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StartseiteKommentare und Themen der WocheViele Details sind Ländersache10.02.2021

Bundeskabinett stellt Insektenschutzgesetz vorViele Details sind Ländersache

Wie gut Insekten künftig geschützt werden, wird sich in den Ländern entscheiden, kommentiert Georg Ehring. Für einen Stopp des Insektensterbens müssen die Länder dem Lobbydruck widerstehen und Verantwortung übernehmen, für die Lebensbedingungen des Menschen, aber auch für die von wilden Tieren und Pflanzen.

Ein Kommentar von Georg Ehring

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, und Svenja Schulze (SPD), Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, stellen vor der Bundespressekonferenz die Beschlüsse der Bundesregierung zum Insektenschutz vor. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) stellen vor der Bundespressekonferenz die Beschlüsse der Bundesregierung zum Insektenschutz vor (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Manchmal tut es gut, die Perspektive zu wechseln. Betrachten wir die Welt also einmal mit den Facettenaugen eines Insekts – einer Schwebfliege, einer Wildbiene oder eines Käfers zum Beispiel. Wenn dieses Insekt in seine Umgebung schaut, dann ist die voller tödlicher Gefahren: Nachts sieht es Lichter, es orientiert sich an ihnen wie an der Sonne, doch sie werden zur Falle. Es sieht Häuser und Straßen – uninteressant, denn sie bieten keinen Schutz und keine Nahrung. In vielen Gärten sieht es monotone, aber lebensfeindliche Rasen- und manchmal sogar Schotterflächen. Und es sieht vor allem Äcker, die jedes Jahr mehrfach mit Pestiziden behandelt werden – gezielt gegen Insekten oder gegen Pflanzen, die für sie nahrhaft, für Landwirte aber lästig sind. Wo ist die Wildnis, wo sind ungestutzte Hecken, modernde Baumstümpfe oder Wiesen, auf denen Blumen und Brennnesseln wachsen und die Nahrung bieten für Käfer, Bienen Spinnen und Vögel? Sie sind kaum noch da. Kein Wunder, dass es immer weniger Insekten gibt, Zählungen ergeben Rückgänge um drei Viertel und mehr in wenigen Jahrzehnten. Ein bedrohlicher Trend – in der Natur hängt schließlich alles mit allem zusammen und wir Menschen sind Teil der Natur.

"Insektenschutz ist ein Muss auch für die Landwirtschaft"

Die Bundesregierung hat sich kurz vor Schluss der Wahlperiode auf ein Gesetz zum Schutz von Insekten und auf Vorschriften zur Anwendung von Pflanzenschutzmitteln geeinigt, die die Lage wenigstens ein bisschen bessern. Gegen den heftigen Widerstand der organisierten Landwirtschaft übrigens, deren oberster Lobbyist Joachim Rukwied vom Deutschen Bauernverband lässt sich heute mit dem Satz zitieren: "Insektenschutz ist ein Muss auch für die Landwirtschaft." Doch das ist offenbar nur ein Lippenbekenntnis. Wenn er es ernst meinen würde, dann müsste der Bauernverband das Insektenschutz-Paket mittragen. Doch er erklärt sich lediglich bereit zu freiwilligen Naturschutz-Projekten, also etwa Brachflächen, die aus dem EU-Agraretat bezahlt werden.

Frau mit einem Schild (picture alliance/dpa | Annette Riedl) (picture alliance/dpa | Annette Riedl) Landwirtschaftsministerin Klöckner (CDU) zur "Bauern-Milliarde" - "Das größte Modernisierungsprogramm in der Geschichte unserer Bundesrepublik" 
Mit einem Fördertopf von rund einer Milliarde Euro sollen Landwirte ihre Betriebe umweltfreundlich modernisieren. Gefördert werden soll "nur Technik, die spürbare Einsparungen an Dünger und auch Pflanzenschutzmittel garantiere", sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) im Dlf.

Die sind sicher sinnvoll, doch sie sind kein Ersatz für die entschlossene Verringerung des Einsatzes von Pestiziden, die Insekten töten oder durch ihre durchschlagende Wirkung die Lebensgrundlage für sie vernichten. Hier mitzugehen, das wäre auch für die konventionelle Landwirtschaft, die auch künftig den Löwenanteil unserer Ernährung sichern will, sinnvoll und möglich. Etwa durch vielfältigere Fruchtfolgen, in Monokulturen ist der Schädlingsdruck schließlich besonders groß. Verbote wie etwa ab 2024 das von Glyphosat sind dabei sinnvoll, denn nur sie schaffen Gleichheit im Wettbewerb und damit die Möglichkeit, naturverträglicher, also auch mit etwas höheren Kosten zu produzieren.

Wie gut Insekten künftig geschützt werden, wird sich jedoch auch in den Ländern entscheiden. Viele Details sind Ländersache, also etwa die Ausweisung von Schutzgebieten und die konkrete Umsetzung von Vorschriften dort. Für einen Stopp des Insektensterbens wäre es wichtig, dass auch die Länder dem Lobbydruck widerstehen und Verantwortung nicht nur für die Lebensbedingungen des Menschen, sondern auch für die von wilden Tieren und Pflanzen übernehmen.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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