Mittwoch, 11.12.2019
 
StartseiteBücher für junge LeserDie guten Menschen von Shanghai23.11.2019

Cao Wenxuan: "Libellenaugen"Die guten Menschen von Shanghai

Océane ist Französin. Zusammen mit ihrem chinesischen Mann, ihren Kindern und Enkeln lebt sie in Shanghai. Océane mag Törtchen und Klavierspiel. Während der Kulturrevolution aber jagen die Roten Garden sie als „ausländische Spionin“. Ein modernes Märchen über gute Menschen in schlimmen Zeiten.

Von Katharina Borchardt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Cao Wenxuan bei einer Pressekonferenz zur Verleihung des Christian Andersen-Preises an der Peking University in Peking am 11.04.2016. (imago stock&people)
Der chinesische Kinder- und Jugendbuchautor Cao Wenxuan (imago stock&people)
Mehr zum Thema

Chen Jianghong: "Sohn des Himmels" Botschafter der chinesischen Kultur

70 Jahre Volksrepublik China Pompöse Geschichtsklitterung

70 Jahre Volksrepublik China Maos umstrittenes Erbe

"Es war einmal…" – so beginnt der Roman "Libellenaugen" von Cao Wenxuan. "Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß A Mei" – und schon sind wir mitten drin in diesem modernen Märchen. Ein Märchen, das seinen Ausgang in einem lauschigen Café in Marseille nimmt, bevor es sich zu einer Familientragödie im Strudel der chinesischen Kulturrevolution ausweitet. Zu Anfang ist noch alles gut: A Meis Großvater stammt aus einer Shanghaier Fabrikantenfamilie. Er heuert auf einem Schiff an und gelangt so auch für einige Tage nach Südfrankreich.

"So hatte der Großvater jede Menge Zeit, sich in Marseille umzuschauen. Diese alte Hafenstadt blickte auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück. Wohin man auch sah, überall regte etwas Uraltes, Historisches zum Betrachten und Nachdenken an. Man konnte sich kaum sattsehen."

Ein leidenschaftliches Bekenntnis zu einer europäischen Stadt und ihrer Historie, das in einem chinesischen Roman ziemlich überrascht. Schließlich kann China mühelos noch ein paar Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende drauflegen. Doch wenn man Cao Wenxuan nach China fragt, sagt er:

"In China werden überall neue Häuser gebaut. Überall sind Baustellen. Wenn man mal ein paar Monate lang nicht da ist, erkennt man die altbekannten Orte gar nicht mehr wieder. Plötzlich steht da ein fünfstöckiges Gebäude. Das ist China heute. Es ist schwer, sich daran zu gewöhnen. Es geht alles zu schnell. Manchmal hofft man, der Fortschritt würde sich etwas langsamer vollziehen."

Geschichten von gebeutelten Familien

Cao Wenxuan wurde 1954 geboren – fünf Jahre nach Gründung der Volksrepublik. Er hat vieles miterlebt: die Hungersnot von 1960, die Kulturrevolution, das Ende der Demokratiebewegung 1989 und den Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Weltmacht. Seine Geschichten erzählen oft von gebeutelten Kindern und ihren Familien, haben aber immer einen stark romantischen Kern, eine Sehnsucht nach dem Alten, Vertrauten, Verlässlichen. Nach etwas Marseille-Artigem.

In "Libellenaugen" lernt der chinesische Seemann dort die schöne Französin Océane kennen. Bald schon wird geheiratet. Zunächst bleibt das Ehepaar in Frankreich, ist im Seidengeschäft tätig und bekommt vier hübsche Kinder. Alles läuft rund. Erst als die Japaner 1937 Shanghai besetzen, muss die Familie nach China übersiedeln. Das ist aber auch kein Problem. In Nullkommanix hat die Großmutter die Koffer gepackt. Und so in etwa geht der ganze Roman weiter: Die Umstände sind hart, und sie werden im kommunistischen China immer härter. Die Familie aber hält zusammen. Großvater, Großmutter, ihre Kinder und später auch die Enkelin A Mei – alle haben sich lieb und ein gutes Herz. Aber solche Menschen, die immer nur nett sind, die gibt es doch gar nicht, Herr Cao!

"Doch, solche Menschen gibt es definitiv! Und würden sie nicht existieren, dann erfinden wir sie eben. Wenn Literatur uns demotiviert und traurig macht – wozu brauchen wir solche Literatur?"

Eindeutige Haltung

Cao will nicht deprimieren. Deshalb bremst er immer ab, bevor es in seiner Geschichte richtig schlimm werden könnte. Die Familie wird enteignet, und die Seidenfabriken fallen in staatliche Hand? Kein Problem. Die Hungersnot wütet? Okay, dann geht man halt nicht mehr in die Konditorei. Das geliebte Klavier muss in der Not verpfändet werden? Na ja, man kriegt es aber irgendwann zurück. Die Roten Garden rasieren der Großmutter die Haare ab? Halb so wild, eine Rotgardistin gibt ihr schnell ein hübsches Kopftuch. Cao verharmlost. Dabei ist seine Haltung ganz eindeutig:

"Die Situation der Großeltern verschlechterte sich. Die Rufe nach einem ‚Umsturz’ waren überall zu hören […]. Und täglich sah man unzählige in den Himmel gereckte Fäuste, die diese Rufe begleiteten. Mit vereinter Kraft schienen diese Fäuste ein Loch nach dem anderen in den Himmel stoßen zu wollen. Einer Epidemie gleich vermehrte sich die Anzahl der Hirnlosen von Tag zu Tag, und auch die Verrückten wurden immer mehr. Sie schienen weder zu essen, noch zu trinken, noch zu schlafen, sie waren wie besessen."

