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StartseiteKultur heuteCasablanca und Co.05.08.2007

Casablanca und Co.

Filmklassiker und ihr neues Publikum

Vor 65 Jahren endeten in Hollywood die Dreharbeiten zu einem Film, der vermutlich die meist zitierte Abschiedsszene der Welt enthält: Casablanca. Dabei hatte kaum jemand ahnen können, als im August 1942 die letzte Klappe fiel, dass man gerade den größten Filmklassiker überhaupt abgedreht hatte. Dabei galt es mit einem knappen Budget hauszuhalten, das Flugzeug in der Schlussszene etwa hatte den Theaternebel dringend nötig - es war aus Pappmaché.

Von Rüdiger Suchsland

Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart im Film Casablanca (AP Archiv)
Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart im Film Casablanca (AP Archiv)

"You must remember this ... " - die Erinnerung an diese berühmte Songzeile und an den ganzen Kultfilm CASABLANCA kann man zur Zeit wieder auf der großen Kinoleinwand auffrischen. Seit ein paar Wochen läuft Michael Curtiz Film mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann wieder in den deutschen Kinos, gemeinsam mit anderen Film-Klassikern wie etwa Wim Wenders DER HIMMEL ÜBER BERLIN, Roman Polanskis TANZ DER VAMPIRE oder BLOW UP, vom gerade verstorbenen italienischen Regie-Meister Michelangelo Antonioni, ein Dokument aus dem "Swinging London" der 60er.

Diese Filme sind nur die neuesten Früchte eines neuen Kino-Trends, der in den letzten Jahren immer stärker wurde: Alte Film-Klassiker kommen wieder vermehrt in die Kinos, oft in neuen, sorgfältig restaurierten Fassungen, und manchmal in einer Form, die dem deutschen Publikum bisher nur im Fernsehen oder ausnahmsweise in einem Filmmuseum zugänglich war.

Etwa CASABLANCA ist ein Beispiel für einen solchen Fall: Bei seiner ersten Aufführung sieben Jahre nach Kriegsende kam der Film in einer völlig zerstückelten Fassung in die westdeutschen Kinos, aus der damals alle Nazi-Figuren herausgeschnitten waren. Der antifaschistische Kämpfer Victor Laszlo wurde dort zu dem norwegischen Atomphysiker Victor Larsen, der französische Kapitän zu einem Interpol-Offizier.

"Der Film hat sich erst nach und nach als der Kultfilm entwickelt,"

sagt Thorsten Frehse, Chef des Berliner Arthouse-Verleihs "Neue Visionen". "Neue Visionen" ist derzeit der führende deutsche Filmverleih für solche Wiederaufführungen. Etwa vier bekannte ältere Filme bringt man pro Jahr zusätzlich zu den Neustarts heraus, auf Lager hat der Verleih inzwischen rund 600 alte Filmtitel, viele davon bahnbrechende Werke der Filmgeschichte.

In der Vergangenheit brachte man so unterschiedliche Werke wie TAXI DRIVER, BONNIE AND CLYDE, aber auch DIE VERACHTUNG und mehrere andere Filme von Jean-Luc Godard neu ins deutsche Kino. Und erreichte mit den Filmen zum Teil ein erstaunlich großes Publikum:

"Mit Filmen von Wiederaufführungen verhält es sich grundsätzlich erstmal so wie bei ganz normalen Kinostarts: Man kann Pech haben, und man kann Glück haben. Unser Pech war, dass BEN HUR, eine der teuersten Wiederaufführungen, gar nicht funktioniert hat. Da liegen wir bei etwa um die 2000 Besucher. Und ein Film wie CASABLANCA kann auf einmal bis zu 90.000, jetzt demnächst bald 100.000 Besucher erreichen."

Aber woher kommt überhaupt das neue Interesse des Publikums an Filmklassikern? Die Filmfreaks und Cineasten allein sorgen nämlich nicht für volle Säle. Natürlich mag hier die zur Zeit spürbare Flaute im aktuellen Kino, die qualitative Krise der Blockbuster eine Rolle spielen. Seit einigen Jahren zeigen Besucherstatistiken auch, dass das ältere Publikum, die "Generation 50 plus" wieder ins Kino zurückfindet. Ältere Besucher meiden die Multiplex-Kinos mit ihrem Popcorn-Flair und den auf Teenager zugeschnittenen lauten Action-Filmen. Umgekehrt lieben diese Teile des Publikums die alten Klassiker ganz besonders, die für sie mit Erinnerungen und Erlebnissen der Vergangenheit verbunden sind, die die Rolle eines Identifikationspunktes spielen.

Doch in letzter Zeit beobachtet Frehse eine neue Entwicklung und mit ihr das verstärkte Interesse einer anderen Gruppe:

"Das sind junge Leute zwischen vielleicht 25 und 45, die merken, dass ihnen kulturelles Kapital fehlt, auch im Umgang mit ihrer neuen Arbeits- und Lebenswirklichkeit. Die waren vielleicht als Studenten von einer Party zur nächsten. Jetzt sind sie in einem Umfeld - und das muss gar nicht akademisch sein -, wo es einfach dazu gehört, über Film etwas Bescheid zu wissen."

Dieses jüngere Publikum hat auch CASABLANCA noch nicht ein Dutzend Mal im Fernsehen gesehen. Film wird zum Bildungsgut und die Kenntnis von Kinoklassikern hat inzwischen, so Frehse, einen "ähnlichen Distinktionswert", wie die eines Romans oder eines Popsongs.

Das Fernsehen aber sendet immer weniger alte Spielfilme, und unterteilt diese bei den Privaten auch noch doch Werbeblöcke in ein halbes Dutzend Kurzfilme. Und die Schulen pflegen diesen Teil des kulturellen Erbes bisher auch nicht, trotz "Bildungsoffensive" und vollmundiger Erklärungen:

"Es gibt einen Schulkanon, aber der spielt bis auf eine Broschüre im wirklichen Schulleben keine Rolle. Klar: Film ist nicht nur Kommerz, sondern ein Kulturwirtschaftsgut, und zur Kultur gehört Bildung definitiv dazu."

Nach dieser versteckten kleinen Theorie des Kinos der Zukunft, bekommt das Kino also eine neue zusätzliche Funktion. Es wird wie ein Museum oder ein Opernhaus zum Ort der Repertoire-Pflege, zum Ort der kulturellen Selbstverständigung einer Gesellschaft.

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