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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Carl Amery: Global Exit - Die Kirchen und der totale Markt18.02.2002

Carl Amery: Global Exit - Die Kirchen und der totale Markt

Luchterhand Verlag, Neuwied. 2002, 256 Seiten, 18 Euro

<strong> "Ich glaube an Gott; und ich glaube an den freien Markt", so lautet das Lebensbekenntnis von Kenneth Lay. Lay war der Boss des New Economy Konzerns Enron, der gerade die US-amerikanischen Gerichte beschäftigt. Sie müssen nun herausfinden, wie die betrügerische Pleite dieses Unternehmens zustande kam. Frömmigkeit und die feste Überzeugung, ein freier Markt ohne jeglichen regulierenden oder kontrollierenden Eingriff des Staates sei das Beste für die Menschheit, gehören in den USA - und nicht nur dort - oft zusammen. Der feste Glaube an Gott hindert das eine oder andere Schäfchen aber nicht daran, sich die Taschen vollzuschaufeln, auch wenn, wie im Falle Enrons, Tausende Mitmenschen dabei in den sozialen Abgrund gerissen werden. Bloßes Gottvertrauen kann es bei Kenneth Lay offenbar auch nicht gewesen sein, denn er hat in die politische Karriere von George W. Bush vorsichtshalber knapp 600.000 Dollar investiert. Manch anderem frommen Zeitgenossen ist der ungehemmte Markt eher ein Dorn im Auge. Zu ihnen zählt der Schriftsteller Carl Amery. Er gehörte einst zur Gruppe 47, war PEN-Präsident und hat sich mit zahlreichen Schriften gegen Aufrüstung, Umweltzerstörung und das Treiben der katholischen Kirche einen Namen als provokanter Kritiker gemacht. In seinem neuesten Buch nimmt sich Amery das Verhältnis der Kirchen zum schrankenlosen Markt vor. "Global Exit" heißt das Werk, und Bernd Leineweber hat es für uns gelesen. </strong>

Bernd Leineweber

"Sprich als Prophet", sagt Gott zu Hesekiel im Anschluss an die Klage des Propheten über die Totengebeine, die Carl Amery seinem neuesten Buch als Motto voranstellt. Und so spricht er als Prophet, schärfer, böser, unerbittlicher denn je, er schimpft und wettert, denn alle reden vom Wetter, aber viel zu wenige nehmen die sich anbahnende Klimakatastrophe wirklich ernst. Brauchen wir daher nicht tatsächlich Propheten, die uns aufrütteln, die millenarischen Posaunen, die zu Jahrtausendwenden aufhorchen lassen, und die apokalyptischen Szenarien, die der Terror verbreitet, um endlich zu begreifen, dass unsere biologische Existenz auf dem Spiel steht, nachdem uns Wissenschaftler über das Ausmaß der biosphärischen Krise im Unklaren lassen und die Philosophen schweigen? Nur mit der Sprache des Mythos scheint es noch, wenn wir Amery folgen, möglich zu sein, die Sache beim Namen zu nennen:

Die biosphärische Krise [ist die] bedeutendste Herausforderung der Menschheit seit der Sintflut.

Amery ist einer der letzten noch übrig gebliebenen Propheten des ökologischen Desasters, nachdem es zu Beginn der Ökobewegung deren viele gegeben hat. Von Leuten wie Ivan Illich, E.F.Schumacher, Murray Bookchin, Barry Commoner oder Herbert Gruhl ist kaum noch die Rede, auch nicht in der grünen Partei. Dafür, dass es zunächst einmal aus ist mit dem alten Radikalismus der grünen Bewegung, ja überhaupt mit klaren Benennungen der sich unter unseren Augen beschleunigenden Katastrophe, bietet Amery eine historische und politische Erklärung an: Es ist der Totale Markt, der seit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs alternativlos gewordene und neoliberalistisch entfesselte Kapitalismus, der alle nennenswerten politischen Gegenkräfte neutralisiert oder vereinnahmt und damit eine destruktive Macht erlangt, gegen die der totale Krieg der Nazis, wie Amery meint, nichts weiter als ein Vorspiel war. Der schrankenlose, von sozialpolitischen Einschränkungen entbundene, "deregulierte" und von der Konkurrenz mit sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen befreite Kapitalismus ist Amery zufolge eine Religion ohne Transzendenz, die nur - wie im Römischen Reich vor Konstantin - Unterwerfung und einen Kult verlangt, den Kult des Profits und des Konsums.

Der Totale Markt erfüllt alle Kriterien einer Religion. Sein Dogmenbestand ist transzendenzarm und banal; seine oberste Maxime lautet: Alles hat seinen Preis, und wenn etwas noch keinen hat, wird er ihm angeheftet. Trotzdem (oder gerade deshalb) ist er zur alternativlosen Instanz der globalen Entscheidungen geworden. Nach der demokratisch-kapitalistischen Doktrin sollte der Markt einerseits durch die Politik, andererseits durch die Kräfte der Zivilgesellschaft gesteuert und in Schranken gehalten werden. Weder die Politik noch die Zivilgesellschaft erfüllen diese Bedingung. Sie ist zunehmend unerfüllbar, weil der Totale Markt selbst ihr Fundamente zersetzt... Der Totale Markt nimmt die Funktion einer Reichsreligion wahr, die strukturell ziemlich genau der des spätrömischen Kaiserkults entspricht... Was ihn jedoch radikal vom römischen Kaiserkult unterscheidet, ist seine Wirkmacht: In der evolutionär entfalteten Biosphäre wirkt der Totale Markt als Todesmaschine.