Kollektiver Wahnsinn – und mittendrin eine heile Familie. Auch dies ist ein starkes Sehnsuchtsmotiv, brachte die Kulturrevolution doch viele Familien auseinander. Es ist in China nicht verboten, über die Kulturrevolution zu schreiben. Mao aber bleibt sakrosankt. Auch im Roman "Libellenaugen" flattern nur an einer Stelle rote Fahnen. Ansonsten wird die Kulturrevolution eine Epidemie genannt, eine kollektive Krankheit, eine Art Naturkatastrophe, für die keiner so richtig etwas kann. Auf die Frage, warum er die Kommunistische Partei im Roman nicht beim Namen nennt, verschränkt Cao Wenxuan sofort abwehrend die Arme.

"Das hat damit gar nichts zu tun. Diese Frage will ich auch nicht beantworten. Ich sehe keine Verbindung zwischen meinem Werk und der Kommunistischen Partei. Es geht hier doch bloß um einen historischen Hintergrund."

Nicht leicht, Klartext zu reden

Nicht leicht, ein Trauma aufzuarbeiten, wenn die Schuldigen nicht benannt werden dürfen. Und auch nicht leicht, Klartext zu reden, wenn man wie Cao Vizepräsident der Pekinger Autorenvereinigung und also politisch eingebunden ist.

Womöglich können junge Chinesen die historischen Umstände aber trotzdem erfassen. Cao selbst hatte 15- bis 18-jährige Leser vor Augen, als er "Libellenaugen" schrieb. Für deutsche Leserinnen und Leser aber könnte die historisch-politische Einordnung schwieriger sein. Ist dies im hiesigen Kontext überhaupt ein Jugendbuch? Die deutsche Verlegerin Nora Frisch:

"Ich war etwas verwundert, muss ich sagen, dass er ein Jugendbuch-Autor ist, weil seine Bücher für unsere Jugend, für die Lesegewohnheiten viel zu – oder was heißt ,viel zu'? – aber sehr anspruchsvoll sind. Er hat eine unglaublich poetische Sprache, eine sehr romantische Sprache. Es sind Blumenteppiche, die da ausgebreitet werden an Bildern, an Szenen, unglaublich schöne Naturbeschreibungen. Und das, finde ich, macht eben auch sein Werk aus."

Märchen für Jugendliche und Erwachsene

Nora Frisch versteht den Roman daher, wie alle Jugendbücher von Cao Wenxuan, auch als Märchen für Erwachsene.

"Cao Wenxuan verlege ich seit... Ich glaube, das erste Buch habe ich 2014 herausgebracht. Da war ich auf der Pekinger Buchmesse und habe gemeinsam mit einer Dame, die da auch auf und ab gelaufen ist, den Eingang gesucht. Und wir haben ihn beide nicht gefunden. Es war 40 Grad im Sommer. Sie hatte so einen Schirm gehabt und hat gesagt, ich solle zu ihr unter den Schirm kommen. Und wir haben den Eingang nicht gefunden, und dann sind wir drauf gekommen, dass die Eingänge alle zugemacht wurden, weil irgendwelche Politiker auf der Messe waren und daher allgemein für den Publikumsverkehr vorübergehend gesperrt war. Und so haben wir uns kennengelernt. Und das war die Verlegerin von Cao Wenxuan."

Eine hübsche Anekdote, die zu Caos Büchern passt: Leben ist das, was geschieht, während im Hintergrund die große Politik stattfindet. Drei seiner Romane hat die Sinologin Nora Frisch bereits publiziert. Auffällig ist, wie warmherzig ihre Übersetzungen klingen und wie sorgsam sie Caos Bücher gestaltet. Ein Bestsellerautor wie in China aber wird er bei uns wohl nicht werden. Dazu fehlt uns westlichen Lesern das literarische Harmoniebedürfnis. Bei Cao kommt alles Böse von außen. Wir aber sind brüchigere Figuren gewohnt. Figuren, die ihre Konflikte selbst produzieren und auch aus sich heraus für erzählerische Dynamik sorgen. Cao Wenxuans Romane liest man daher vor allem in Bezug darauf, was und wie in China erzählt wird, also mit einem politischen Blick.

Cao Wenxuan: "Libellenaugen - Eine Kindheit im Shangai der Roten Garden"
Aus dem Chinesischen von Nora Frisch
Drachenhaus Verlag, Esslingen. 300 Seiten, 19 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk