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StartseiteBüchermarktLüge als Flucht14.01.2020

Caoilinn Hughes: "Orchidee & Wespe"Lüge als Flucht

Caoilinn Hughes erzählt in ihrem gefeierten Romandebüt die Geschichte einer jungen, notorisch lügenden Frau. Sie möchte die Trümmer ihrer dysfunktionalen Familie hinter sich lassen. Am Ende ist sie frei – aber nicht zu authentischen Gefühlen fähig.

Von Peter Henning

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Die irische Schriftstellerin Caoilinn Hughes (Ed Wright Images)
Das Debüt der irischen Schriftstellerin Caoilinn Hughes ist stellenweise mitreißend erzählter Roman (Ed Wright Images)
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Es ist eine Geschichte übers Lügen und Verschleiern und was dieses ständige Vernebeln mit ihren Protagonisten macht. Die Figuren in Caroilinn Huges` bemerkenswertem Debütroman "Orchidee & Wespe" verzerren oder verbiegen die Wahrheit hier ein bisschen - und nehmen es da mit ihr nicht so genau, um sich die anderen vom Hals zu halten oder um der wirklichen Auseinandersetzung aus dem Weg gehen.

Im Zentrum steht die ebenso widerspenstige wie charismatische Gael Foess: eine trotz ihrer Jugend – sie ist zu Beginn der Erzählung noch keine fünfzehn - bereits vielfach in sich gebrochene Widerständlerinnen-Figur. In ihrer komplexen Charakterstruktur erinnert Gael an Raymond Queneau´s juvenile Heldin Zazi aus dessen wohl berühmtestem Roman "Zazi in der Métro". Denn ähnlich wie Queneau´s nassforsche Heldin, die sich im Paris der endenden 1950er-Jahre nichts sehnlicher wünscht, als einmal im Leben Métro zu fahren - woraufhin dann ausgerechnet an dem dafür vorgesehenen Wochenende sämtliche Bahnlinien bestreikt werden -, besticht auch Gael von Anfang an durch ihr erfrischend vorlautes, kapriziöses Wesen, das sie bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit lustvoll zur Schau stellt. So erklärt sie ihrem verdutzten Vater Jarleth einmal, als sie das erste Mal ihre Regel bekommt:

"Zu Deiner Information, Dad! Ich habe die Frauengrippe. Die Maler im Keller. Bei mir ist was undicht. Der Vesuv bricht aus. An der Straßengabelung steht die Ampel auf rot. Verstehst du?"

Gebrochene Widerständlerin

Die Foesses - das sind Gael Foess, ihr an Epilepsie leidenden Bruder Guthrie, ihre Mutter Sive, die als Chefdirigentin das National Symphonie Orchester Dublins leitet. Und ihr Mann, der Banker Jarleth, über den es charakterisierend heißt:

"Jareth interessierte sich für Technologie. Er pflegte Umgang mit Leuten von Google, und abgesehen von Essen, strapazierfähiger Kleidung und Urlaub waren technische Geräte das Einzige, worin er sich freigiebig zeigte."

Weil Jarleth häufiger geschäftlich auf Reisen ist, als es der längst ohnehin fragil gewordenen Familienkonstruktion guttut, geht jeder der anderen bald seinen eigenen, familienabgewandten Passionen nach: Gael dreht – geschäftstüchtig, wie sie schon als Teenager ist - ihren Schulfreundinnen Läuseeier und Jungfrauenkapseln an, um an Geld zu kommen. Guthrie – künstlerisch begabt, aber durch und durch labil – lebt plan- und ziellos in den Tag hinein, geschüttelt von immer neuen Anfällen. Und Sive, ihre Mutter, zieht sich ganz in die Welt ihrer Kompositionen und Konzertreisen zurück. Bis Jarleth die Familie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 verlässt -  und das ohnehin wenig Halt bietende Konstrukt darüber endgültig zerbricht.

"Mum? sagte sie.
Was ist, Gael?
Glaubst du, das ist der absolute Tiefpunkt?
Sive bekam einen Hustenanfall, den sie als ein überraschtes Lachen zu maskieren versuchte, aber er endete damit, dass sie an diesem Moment ihres Lebens, an seiner nicht herunter zu schluckenden Substanz, halb erstickte. Während ihre Mutter versuchte, wieder zu Atem zu kommen, schaute Gael auf das Eichenholzparkett, das sich überall bog - besonders am Kamin, wo der Sabber von Klarinettenstunden durch die Dielenbretter getröpfelt war und sich irgendwo verloren hatte -, und bald zum Erkerfenster, wo auf verkehrte Weise der fluoreszierende maledivische Himmel einsickerte. Zu guter Letzt antwortete Sive, und zwar mit einer Frage: 'Woher soll ich das wissen?'"

Der Traum von der Unabhägigkeit

So ist es alleine Gael, die im Gegensatz zu den anderen nicht bereit ist, die neu entstandene Situation reglos hinzunehmen. Und so fasst sie einen Entschluss, indem sie sich sagt:

"Nein, sie hatte keine Lust mehr, dieses Kind zu sein. Darauf hatte sie keine Lust mehr – ihr Aussehen und ihre Empfindungen stimmten nicht länger überein."

