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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Burkhard Jellonek/Rüdiger Lautmann (Hrsg): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt.04.03.2002

Burkhard Jellonek/Rüdiger Lautmann (Hrsg): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt.

Schöningh-Verlag. 2002. 428 Seiten. 34,80 Euro

Detlef Grumbach

Während der NS-Zeit stieg die Verfolgung von Homosexuellen in Deutschland drastisch an. Rund 50.000 Männer wurden wegen ihrer schwulen Neigungen nach Paragraph 175 verurteilt. Zwischen 5.000 und 15.000 Männer wurden nach Verbüßung einer Gefängnis- oder Zuchthausstrafe in ein Konzentrationslager eingewiesen. Sie waren durch einen auf die Häftlingskleidung aufgenähten rosa Winkel als besondere Gruppe stigmatisiert und wurden besonders grausam misshandelt. Bis heute wird ihnen im öffentlichen Bewusstsein der Status als Opfer des Nationalsozialismus verwehrt. Zu diesem Schluss jedenfalls kommen die Historiker Burkhard Jellonek und Rüdiger Lautmann als Herausgeber des Buches "Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle". Das Buch wird vorgestellt von Detlef Grumbach:

Die Verhältnisse in der Rechtssprechung sind im Dritten Reich außerordentlich verwickelt gewesen.

So erklärt Rüdiger Lautmann, Professor für Soziologie und der Nestor der Sozialwissenschaftlichen Homosexuellen-Forschung in Deutschland.

Wir finden beide Sorten von Strafurteilen gegenüber Homosexuellen. Wir finden einerseits die verschärfte Verurteilung mit klarer faschistischer Aussage, und wir finden andererseits durchaus rechtsstaatlich gesonnene Richter, die eigentlich an ihrer Ausbildung festhalten und ihre Urteile so machen, wie sie sie auch vor 1933 gefällt haben.

1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragraph 175. 50 000 Männer wurden von der NS-Justiz wegen – wie es damals hieß – ,,widernatürlicher Unzucht" verurteilt, zehn- bis 15.000 wurden als so genannte "Schutzhäftlinge" oder nach Verbüßung ihrer Haftstrafe als "Vorbeugehäftlinge" in die Konzentrationslager eingewiesen. Zusammen mit dem Leiter der Landeszentrale für politische Bildung im Saarland, Burkhard Jellonnek, hat Lautmann jetzt einen Band herausgegeben, in dem sie den aktuellen Forschungsstand zum Thema Nationalsozialistische Verfolgung der Homosexuellen dokumentieren. In 26 Beiträgen beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren mit den großen Linien der Verfolgung, mit der Sonderrolle der Lesben und mit der Stellung der Homosexuellen in der Gesellschaft, mit der Rolle von Polizei, Justiz, Medizin und Psychiatrie, und mit der Situation in den besetzten Ländern. Und schließlich diskutieren sie Fragen der in den allermeisten Fällen ausgebliebenen Wiedergutmachung und der erst sehr spät einsetzten Erinnerungsarbeit.

Dieser Forschungsstand resultiert aus Projekten, die meistens der Werkstatt-Forschung zuzuordnen sind. Das sind Diplom- und Magisterarbeiten, manchmal auch Doktorarbeiten einzelner Forscher, aber immer außerhalb von großen historischen Forschungsinstitutionen.

Obwohl der Band eine Fülle von Material und auch neuerer Ergebnisse zusammenträgt, schätzt Rüdiger Lautmann die Situation insgesamt eher skeptisch ein. Eigentlich stehen wir erst am Anfang, das Schicksal der Homosexuellen wirklich solide zu erforschen, stellt er mit einem Schuss Verbitterung fest.

Es gibt kein Projekt des Instituts für Zeitgeschichte in München, das die Homosexuellen betrifft. Es gibt auch in den anderen großen Zentren der zeitgeschichtlichen Forschung in Deutschland keine Erhebungen, keine Untersuchungen zu diesem Thema. Das waren immer einzelne, meistens natürlich selbst Betroffene, die sich mit diesen Fragen beschäftigt haben, und das macht die Kleinförmigkeit dieser Projekte aus. Und weil sie so kleinförmig sind und weil es eben akademische Qualifikationsarbeiten sind und keine Meisterstücke, deswegen werden sie auch von der Fachdisziplin so wenig ernst genommen.

"Verdrängt und ungesühnt" lautet der Untertitel des "Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle" überschriebenen Buchs. Ein Grund für die Verdrängung und die Ausklammerung des Themas aus der akademischen Forschung liegt, so Rita Süssmuth in ihrem Geleitwort, am "Vorurteilskonsens von 'links’ bis 'rechts’". Andere Gründe liegen darin, dass der § 175 in der Nazi-Fassung bis 1969, darüber hinaus in reformierten Fassungen immerhin bis 1994 in Kraft blieb, dass die Homosexuellen nach 1945 keine Lobby hatten und dass das Verhältnis der anderen Opfergruppen zu ihnen durchaus prekär war. So wird es höchste Zeit, dass die historischen Fakten auf den Tisch der Gesellschaft kommen. Dazu leistet das Buch einen hervorragenden Beitrag. Zugleich markiert es die weißen Flecken der Forschung, kann also – gegen den Strich – auch als "Pflichtenheft" für die Zukunft gelesen werden.

Es steht an die Untersuchung der einzelnen Verfolger, ihrer Biographien: Wo kommen sie her, was haben sie gemacht, wo gingen sie nach 1945 hin? Es steht an die Untersuchung der Organisationen. Was ist in den einzelnen Lagern passiert, in den Gestapo-Leitstellen, bei der Kriminalpolizei, in der Justiz, die wir momentan ja untersuchen. Es steht an auf der anderen Seite, die Schicksale der Opfer zu untersuchen, und zwar einzeln! Wo kamen sie her, was ist mit ihnen geschehen, wie haben sie weiter gelebt, soweit sie nicht untergegangen sind? Wer hat ihnen geholfen, wer waren ihre Sympathisanten. All das steht an. Das ist der normale Gang von Geschichtsforschung, zumal in der Zeitgeschichte. Das ist für die Homosexuellen bisher nicht unternommen worden, nicht im entferntesten so gründlich wie für andere Zielgruppen des Nationalsozialismus.

Seine politische Brisanz erhält das Buch durch die immer noch nicht abgeschlossene Diskussion darüber, ob Urteile nach § 175 aus jenen Jahren aufgehoben werden und die Opfer entschädigt werden sollen. 1998 ist ein Vorstoß in diese Richtung im Deutschen Bundestag gescheitert, gerade jetzt beschäftigt sich das Parlament erneut mit dieser Frage. Steht im Bundestag zur Debatte, ob es überhaupt so etwas wie eine typisch nationalsozialistische Verfolgung Homosexueller gegeben hat, sind die Schwulen und Lesben ihrerseits in dieser Frage auch gespalten:

Die einen meinen, dass die Homosexuellenverfolgung ein besonderes nationalsozialistisches Verbrechen gewesen ist. Andere und zu denen gehöre ich auch meinen, und zu denen gehöre ich auch, dass die Nationalsozialisten nur etwas dem hinzugefügt haben, was ohnehin an Homosexuellenverfolgung vorhanden gewesen ist, übrigens auch in der angeblich so liberalen Weimarer Zeit. Die Schraube der sozialen Kontrolle, des Strafrechts, des alltäglichen Verfolgens, diese Schraube musste nur ein bis zwei Windungen weiter gedreht werden, und schon hatten wir die Verhältnisse unter dem Nationalsozialismus.

An eine pauschale Aufhebung der Urteile, die ja auch eine Debatte über die nach 1945 gefällten Richtersprüche gegen Homosexuelle auslösen würde, glaubt Lautmann nicht. Dennoch muss es einen Schritt in diese Richtung geben. Als Form der kollektiven Entschädigung wünscht er sich eine Stiftung, die endlich Gelder zur Verfügung stellen kann, die eine ganz normale akademische Forschung zu diesem Thema ermöglichen. Darüber hinaus bedeutet die Aufhebung der Urteile ein wichtiges Symbol.

Es ist der erste Schritt zu einer umfassenden Neubewertung des nationalsozialistischen und überhaupt des Unrechts, das den Homosexuellen im 20. Jahrhundert angetan worden ist, bis der § 175 ja gerade erst vor acht Jahren endgültig aufgehoben worden ist.

Soweit Detlef Grumbach über das von Burkhard Jellonek und Rüdiger Lautmann herausgegebene Buch "Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt." Schöningh-Verlag, Paderborn. 428 Seiten, Euro 34,80

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