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StartseiteKommentare und Themen der WocheMehr Spielzeug als Fahrzeug17.05.2019

Bundesrat erlaubt E-ScooterMehr Spielzeug als Fahrzeug

Stehend durch die Stadt rollen: Das gehört schon bald zum deutschen Straßenbild. Der Bundesrat hat heute die Zulassung von E-Scootern erlaubt - allerdings mit Einschränkungen. Ein Durchbruch für die klimafreundliche Mobilität der Zukunft sei das jedenfalls nicht, kommentiert Nadine Lindner.

Von Nadine Lindner

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Marcel Hutfilz, Geschäftsführer von Scooterhelden Berlin, fährt mit einem E-Scooter auf einem Gehweg. Über die Zulassung von E-Scootern, auch E-Tretroller oder Elektro-Tretroller genannt, stimmt der Bundesrat am 17.05.2019 ab.  (dpa / picture alliance / Christoph Soeder)
Elektro-Tretroller können bald in deutschen Städten starten (dpa / picture alliance / Christoph Soeder)

Spaß oder Ernst, Spielzeug oder Fahrzeug- das ist bei den E-Scootern die Frage. Die Hoffnungen, die in die Elektrokleinstfahrzeuge gesetzt werden, wie sie in schönstem Behördendeutsch heißen, sind groß.

Der Wunsch: Pendler lassen das Auto stehen und fahren stattdessen mit dem E-Scooter zur Bahn und dann weiter ins Büro. Eine völlig neue Form, sich fortzubewegen, sollen die E-Scooter sein, lobte der Vertreter aus dem Verkehrsministerium heute kurz vor der entscheidenden Abstimmung im Bundesrat die Tretroller. Umweltfreundlich, bequem und sogar Spaß machen sollen sie.

Große Hoffnungen im Realitätscheck

Das Potential ist auf jeden Fall da. Über 40 Millionen Fahrten unter zwei Kilometern werden in Deutschland jährlich mit dem Auto gemacht. In den staugeplagten Innenstädten könnte die ein oder andere Taxi- oder Autofahrt bestimmt zu Gunsten eines E-Scooters entfallen. Oder auf dem Land der kurze Weg zum Bäcker. Doch der Teufel steckt im Detail. Wahrscheinlich sind die E-Scooter am Ende mehr Spielzeug als Fahrzeug.

Es geht mit der Frage los, dass nicht sicher ist, ob alle Nahverkehrsbetreiber tatsächlich erlauben, die E-Scooter kostenlos mitzunehmen. Für die Verzahnung der Verkehrsträger ist das ein zentraler Punkt. Das Verkehrsministerium wünscht sich das zwar, das letzte Wort haben die Verkehrsunternehmen. Es geht um Platz in Bussen und Bahnen und um Feuer-Gefahren durch den Akku der Tretroller. Ob sich alle am Vorbild der Deutschen Bahn orientieren, die dafür heute grünes Licht gegeben hat ist ungewiss.

Das letzte Wort haben die Verkehrsunternehmen

Weiter geht es mit der Frage, ob die E-Scooter auf den Radwegen, wo sie künftig fahren sollen, gut aufgehoben sind. Viele Radwege sind mehr Schlagloch als Weg, enden abrupt im Nichts oder mitten auf der Straße. Ob die E-Scooter mit kleinen Rädern auf diesen Buckelpisten sicher vorankommen, kann man sich kaum vorstellen. Da es keine Helmpflicht gibt, warnen Ärzte schon jetzt vor Kopfverletzungen.

Außerdem: Wenn die Radwege noch voller werden, wenn dort häufiger und enger überholt wird, könnten sich ungeübte Radfahrerinnen und Radfahrer unsicherer fühlen. Aus dem Gefühl der Bedrängung kann die Verdrängung entstehen. Die Menschen lassen im schlimmsten Fall das Rad einfach zu Hause stehen. Klimatechnisch wäre dann rein gar nichts gewonnen.

Als Klimaretter überbewertet

Kann der E-Scooter das Auto ersetzen für eine klimafreundliche Mobili tät? Das ist die Kernfrage. Das Ergebnis wird sich in überschaubarem Maße halten. Ein Grund: Der E-Scooter hat kaum Transportmöglichkeiten. Ein Kasten Bier ist auf dem E-Scooter ebenso schwer vorstellbar wie ein Kind, das auf dem Arbeitsweg an Kita oder Schule abgesetzt wird. Zahlen aus den USA belegen, dass ein Drittel der Fahrten mit dem elektrischen Tretroller eine Autofahrt ersetzt. Die Frage ist aber, was ist mit den anderen zwei Dritteln? Fahren hier Touristen und Einheimische einfach nur zum Spaß.

In der Summe könnten sich die Hoffnungen in die E-Scooter als Teil der ökologischen Verkehrswende als überbewertet erweisen. Am Ende sind die Roller dann doch mehr Spaß als Ernst, mehr Spielzeug als Fahrzeug. Aber schauen wir mal, wie es so läuft. 

Nadine LindnerNadine LindnerNadine Lindner, Jahrgang 1980, studierte Politikwissenschaft, Afrikanistik und Journalistik in Leipzig und Lissabon. Nach Stationen beim Ausbildungssender der Universität Leipzig mephisto 97.6, der "FAZ" und dem MDR folgte ein Volontariat beim Deutschlandradio. Von 2013 bis 2015 war sie Landeskorrespondentin im Studio Sachsen. Heute arbeitet sie als Korrespondentin im Hauptstadtstudio und ist für die Grünen, Energie- sowie Umweltpolitik zuständig.

 

 

 

 

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