Kommentare und Themen der Woche 25.07.2020

Bundeswehr-FreiwilligendienstHeimatschutz taugt nicht als gesellschaftlicher KittGeorg Löwisch, Chefredakteur von "ZEIT Christ & Welt"

Beitrag hören Soldaten in der Grundausbildung stehen am 01.11.2016 auf dem Gelände der Marinetechnikschule (MTS) in Parow (Mecklenburg-Vorpommern) bei Stralsund. Die Bundeswehr hat die knapp acht Millionen Euro Ausgaben für die Realitiy-Dokumentation "Die Rekruten" und eine damit verbundene Werbekampagne verteidigt. Die Serie soll nach Angaben der Bundeswehr die Ausbildung der Rekruten mit allen Höhen und Tiefen abbilden. Von Dienstag an wirbt die Bundeswehr in der täglichen Dokumentation auf einem Youtube-Kanal um junge Soldaten, indem sie die Ausbildung und das Leben von zwölf Rekruten der Marinetechnikschule abbildet. (dpa-Zentralbild/Stefan Sauer)Menschen mit sehr unterschiedlichen Gewohnheiten, Traditionen und Religionen teilen sich diese Demokratie - wer gehört zum Heimat-Wir dazu und wer bleibt außen vor? (dpa-Zentralbild/Stefan Sauer)

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer möchte mit einem Bundeswehr-Freiwilligendienst einen besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt erreichen. Der Begriff Heimatschutz sei dafür wenig hilfreich, meint Georg Löwisch. Denn Heimat bedeute für jeden Menschen etwas anderes. Besser sei eine Rückbesinnung auf das Grundgesetz.

Zum Wochenende hat Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer der Öffentlichkeit ein zweifelhaftes Geschenk gemacht. Sie nennt es einen Kitt. Der Kitt, sagt sie, soll die Gesellschaft zusammen halten, in schwierigen Zeiten. Der Kitt heißt: Heimatschutz.

Die Bundeswehr wird jungen Männern und Frauen ein zusätzliches Freiwilligenjahr anbieten. Für sich genommen kein Problem. Sie erhalten eine militärische Grundausbildung; später sollen sie Schnee schippen, bei Hochwasser Sandsäcke wuchten und gegen Seuchen Desinfektionsmittel versprühen. "Dein Jahr für Deutschland", heißt das Angebot. Aber vor allem: "Freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz."

Berlin: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Verteidigungsministerin, stellt bei einer Pressekonferenz im Bundesministerium der Verteidigung das Konzept für den neuen Freiwilligen Wehrdienst Heimatschutz vor. (Bernd von Jutrczenka/dpa) (Bernd von Jutrczenka/dpa)Kurz (Die Grünen): "Heimatschutz ist ein Kampfbegriff der extremen Rechten"
Die Bundesverteidigungsministerin versuche, mit ihrem Vorschlag andere Probleme in der Bundeswehr zu kaschieren, sagte Georg Kurz im Dlf.

Heimat bezogen auf ein ganzes Land ist seltsam

Der Heimatschutz. Ist das ein hilfreicher Begriff? Wie eine normale Einrichtung des Landes hört und liest man von ihm nach Kramp-Karrenbauers Auftritt, ganz natürlich, wie Bergwacht oder Feuerwehr.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Das Wort Heimat als Gefühl eines Menschen ist völlig in Ordnung. Es bedeutet, dass sich jemand aufgehoben fühlt in einem bestimmten Alltag, in einer Umgebung, in einer Erinnerung. Im Dorf, im Verein oder in der  Kirchengemeinde. Der vertraute Wanderweg im Schwarzwald, der Blumenladen um die Ecke, der Kaffeetisch mit Freunden. Ganz unterschiedliche Menschen empfinden Heimat ganz unterschiedlich, und so sollte das sein.

Aber auf ein ganzes Land bezogen ist Heimat ein seltsames Konzept: Menschen mit sehr unterschiedlichen Gewohnheiten, Traditionen und Religionen teilen sich diese Demokratie. So viele Individuen mit vielen Blicken, vielen Geschichten. Sie alle passen nicht in ein deutsches Heimat-Wir. Wie definiert es sich? Wer gehört dazu? Was ist dieses Wir?