Was der religiöse Gehalt des Totalen Marktes in religionswissenschaftlicher Hinsicht ist, darüber will sich Amery nicht weiter äußern. Ihm kommt es darauf an, sich mit seiner Analyse des Totalen Marktes als einer Religion ohne Gott - bzw. einer Religion des Gottes Mammon - eine Plattform für den letzten noch denkbaren Widerstand gegen die "Todesmaschine" zu schaffen: Es sind die Kirchen, die sich auf die Rolle besinnen müssen, die das Christentum gegenüber der alten Reichsreligion gespielt hat. Wenn der Totale Markt als "Reichsreligion" definiert wird, die politische Alternativen nicht zulässt, dann kann der Widerstand nur durch echte Religiosität kommen:

Es liegt an den Kirchen, ob sie die drohende erd- und menschheitsgeschichtliche Katastrophe in einem heilsgeschichtlichen Zusammenhang, also in einem religiös bedeutungsvollen Zusammenhang, sehen oder nicht. ... Tun sie dies nicht, bleibt ihnen nur der Rückzug in den naiven Fundamentalismus, der die Verantwortung zurückweist und auf Erlösung von außen und oben setzt, ohne sich der Vermessenheit solcher Hoffnung bewusst zu werden... Wenn man sich den religiös-fundamentalistischen Charakter und vor allem die Allmachtpraxis des Totalen Marktes klargemacht hat, ist es schwierig nachzuvollziehen, wie die Christentümer eine solche Konfrontation vermeiden wollen, ohne ihre eigene Zukunft und vor allem ihren Heilsauftrag in Frage zu stellen.

Was Amery, der aufsässige und ungeliebte, aber verzweifelt treue Sohn seiner Kirche hier unternimmt, ist der zweifelhafte Versuch, die Zukunft der planetarischen Lebenschancen mit denen der Kirchen zu verkoppeln. Angesichts der religionswissenschaftlich ungeklärten Charakterisierung des heutigen wirtschaftlichen und politischen Systems als einer Religion und der Art und Weise, wie Amery diese Argumentation entfaltet, fragt man sich manchmal, worum es ihm mehr geht: die Rettung der Biosphäre oder die Rettung der Kirche. Es ist jedenfalls eine verzweifelte Argumentation, und das nicht nur, wenn man an den Rückhalt und die Einflusschancen der Kirchen in den heutigen westlichen Gesellschaften denkt. In Europa sind die Kirchen nahezu bedeutungslos geworden, und in den USA sind sie Propagandazentralen der überwiegend neoliberalistisch eingestellten moral majority. Verzweifelt ist diese Argumentation auch nicht nur, wenn man sich die historischen Erfahrungen des Umgangs der Kirchen mit den jeweiligen weltlichen Mächten vor Augen hält. Sondern wie ist eine, wenn auch wünschenswerte, Radikalopposition der Kirchen denkbar, wenn es doch vor allem das Christentum und die Kirchen selbst waren, die mit der jahrhundertelang gültigen katholischen Arbeitsethik und protestantischen Erwerbsethik zur Entstehung unserer modernen Wirtschaftsmentalität beigetragen haben? Der "Geist" des Kapitalismus ist christlichen Ursprungs, er ist geprägt worden durch die christliche Glaubensauffassung von der Ebenbildlichkeit des Menschen mit dem monotheistischen Schöpfergott und durch dessen Auftrag: "Macht euch die Erde untertan". Aus dieser theologischen Grundannahme des Christentums ging das Menschenbild der "Krone der Schöpfung", des Herren über die Natur, des Schöpfers und Schaffers hervor, das nur noch säkularisiert zu werden brauchte, damit die moderne Wirtschaftsgesellschaft mit ihrem auf den systematischen Einsatz von Wissenschaft und Technik gestützten, aktivistischen und produktivistischen Vorurteil die physischen und kulturellen Ressourcen der Erde bis zum absehbaren Ende ausbeuten kann. Über diese Frage darf sich das beeindruckende Engagement des großen alten linkskatholischen Ökoradikalen nicht hinwegsetzen, sondern hier besteht ein religionswissenschaftlicher Klärungsbedarf, der über den Sinn seiner Kapitalismuskritik entscheidet. Denn wenn das Weltbild, das dem Totalen Markt zugrunde liegt, und das christliche - das sich in dieser Hinsicht von allen anderen Religionen unterscheidet - grundsätzlich darin übereinstimmen, dass Natur und Menschenwelt "Schöpfung" sind und die Menschen mit oder ohne göttlichen Auftrag gehalten sind, die nichtmenschliche, von ihnen absolut wesensverschiedene Natur sich untertan zu machen und ihre Lebensbedingungen mit immer perfekteren Mitteln der Naturbeherrschung zu ihrem immer größeren Wohl permanent umzuformen, dann taugt das Christentum nicht zum Einspruch gegen den entfesselten Kapitalismus. Vielleicht wäre eher von der Annahme auszugehen, wie es viele Ökokritiker tun, dass der Totale Markt nicht eine Religion, sondern das Ergebnis der Säkularisierung und Profanisierung der christlichen Religion ist. Dann läge die Rettung bei einem kulturell anders codierten Verhältnis zwischen Mensch und Natur und nicht bei einem Gott, der von dem Verderben erlösen soll, das er selbst in die Welt gesetzt hat.

Bei Carl Amery kann jedenfalls der Eindruck entstehen, dass er, wenn er die Kirchen zur Opposition gegen die biosphärische "Todesmaschine" aufruft, den Teufel mit Beelzebub austreiben will.

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