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StartseiteInformationen am MorgenSich der kolonialen Vergangenheit stellen29.01.2018

Bundesrepublik DeutschlandSich der kolonialen Vergangenheit stellen

Das Zeitalter des Kolonialismus hatte für weite Teile Afrikas, Asiens und Amerikas katastrophale Folgen. Bei der bis Juni dauernden Veranstaltungsreihe "Koloniales Erbe" soll es um die längst überfällige Aufarbeitung gehen. Dazu gehört besonders der Herero-Aufstand 1905 im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika.

Von Werner Bloch

Herero- und Nama-Gefangene um 1904 im heutigen Namibia. (afp / National Archives of Namibia)
Die Ermordung der Herero- und Nama-Gefangenen gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. (afp / National Archives of Namibia)
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Der Kolonialismus ist nicht tot – er lebt in Menschen wie dem 67-jährigen Mnyaka Sururu Mboro. Der bärtige Mann mit dem gekräuselten grauen Haar stützt sich auf einen Stock, aber er steht aufrecht und ungebeugt. 1978 kam Mboro aus Tansania zum Studium nach Berlin. Heute ist er Leiter des Vereins "Postkolonial e.V." und berichtet von den Erfahrungen mit der deutschen Kolonialmacht in seiner Heimat.

"Die haben Menschen erhängt und danach geköpft und ihre eigenen Verwandten und Frauen mussten die Haut vom Kopf entfernen und dieser Kopf wurde dann gekocht und nach Deutschland geschickt für rassistische Forschung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Europäer versuchen werden, mich zu belehren, was Menschenrechte sind."

So ungeheuerlich dies sein mag – erstaunlich wenige Menschen interessieren sich in Deutschland für das Erbe des Kolonialismus, sagt Thomas Krüger, Mitveranstalter und Leiter der Bundeszentrale für Politische Bildung:

"Der wesentliche Punkt ist, dass wir diesen Teil unserer deutschen Geschichte erstmal auf den Schirm bekommen. Man hat den Eindruck, dass die Zeitgeschichte und das historische Gedächtnis, eine sehr ausgeprägte Erinnerungskultur, durch den Holocaust sozusagen versiegelt wird und das große Unrecht des Holocaust quasi andere Unrechte wie die koloniale Vergangenheit unsichtbar macht. Und dem müssen wir natürlich im Bildungssystem und mit materieller und juristischer Aufarbeitung entgegentreten."

Konferenzreihe bis Juni

Die Akademie der Künste geht den Folgen des Kolonialismus in einer Serie von Konferenzen nach, die hochgradig besetzt und längst überfällig sind.

Künstler, Historiker, aber auch viele Juristen sind daran beteiligt wie Wolfgang Kaleck, der deutsche Anwalt von Edward Snowden, der Menschenrechtsverletzungen in der ganzen Welt nachspürt und dafür sogar ein eigenes Institut gegründet hat.

Das düsterste Kapitel des deutschen Kolonialismus-Abenteuers in Afrika ist der sogenannte Herero-Aufstand von 1905 im ehemaligen Deutsch-Südwest. Befehlshaber von Trotta ließ damals Zigtausende Hereros und Namas in die Wüste treiben, wo sie elend verdursteten. Trotta erklärte, kein Angehöriger dieser Stämme habe das Recht zu überleben. Es war der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Deutscher Imageschaden in Afrika

Nun fordern die Hereros und Namas Entschädigung vor einem amerikanischen Bezirksgericht wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.

Lange hatte sich die Bundesrepublik geweigert, mit den Betroffenen vor Gericht zu verhandeln. Bisher hat Deutschland jede Verhandlung über Schadensersatz abgelehnt. Ja, für die Grausamkeiten in Namibia hat man sich bis heute nicht einmal geschuldigt. Der Imageschaden für Deutschland in Afrika ist enorm.  

Vertreter der afrikanischen Volksgruppen Herero und Nama stehen am 12.10.2017 bei einer Anhörung im Verfahren gegen die Bundesregierung wegen des Völkermords im heutigen Namibia vor dem US-District Court in New York (USA).   (dpa / picture alliance / Johannes Schmitt-Tegge)Vertreter der afrikanischen Volksgruppen Herero und Nama stehen am 12.10.2017 bei einer Anhörung im Verfahren gegen die Bundesregierung wegen des Völkermords im heutigen Namibia vor dem US-District Court in New York (USA). (dpa / picture alliance / Johannes Schmitt-Tegge)

Völkermord verjährt nicht. Am 3. Mai wird in einem Bezirksgericht in New York die nächste Verhandlung stattfinden. Ester Muinjangue, Vorsitzende des Komitees für den Völkermord an den Herero:

"Die deutsche Regierung kann sich nicht verstecken. Wir Namas werden die Bundesregierung bis ans Ende der Welt verfolgen. Wir werden nicht innehalten, bis uns Gerechtigkeit widerfährt."

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