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StartseiteKommentare und Themen der WocheSöders CSU fehlt das zündende Wahlkampf-Thema08.09.2021

BundestagswahlSöders CSU fehlt das zündende Wahlkampf-Thema

Der Wahlkampf mit Armin Laschet sei für CSU-Chef Markus Söder wie ein Auswärtsspiel im Fußball, bei dem man nach verlorener Seitenwahl gegen die tiefstehende Sonne spielt, kommentiert Michael Watzke. Söders Beliebtheit reiche nicht, um die Wähler zu mobilisieren. Es fehle das Thema, das elektrisiere.

Ein Kommentar von Michael Watzke

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Markus Söder (CSU), Bayerns Ministerpräsident, wird auf der Stadionleinwand während seiner Rede zur Bundestagslistenaufstellung im Frankenstadion übertragen. Die CSU stellt ihre Liste für die Bundestagswahl auf. Wegen der Pandemie findet die Veranstaltung im Frankenstadion unter freiem Himmel statt. (picture alliance/dpa | Daniel Karmann)
Markus Söder bei der Bundestagslistenaufstellung der CSU im Nürnberger Fußballstadion (picture alliance/dpa | Daniel Karmann)
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Der Franke Markus Söder ist begeisterter Fußballfan. Aber er feuert nicht den FC Bayern an, sondern den 1. FC Nürnberg. Das ist einerseits sympathisch, andererseits wird es für die CSU langsam zum Problem. Denn unter Söder wird diese einstmals stolze Partei, die immer der FC Bayern der Politik war, so langsam zum Glubb, wie der Nürnberger den 1.FCN nennt.

Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister und Kanzlerkandidat der SPD geht nach seiner Rede an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Plenum im Deutschen Bundestag vorbei. In seiner voraussichtlich letzten Debatte Bundestags der Wahlperiode soll unter anderem über die Situation in Deutschland, die Entscheidung über Hochwasser-Aufbaufonds und Neuregelungen zu Corona beraten werden. (picture alliance/dpa | Michael Kappeler) (picture alliance/dpa | Michael Kappeler)Merkels letzter Auftritt im Bundestag - Die Nerven liegen blank
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Der Glubb ist irgendwie nett und traditionsreich, er hat viele Fanfreundschaften in ganz Deutschland, aber er ist chronisch erfolglos. Der Glubb ist Trainings-Weltmeister, man traut ihm vor dem Spiel alles zu, aber auf dem Platz, wenn’s drauf ankommt – da verliert der Glubb meistens.

Von Niederlage zu Niederlage

So wie die CSU, seit Söder ihr Cheftrainer ist. Der "Glubberer" Markus hat sein christsoziales Team in seiner bisherigen Amtszeit nicht zu Siegen und Meisterschaften, sondern von Niederlage zu Niederlage geführt. Drei Spiele respektive Wahlen hat Söder bisher absolviert: Landtag, Europa, Kommunalwahl. Nach prozentualen Gewinnen oder Verlusten gerechnet, hat Söder zwei davon verloren, die dritte ging Unentschieden aus. Jetzt kommt die Bundestagswahl, und es droht eine neue, heftige Schlappe. So langsam grummeln die CSU-Mitglieder und Fans, denn sie sind Siege gewohnt, nicht Niederlagen. Es reicht halt nicht, wenn der Cheftrainer beliebt ist: in der Politik schießt Beliebtheit allein keine Tore.

Unter Strauß und Stoiber, ja sogar noch unter Seehofer, glich die CSU dem FCB: Sie war Tabellenführer, Rekordmeister. Sie gewann sogar dann, wenn sie mal nicht so überzeugend spielte. Sie hatte das Gewinner-Gen, das Bayerngegner schlicht Bayerndusel nennen. Wie der FC Bayern spaltete die CSU das Land, entweder man liebte oder hasste sie. Aber kalt ließ sie niemanden. Diese alte CSU wusste, dass sie vor allem von Konservativen in Bayern gewählt werden musste, nicht von Lifestyle-Wechselwählern in Berlin oder Böblingen.

Wahlkampf mit Laschet wie ein Auswärtsspiel

Jetzt droht die CSU bei der Bundestagswahl unter 30 Prozent zu rutschen. In der Fußballersprache ist sie akut abstiegsbedroht. Sollte Teamchef Söder bis zum Schlusspfiff nicht noch ein taktischer Schachzug einfallen, drohen personelle Konsequenzen im CSU-Team. Und da geht es nicht nur um Altstars wie Horst Seehofer und chronische Eigentor-Schützen wie Andreas Scheuer. Da geht es auch und vor allem um jene, die für die taktische Aufstellung der CSU verantwortlich sind. Für den Wahlkampf. Denen fällt nämlich einfach nichts ein.

Klar: Für die CSU ist Wahlkampf mit Armin Laschet wie ein Auswärtsspiel, bei dem man nach verlorener Seitenwahl gegen die tiefstehende Sonne spielt. Aber eine FC-Bayern-CSU hätte sich dafür einen Schlachtplan zurechtgelegt. Sie hätte erkannt, dass Söder und seine allgemeine Beliebtheit allein nicht reichen, um alte und neue CSU-Wähler zu mobilisieren. Man braucht schon ein zündendes Wahlkampf-Thema, das über Steuersenkungen, Mütterrente und "Rot-Rot-Grün verhindern" hinausgeht. Eines, das das eigene Team, die eigenen Anhänger elektrisiert. Strauß, Stoiber, Seehofer – sie haben das in unterschiedlichen Zeiten geschafft. Söder, der Glubberer, bisher nicht. Aber vielleicht kommt das noch. In der aktuellen Zweitliga-Tabelle steht der Club aus Nürnberg auf Platz 5, Tendenz steigend.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

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