Gael fasst den Plan, nach England zu gehen, um dort ein College zu besuchen. Denn sie will mehr als sich bloß in den scheinbar biografisch festgefügten Begrenzungen ihres Lebens einzurichten. Um dieses Vorhaben zu realisieren, sind ihr fast jede List und jedes Mittel recht. Denn was für sie über allem steht, ist der Wunsch, nicht länger von anderen abhängig – sondern stattdessen frei zu sein!

An dieser Stelle nun wendet sich Caoilinn Hughes – ohne die anderen Figuren darüber gänzlich aus den Augen zu verlieren – vor allem Geals weiterem Lebensweg zu. Sie beschreibt ihn als Geschichte einer jungen Frau, die es sich selbst auferlegt, quasi über Nacht erwachsen zu werden, um zu überleben. Und die nicht gewillt ist, sich von irgendwem von der Umsetzung ihres Plans abbringen zu lassen.

Ein gepeinigtes Genie

So hebt die wechselvolle Chronik einer buchstäblichen Selbsterfindung an, in deren Verlauf Gael sämtliche Register ihres betrügerischen Talents zieht, um an jenes Geld zu gelangen, vom dem sie glaubt, sich damit dauerhaft ihre Unabhängigkeit von anderen erkaufen zu können. Sie reist mit einer Handvoll Gemälde ihres Bruders im Gepäck nach London, fest entschlossen, seine Arbeiten führenden Galeristen als Werke eines auratischen jungen, von wiederkehrenden Anfällen gepeinigten Genies anzubieten. Als tatsächlich eine größere Galerie Interesse zeigt und ihr darüberhinaus sogar eine Ausstellung der Gemälde in Aussicht stellt, heuert sie kurzerhand einen Fälscher an, der weitere zehn Gemälde im Stile ihres Bruders anfertigt.

"Noch etwas" sagte M. "Wir brauchen eine Porträtaufnahme."
"Des Künstlers?"
M reibt seine Fingerknöchel grob in seinen rötlichen Bart. "Hören Sie. Ich will nicht ausbeuterisch erscheinen... aber wenn sie ein Foto von ihm haben ..." 
M hält inne. Er wirkt unruhig. "Ach, vergessen Sie's!"
Seine Augen heften sich an den Saum von Gaels Rock.
"Was?" fragt Gael. "Während er einen Anfall hat?"
"Vergessen Sie`s. Ich hab´s nicht ganz durchdacht."
"Nun ..." sagte Gael zögernd. "Haben Sie an ... so etwas gedacht?"

Sie hält ihnen das Handy hin, und alle drei Zielpersonen stürzen sich auf das elektronische Bild, als wären die Pixel ein Mise en abyme. Die aufgeschlitzte Leinwand von Guthries Gesicht, die Aufnahme, die sie in der Nacht, als er seinen Zahn verlor, gemacht hatte, bevor er den Kopf von ihrem Schoß hob."

Die Krux der falschen Vorstellungen

Bildhaft entrollt uns die 1985 in Galway geborene Caoilinn Hughes, die zunächst einen Band mit Gedichten veröffentlichte, Gaels weiteren Weg – hin zu der Person, die sie sich vorgenommen hatte, zu sein: eine am Ende zwar irgendwie freie, tatsächlich aber alleine dastehende junge Frau, von der es heißt, "Manchmal vergisst Gael, wem sie welche Lügen erzählt hat", und die aus allen ihr angetragenen sozialen Bindungen geradezu reflexartig flieht. So auch aus der zu der an ihr interessierten Harper. Aus diesem Dilemma vermögen sie selbst die mit dem Verkauf der Bilder eingenommenen mehrere Hunderttausend Euro nicht zu befreien. So bleibt sie was sie immer war: eine kleine, kapriziöse Lügnerin, die andere mit ihrem quecksilbrigen Wesen zu beeindrucken und zu manipulieren vermag – zu wirklicher Nähe zu ihnen aber nicht fähig ist. Weil sie im entscheidenden Moment lieber lügt als sich zu bekennen.

"Orchidee & Wespe" ist ein stellenweise mitreißend erzählter Roman, der sowohl als Coming-of-Age-Geschichte funktioniert, als auch als kluge Meditation über eine dysfunktionale irische Familie dieser Jahre, die an den falschen Vorstellungen, die ihre Mitglieder sich jeweils von sich machen, zerbricht.

Gael, der man gerne durch das Labyrinth ihrer angestrebten Selbstentfaltung folgt, gewinnt auf ihrem Weg dorthin immer wieder anschaulich Kontur - wirklich nah aber kommt man ihr trotz allem sprachlichen Aufwand, den ihre Schöpferin diesbezüglich betreibt, nicht.

Caoilinn Hughes: "Orchidee & Wespe".
Aus dem Englischen von Sarah Hickey und Hans Christian Oeser.
Steidl Verlag, Göttingen. 416 Seiten, 28 Euro.

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