Kommentare und Themen der Woche 06.05.2020

Bundeswehr in Mali Der unsichtbare EinsatzVon Marcus Pindur

Beitrag hören Deutsche Soldaten stehen am Flughafen in Gao und sichern ein Transportflugzeug. (picture alliance / Arne Immanuel Bänsch)Das Kabinett hat der Ausweitung des Bundeswehreinsatzes in Mali zugestimmt. (picture alliance / Arne Immanuel Bänsch)

Der Einsatz der Bundeswehr in Mali bekommt relativ wenig öffentliche Aufmerksamkeit - zu Unrecht, kommentiert Marcus Pindur. Er hat es verdient, breit debattiert zu werden, denn die Sicherheitslage in Westafrika hat sich massiv verschlechtert. Das gefährdet auch den zivilen Aufbau im Land.

Der Einsatz der Bundeswehr in Mali bekommt relativ wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Zu Unrecht. Schon jetzt ist das deutsche Kontingent in Westafrika größer als das in Afghanistan. Bis zu 1450 deutscher Soldatinnen und Soldaten können schon jetzt stationiert werden. Und die Bundesregierung will dies noch um 100 aufstocken.

Das letzte Wort hat bei Einsätzen der Bundeswehr natürlich der Bundestag. Dieser Einsatz hat es verdient, breit debattiert zu werden. Denn er offenbart Dilemmata, die man bereits in Afghanistan beobachten konnte. Die Sicherheitslage hat sich in den letzten Jahren in Westafrika verschlechtert.

Islamistische Terroristen sind sehr mobil

Die islamistischen Terroristen sind sehr mobil und weichen aus in die Nachbarstaaten. Deswegen sehen sich UNO und Europäische Union gezwungen, die Unterstützung der militärischen Ausbildung auch auf Länder wie Mauretanien, Burkina Faso, Niger und den Tschad auszuweiten.

Wie effizient da die EU-Trainingsmission sein kann, bleibt abzuwarten. Die parallel laufende UNO-Mission "Minusma", die den Norden Malis mit 12.000 Mann stabilisieren helfen soll, ist angesichts der Größe des Landes ähnlich überfordert wie die malischen Streitkräfte – aber sie ist trotzdem ein Stabilitätsanker.

Destabilisierung der Region würde den Migrationsdruck erhöhen

Ohne die Truppenpräsenz von UNO und EU wäre zivile Hilfe überhaupt nicht möglich. Wenn man den sogenannten vernetzten Ansatz, das heißt ein Miteinander und gegenseitiges Ergänzen militärischer Absicherung und zivilen Aufbaus für sinnvoll hält, dann müsste man konsequenterweise beides verstärken. Denn was eine Destabilisierung der Region bedeuten würde, ist klar: Mehr Migrationsdruck, mehr Flucht aus der ohnehin armen Region.

In Afghanistan hat man den Fehler gemacht, den zivilen Aufbau nie konsequent als konzertierte Aktion der Geberländer zu betreiben. Damit einher gingen Ineffizienz und Korruption. Das könnte man in Westafrika nur durch eine gemeinsame, stärker koordinierte zivile Unterstützungspolitik - und selbst dann nur halbwegs - in den Griff bekommen. Deutschland sollte dazu die Initiative ergreifen und sich mit Frankreich eng rückkoppeln. Das hieße aber auch, dass sich Deutschland stärker militärisch engagieren müsste.

Westafrika ist gar nicht so weit von uns entfernt

Ein solches Projekt ist immer angreifbar und deshalb für die politisch Verantwortlichen gefährlich. Denn die Fortschritte sind kaum sichtbar, aber dafür die Risiken umso klarer. Und ein langer Atem ist nötig. Diesen Einsatz als überflüssigen französischen kolonialen Atavismus zu verunglimpfen, reicht nicht. Westafrika ist nach heutigen Maßstäben gar nicht so weit von uns entfernt. Deshalb ist es in unserem aufgeklärten Eigeninteresse, dass diese Region nicht kollabiert.

Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

Mehr zum Thema

Empfehlungen