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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine herzlose, sinnentleerte Unterhaltungsshow in Geldnöten17.05.2020

Bundesliga-Neustart vor GeisterkulisseEine herzlose, sinnentleerte Unterhaltungsshow in Geldnöten

Der Ball rollt wieder in der Bundesliga - und die Geisterspiele bescheren dem Fernsehen Rekord-Quoten. Wegen blinder Konsumlust, kann sich der Fußball jegliche Skandale und Perversionen erlauben, kommentiert Jonas Reese. Leidtragende seien die emotionalen Fans. Doch ein Hoffnungsschimmer bleibe.

Von Jonas Reese

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Borussia Mönchengladbachs Marcus Thuram trifft im Fußball-Bundesligaspiel gegen Eintracht Frankfurt zum 0:2 (dpa/Jan Huebner)
Leidenschaft, Atmosphäre, Herzblut auf den Rängen kann man nicht ersetzen, meint Jonas Reese (dpa/Jan Huebner)
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Operation Bundesliga - sie scheint gelungen, zumindest auf den ersten Blick. Der erste Spieltag in der Coronakrise ist so gut wie absolviert - vor Geisterkulissen. In gespenstischer Stadionatmosphäre, aber ohne nennenswerte Zwischenfälle. Abgesehen von den peinlichen Ausrutschern im Vorfeld der Wiederaufnahme: Das selbstvergessene Video von Hertha-Spieler Kalou und der verpeilte Supermarktbesuch von Augsburg-Trainer Heiko Herrlich. Der eigentliche Spielbetrieb lief glatt. Das war nicht unbedingt zu erwarten.

Neven Subotic beim Bundesliga-Spiel Eintracht Frankfurt gegen Union Berlin am 24.02.2020. (imago images / HJS) (imago images / HJS)"Wir Spieler wurden informiert, nachdem alle Entscheidungen gefallen sind" 
Beim Neustart-Konzept der Bundesliga hätten die Spieler "keine partizipative Rolle gespielt", sagte Union-Berlin-Profi Neven Subotic. In anderen Ligen hätte die Stimme der Spieler mehr Gewicht.

Es gab keine trommelnden Fanversammlungen am Rande des Stadions. Keine Ersatzspieler ohne Gesichtsmaske. Manch ein Beobachter regt sich zwar noch auf, über die nicht eingehaltenen Abstandsregeln beim Torjubel von einigen Spielern. Doch mit Blick auf die eng geführten Zweikämpfe und das dichte Drängeln in der Freistoßmauer, ist das auch schon wieder zu vernachlässigen. Und noch ist auch kein Fall einer Neuinfektion bekannt geworden.

Glückwünsche aus aller Welt und die Politik jubelt

Operation also gelungen, Begeisterung vielerorts. Aus der ganzen Welt kommen Glückwünsche: "Eine Barriere ist gefallen", titelt die französische Sportzeitung "L'Équipe". "Der Fußball ist zurück mit Vorbildland Deutschland als Kapitän", schreibt der niederländische "De Volkskrant". Die Bundesliga erfreut sich besonders großer Aufmerksamkeit. Als erste bedeutende Sport-Liga weltweit hat sie ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen. Das deutsche Modell als Vorbild für andere Länder – bislang scheint es zu funktionieren.

In diesem Licht wollen sich natürlich auch die Politiker sonnen. Sie waren es ja schließlich, die letztlich grünes Licht für eine Wiederaufnahme der Liga gegeben haben. Allen voran Armin Laschet. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen jubelt heute: Der Re-Start habe sich gelohnt! Es sei genau das vorsichtige Hineintasten in eine verantwortungsvolle Normalität. Und schon gibt es weitere Pläne. Andere Ministerpräsidenten spielen schon wieder mit dem Gedanken, ab der kommenden Saison, Zuschauer in die Stadien zu lassen.

Rekordquote für TV-Übertragung

Und auch die Fans scheinen glücklich über die Rückkehr der Bundesliga. Die Zahlen sprechen für sich. Der Fußball-Samstag beschert dem TV-Sender Sky eine Rekordquote. Mehr als fünf Millionen Zuschauer sahen die Liveübertragungen der Spiele im Fernsehen und im Online-Stream. Sky bejubelt den "reichweitenstärksten Bundesliga-Samstag der Sendergeschichte".

Und das, obwohl noch zig Fußball-Liebhaber vor Anpfiff ihr Desinteresse bekundet hatten. Der Schauspieler Matthias Brandt zum Beispiel. Der Werder-Bremen-Fan kündigte an, keine einzige Sekunde dieser Trostlosigkeit anschauen zu wollen. Menschen wie er müssen sich jetzt wohl fühlen, wie noch zu Schulzeiten vor Klassenarbeiten - wenn alle Freunde stets betont hatten, auf gar keinen Fall lernen zu wollen, dann aber doch die Bestnote abkassierten.

Protest der organisierten Fans bleibt ungehört

Sie sind die eigentlichen Leidtragenden nach diesem Spieltag: die emotionalen Fans, die echten Liebhaber, die Fan-Kurven, -Gruppierungen und organisierten Fan-Szenen. Sie mussten mit ansehen, was aus ihrem Kulturgut Fußball geworden ist. Eine herzlose, sinnentleerte Unterhaltungsshow in Geldnöten. Einige Kölner Fans brachten das mit ihrer Kampagne auf den Punkt: "Unser Geld ist wichtiger als Eure Gesundheit". Das plakatierten sie im Vorfeld des eigenen Heimspiels an diesem Sonntag in der Kölner Innenstadt.

Mann fotografiert Plakat mit der Aufschrift: "Unser Geld ist wichtiger als eure Gesundheit" (dpa/Roland Weihrauch)"Unser Geld ist wichtiger als eure Gesundheit" - Fan-Protest in Köln (dpa/Roland Weihrauch)

Die organisierte Fan-Kultur hatte sich nach der Saison-Unterbrechung schnell gegen die Fortsetzung der Saison durch Geisterspiele positioniert. Ihr Protest blieb aber ungehört. Das Verhältnis zu Funktionären und Organisatoren war ohnehin bereits schwer belastet. Und dürfte so nicht besser werden. Denn jetzt finden die Spiele ganz ohne Fans statt. Sie sind aus "ihrem" Stadion komplett ausgesperrt. Ihre Forderungen nach mehr Mitsprache und weniger Kommerz verhallen.

Etwas Wichtiges fehlt

So sieht es also aus in Fußball-Deutschland: Obwohl fast zwei Drittel der Deutschen laut Umfragen Geisterspiele ablehnen, verzeichnet das Fernsehen Rekord-Quoten. Die bloßen Fußball-Konsumenten haben offenkundig die Mehrheit im Fußball. Durch ihre blinde Konsumlust, kann der Fußball sich jegliche Skandale und Perversionen erlauben, ohne an Beliebtheit einzubüßen.

Doch ein Hoffnungsschimmer bleibt. Auch der treueste Fußball-Konsument dürfte beim Verfolgen der Geisterspiele gemerkt haben, dass etwas Wichtiges fehlt: Leidenschaft, Atmosphäre, Herzblut auf den Rängen kann man nicht ersetzen. Ohne echte Fans ist der Fußball nichts wert. Das wurde jetzt so deutlich wie nie. Bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis auch an den entscheidenden Stellen nachhaltig in Erinnerung bleibt.

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