Rekrutinnen und Rekruten der Bundeswehr beim großen öffentlichen Gelöbnis vor dem Reichstag. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler) (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)Kommentar:Es braucht die Reserve
Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer wirbt für einen neuen Heimatschutz-Freiwilligendienst. Damit sich die Bundeswehr auf ihr Kerngeschäft konzentrieren kann, braucht es die Reserve, kommentiert Marcus Pindur. 

Kramp-Karrenbauer Antwort ist der zweite Teil ihres Wortes: der Schutz. Gegen alle möglichen Bedrohungen von Innen und Außen entsteht die Heimat, ganz fest, ganz uniform, die Schutzheimat. Sie braucht, ja klar, den Heimatschutz.

Damals in den USA nach dem 11. September ließ Präsident George W. Bush ein ganzes Ministerium gründen, das für den Heimatschutz verantwortlich war. Homeland Security, der Begriff wurde zu jener Zeit zur kleinen Schwester des War on Terror.

Die Bundeswehr ist eigentlich klüger. Auf die Kategorie der "Heimatschutzbattaillone", von denen man nie viel gehört hatte, hat sie verzichtet. Seit ein paar Jahren spricht sie schön sperrig von "Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskompanien."

Mit gerade mal 1.000 Plätzen wenig mehr als ein Signal

Aber nun bringt die Verteidigungsministerin das Wort zurück, den Heimatschutz. Der "Freiwillige Wehrdienst Heimatschutz" hat gerade mal 1.000 Plätze im Angebot. Das legt den Verdacht nahe, dass es Kramp-Karrenbauer tatsächlich um ein Signal geht, um den Begriff. Sie setzt ihn in einer Debatte, die weit über die Bundeswehr hinausreicht: Es geht um Jugend, um ihr Verhältnis zur Gesellschaft, um den Zusammenhalt auch in Corona-Zeiten. Gerade haben die Randale von Jugendlichen wie in Stuttgart oder Frankfurt der Gesellschaft ein Rätsel aufgegeben.

Was kann man tun? Freiwilligenjahre sind gut, sie helfen Jugendlichen herauszufinden, wer sie sind. Aber brauchen sie dafür den Begriff, den die Verteidigungsministerin jetzt setzt? Das schwere, große, gefühlige Wort: den Heimatschutz. Als Kitt?

Es gibt bessere Konzepte, um Bürger zu stärken

Schon längst gibt es bessere Konzepte: das Grundgesetz zum Beispiel. Es ist ein staubtrockener, aber dafür ein ebener Boden für alle. 1970 prägte der Journalist Dolf Sternberger den Begriff des Verfassungspatriotismus. 2017 hat ihn der damalige Bundespräsident Joachim Gauck wieder stark gemacht. Als Pfarrer wusste er, dass man berühren und sich berühren lassen muss. Die Bürgerinnen und Bürger, das ist sein Ziel, sollen die Idee lieben lernen, dass für alle gleiche Rechte gelten und gleiche Werte, wie die Meinungsfreiheit. Gauck drehte den Heimatbegriff einfach um, er schwärmte, dieses Land sei Heimat seiner Werte. 

Frankreich versucht, den Bürger stark zu machen, le citoyen. Die Bürger – oder Bürgerinnen – sollen mitreden, mitgestalten, mitentscheiden. Der Citoyen trägt das Gemeinwesen, so sah es auch Gauck. Das ist der richtige Kitt. 

Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch (Anja Weber)Georg Löwisch wurde 1974 in Freiburg geboren. In Leipzig studierte er Journalistik und Afrikanistik. Schon vor dem Abschluss arbeitete er als freier Reporter für Zeitungen, verschiedene ARD-Radios und den Deutschlandfunk. Als Korrespondent berichtete er für den Fachdienst epd medien. Bei der "taz" in Berlin absolvierte er sein Volontariat und arbeitete dort gut zehn Jahre als Redakteur, Reporter und Ressortleiter. Von 2012 an Textchef des Magazins "Cicero". 2015 bis 2020 war er Chefredakteur der "taz". Seit Juli 2020 Chefredakteur von "ZEIT Christ & Welt" und Autor der "ZEIT". 

Mehr zum Thema

Empfehlungen