoll, ohne Zuhörer, ohne alles, selbst wenn ein Redakteur von irgendeiner Zeitung danebenstand, er hat das nicht verwendet. Das war schon ein ganz spezieller Ort. Manch alter Abgeordneter, der heute in Berlin arbeitet, wird einen solchen Ort dort ein bisschen vermisst haben, denke ich."

Doch bis in die 1980er- und 90er-Jahren hinein durften Journalisten nicht über alles berichten, was Politiker und Politikerinnen im öffentlichen Raum so taten. Wohl deshalb gibt es so wenig Fotos von Politikern, die am Tresen des Büdchens genussvoll in eine Siedewurst beißen.

Helmut Kohl hatte es den Journalisten regelrecht verboten, ihn essend abzubilden, erinnert sich Journalist Christian Kirsch, damals Bonner Korrespondent. Wollte man über ihn berichten, galten strenge Regeln: "Eine war, dass man dem damaligen Bundeskanzler Kohl weder beim Aussteigen noch beim Einsteigen in Limousinen noch beim Essen zeigt. Ich hab das gemacht und hab dafür einen Rüffel bekommen aus der Redaktion und auch von Kollegen, die alle wussten, dass man das nicht macht, ich wusste es nicht. Offensichtlich haben das alles klaglos akzeptiert."

Bäckerei statt Zeitungskiosk

Ab heute versorgt eine Kölner Bäckereikette das Bundesbüdchen mit viel Gebäck und Getränken. Das Zeitungssortiment hat sich im Vergleich zu früher erheblich verschlankt. Auch das Werbeband, das den geschwungenen Kiosk unter dem Dach schmückte und auf dem einzelne Printverlage für ihre Zeitungen warben, gibt es heute nicht mehr.

"Ich kann mich entsinnen, dass es zeitweise eine Werbung von der FAZ da oben gab und von der Süddeutschen und, und, und. Da waren viele vertreten: der General-Anzeiger natürlich auch, die Bonner Rundschau, also die hatten sich alle irgendwie platziert, und es gab noch mehrere Zeitungsständer. Auf einen ging dann alles gar nicht. Heute braucht man fast keinen mehr."

Seitdem die Politik nach Berlin gezogen ist, hat sich das ehemalige Bonner Regierungsviertel erheblich verändert: Die Deutsche Welle hat hier ihre Zentrale, die UNO ist mit ihrem UN-Campus im ehemaligen Langen Eugen prominent vertreten. Nun hofft man darauf, dass die neue Kundschaft dem alten Bonner Büdchen wieder neues Leben einhaucht. Auf eine ähnlich rheinisch-gelassene Weise, wie es für mehrere Jahrzehnte zuvor schon der Fall gewesen ist.

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