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Startseite@mediasresMission Berichterstattung28.06.2021

Bundeswehr in MaliMission Berichterstattung

MINUSMA in Mali gilt als derzeit gefährlichste Mission der Vereinten Nationen. Nach dem Anschlag auf Soldaten wird in Deutschland viel über den Einsatz der Bundeswehr berichtet. Das war nicht immer so – und liegt daran, dass viele Medien das Thema in der Regel inzwischen scheuen.

Von Michael Borgers

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Ein Soldat der Bundeswehr steht neben einem Militärfahrzeug der UN, die deutsche Fahne weht hinter ihm (picture alliance/dpa | Michael Kappeler)
MINUSMA in Mali gilt als derzeit gefährlichste Mission der Vereinten Nationen (picture alliance/dpa | Michael Kappeler)
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Seit 2013 ist die Bundeswehr in Mali. Das öffentliche Interesse an der Mission – zu Beginn groß, genau wie jetzt, acht Jahre später, nachdem zwölf deutsche Soldaten bei einem Anschlag verletzt wurden, drei von ihnen schwer. Doch dazwischen?

"Deutsche Medien haben sich überwiegend, mit wenigen Ausnahmen, null dafür interessiert", so die Einschätzung des Journalisten Thomas Wiegold. Um diese Lücke zu schließen, berichtet der Experte für Sicherheits- und Verteidigungsthemen in seinem eigenen, mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Blog "Augen geradeaus!" regelmäßig über die Bundeswehr.

Gegenüber dem Deutschlandfunk wundert sich Wiegold dann auch über die aktuelle Aufmerksamkeit; eine Debatte, in der auch der gesamte Einsatz wieder in Frage gestellt wird. Bei der UN-Mission seien seit 2013 fast 250 Blauhelm-Soldaten ums Leben gekommen, betont Wiegold. "Und in Deutschland ist das sehr selten zur Kenntnis genommen worden."

Journalist: Angst vor Themen der Bundeswehr 

Auch Daniel Moj hat erlebt, wie gering hierzulande das Interesse an Themen rund um die Bundeswehr ist. Gemeinsam mit Jörg Stolpe drehte der Fernsehjournalist eine Dokumentation für das ZDF über die Mali-Mission. In dem halbstündigen Format "37 Grad" porträtierten die beiden Autoren einen Soldaten zwischen Mali-Einsatz und seinem Leben als werdender Vater daheim. Doch eine Redaktion für diese Idee zu finden, sei nicht leicht gewesen, erinnert sich Moj gegenüber dem Deutschlandfunk.

Und das Ergebnis von dem Film "Einsatz im Wüstensand", in das er und sein Partner mehr als ein Jahr Arbeit investierten, die Quoten, die im Fernsehen über Erfolg und Nichterfolg entscheiden – die seien "nicht so gut" gewesen, weiß Moj noch genau. "Man spürte, dass das Publikum auf dem Sendeplatz andere Themen erwartete."

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Mit ihrer YouTube-Dokusoap über Grundausbildung – "Die Rekruten" – konnte die Bundeswehr ihre Bewerbungsrate steigern. 2017 ging ihre Werbekampagne in die zweite Runde: Thema war die Mali-Mission der UN.

Ein Ergebnis, das sich der Journalist auch so erklärt: Spätestens seit dem Wegfall der Wehrpflicht gebe es in der Gesellschaft kaum mehr Anknüpfungspunkte an das Militär. "Dadurch fehlt ein Bezug." Und sein Berufsstand täte sich entsprechend schwer, "diese Themen anzupacken, weil wir Angst haben, dass sie nicht gut ankommen".

"Abhängig vom Ministerium"

Moj, der selbst früher Soldat war, würde sich wünschen, dass sich das wieder ändert. Er sei im regelmäßigen Kontakt mit dem Verteidigungsministerium und "würde sofort wieder einsteigen bei einem Thema, das es wert ist zu erzählen". Und davon gebe es viele, darunter auch "Megatrends der Zeit" wie etwa Genderthemen.

Aber genau hier zeige sich auch ein weiteres Problem, so Moj. Zum einen tue sich die Bundeswehr schwer, "ihre eigenen Geschichten zu erzählen". Und wenn ihr das doch gelänge, sei man als Journalist "abhängig vom Ministerium", einen Zugang zu diesen Geschichten gewährt zu bekommen.

"Bundeswehr ist eher auf Kontrolle bedacht"

Um in Mali drehen zu können, musste Moj einen Vorbereitungskurs der UN besuchen. Vor Ort sei er dann immer nah an der Realität gewesen und habe nichts inszenieren müssen. Doch so frei sind die Arbeitsbedingungen nicht immer.

Er habe als Korrespondent vor Ort auch Presseoffiziere bei der Bundeswehr erlebt, "die sagen, das ist viel zu gefährlich, mach doch lieber was über den Truppenpsychologen", anstatt beispielsweise Streitkräfte zum Einsatz zu begleiten, erinnert sich Thomas Wiegold.

"Es geht, wenn die Leute wollen, erstaunlich viel, und wenn die Leute nicht wollen, geht erschreckend wenig." Und die Bundeswehr sei "eher auf Kontrolle bedacht", sagt der Journalist und Sicherheitsexperte.

Gefährliche Arbeitsbedingungen

Berichterstattung aus Mali könne "lebensgefährlich" sein, sagt auch Dunja Sadaqi, ARD-Korrespondentin im Studio Rabat. Und das Gebiet, in dem nun der Anschlag passiert sei , sei besonders unsicher. "Das gilt auch für berichtende Journalistinnen und Journalisten", sagte Sadaqi im Deutschlandfunk. 

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Der freie Journalist Martin Gerner wünschte sich 2019 einen intensiveren Blick auf Krisenländer wie Afghanistan – und beklagt, dass heimische Redaktionen zu wenige Beiträge über Kultur und Alltag bestellen. Vor allem Nachrichtenhäppchen würden nachgefragt.

Zur Zeit ist der Journalistin eine Einreise nach Mali nicht möglich. Deshalb helfen ihr die Einschätzungen von Expertinnen vor Ort sowie die Arbeit von Stringern, also Journalisten, mit denen sie zusammenarbeitet. Aber auch diese Mitarbeiter würden aktuell nicht nach Gao reisen, also die Stadt im Nordosten Malis, in deren Nähe nun die deutschen Soldaten verletzt wurden.

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