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StartseiteKommentare und Themen der WocheWas diesen Wahlkampf ärmer und farbloser macht15.08.2021

Bundestagswahl 2021Was diesen Wahlkampf ärmer und farbloser macht

Vor dieser Bundestagswahl gibt es erstmals keinen Amtsbonus für eine Kanzlerkandidatin oder einen Kanzlerkandidaten. Das prägt den Wahlkampf mehr, als es vordergründig erscheint, kommentiert Stephan Detjen. Die Kampagnen sind personalisiert, die Zeit der Schattenkabinette oder Kompetenzteams scheint vorbei.

Von Stephan Detjen

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Wahlplakate von SPD, Grünen, Linken und FDP zur Bundestagswahl 2021 an einer Straße (picture alliance/ dpa/ Revierfoto)
Die Kandidaten agieren, als könnten sie das Merkel-Vakuum einfach im Sinne des Merkel-Slogans „Sie kennen mich“ füllen. (picture alliance/ dpa/ Revierfoto)

Deutschland erlebt einen Phantomwahlkampf. Plakate mit den Gesichtern von Kandidatinnen und Kandidaten hängen an den Straßenlaternen. Umfragen messen das rasante Auf und Ab der Wettbewerber. Aber der Name, um den die ganze Auseinandersetzung unausgesprochen kreist, fehlt: Angela Merkel. Die Kanzlerin ist in diesem Wahlkampf unsichtbar. Und doch ist sie allgegenwärtig, ohne, dass sie in Erscheinung tritt. Sie ist das Phantom im Zentrum der Auseinandersetzung und je länger diese dauert, desto mehr wird erkennbar, wie groß das Vakuum ist, dass die Ankündigung ihres Rückzugs aus der Politik geschaffen hat.

Dass erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ein Bundestagswahlkampf geführt wird, ohne dass eine Kanzlerin oder ein Kanzler das Amt verteidigt, prägt diesen Wettbewerb mehr, als das vordergründig erscheint. Er ist ein Kampf ohne die Zentralfigur, eine Schachpartie ohne König. Alle Parteien, die sich um das Kanzleramt bewerben, haben darauf mit einer maximalen Personalisierung ihrer Kampagnen reagiert.

Die gähnende Leerstelle hinter Merkel füllen - aber wie? 

Die Grünen haben ihrer Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock zwar einen weiteren Spitzenkandidaten an die Seite gestellt. Robert Harbeck aber trat bisher mehr als gekränkter Rivale denn als überzeugter Unterstützer in Erscheinung. Armin Laschet hat Friedrich Merz als Mitglied eines Teams benannt, das bis heute ohne weitere Namen und Gesichter ist. Ob die SPD überhaupt in der Lage wäre, eine Mannschaft hinter ihrem Kanzlerkandidaten zu versammeln, ist zweifelhaft. In den letzten Umfragen zog Olaf Scholz einsam eine Partei hinter sich nach oben, die sich mit der Wahl ihres Vorsitzenden-Duos zuletzt von allem abgewandt hatte, wofür ihr Kanzlerkandidat steht.

  (picture alliance / dpa / SvenSimon) (picture alliance / dpa / SvenSimon)Auswahl der Kanzlerkandidaten 
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Zumindest im Augenblick sind die Kampagnen ganz darauf zugeschnitten, die gähnende Leerstelle zu füllen, die Angela Merkel hinterlassen wird. Es geht um Vertrauen, Charakter, Persönlichkeit. Medien und die Blasen der digitalen Netzwerke haben sich an abgeschriebenen Nebensätzen und missratenen Gesichtsausdrücken der Frontleute abgearbeitet, die wie einsame Monolithen in der Landschaft stehen. Die Zeiten, in denen Kanzlerkandidaten Schattenkabinette oder Kompetenzteams um sich scharten, scheinen vorbei zu sein. Das macht diesen Wahlkampf ärmer und farbloser.

Die Bildung von sichtbaren Teams, in denen unterschiedliche Persönlichkeiten für verschiedene Flügel, soziale Gruppen und politische Richtungen stehen, verlangt Parteien Loyalität und ihren Spitzenkandidaten Integrationsleistungen ab. Parteien werden dadurch auch programmatisch erkennbarer: Als Peer Steinbrück 2013 den Chef der Baugewerkschaft Klaus Wiesehügel in sein Schattenkabinett berief, war das auch das Versprechen, die Wunden zu heilen, die die Agenda-Politik Gerhard Schröders in der eigenen Partei und der Gesellschaft geschlagen hatte. Und als Angela Merkel bei ihrer ersten Kanzlerkandidatur 2005 den ehemaligen Verfassungsrichter Paul Kirchhof als Finanzexperten in ihr "Kompetenzteam" berief, wurde damit der neoliberale Reformansatz greifbar und angreifbar, der Merkel damals um ein Haar den Wahlsieg gekostet hätte.


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Keiner derer, die sich jetzt für Merkels Nachfolge bewerben, hat es bisher gewagt, sich in dieser Weise erkennbar zu machen. Die Sorge, ein scharfes Profil könne vor allem Angriffsflächen für die Gegner schaffen, dominiert die Selbstdarstellung. Die Kandidaten agieren, als könnten sie das Merkel-Vakuum einfach im Sinne des Merkel-Slogans "Sie kennen mich" füllen. Für Baerbock ist das gleich am Anfang nach hinten losgegangen. Laschet führt seinen Wahlkampf, als habe er bereits den Amtsbonus, den er erst erringen muss. Allein Scholz gewinnt an Kanzlerstatur, in dem er schlicht in der Rolle des Vizekanzlers verharrt. Das reicht nach jetzigem Stand noch nicht, um auch die SPD wieder zur Kanzlerpartei zu machen.

Noch aber ist das Rennen vollkommen offen. Schon Wählerbewegungen im Fehlerbereich der Umfragen können das Ergebnis in die eine oder andere Richtung wenden und damit den Weg zu ganz unterschiedlichen Koalitionskonstellationen ebnen. Dabei ist zugleich absehbar: Keines der denkbaren Bündnisse wird den Kurs der deutschen Politik um 180 Grad drehen. Eine Richtungsentscheidung zwischen autoritären Egomanen, Nationalpopulisten und liberalen Demokraten wie in vielen anderen Ländern bleibt den deutschen Wählern erspart. Wer zwischen Trump und Biden oder Macron und LePen entscheiden musste, darf den deutschen Jammer über das Personaltableau bei dieser Bundestagswahl als demokratisches Luxusproblem abtun.

Aber wer im Herbst Kanzlerin oder Kanzler werden will, muss den Wählern jetzt noch viel deutlicher machen, dass auch sie wirklich vor einer Wahl stehen. Wenn das nicht gelingt, wird eine Sehnsucht nach Polarisierung wachsen, die bei künftigen Wahlen auch in Deutschland den Raum für gefährliche Vereinfacher, Populisten und Demagogen öffnet

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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