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StartseiteTag für Tag"Man muss schon aufpassen"19.11.2018

Causa Wucherpfennig "Man muss schon aufpassen"

Die Vernunft habe gesiegt, sagt der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz. Es sei eine Lösung gefunden worden, bei der weder der Vatikan noch Ansgar Wucherpfennig sein Gesicht verliere. Vorsichtig sein müssten Professorinnen und Professoren weiterhin, gerade wenn sie die Sexualmoral kritisierten.

Stephan Goertz im Gespräch mit Monika Dittrich

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Stephan Goertz schaut in die Kamera (privat)
"Ansgar Wucherpfennig kann sich eigentlich bestätigt sehen in seinem Anliegen, die Debatten, die er angestoßen hat, in Zukunft weiterführen zu dürfen", sagte der Theologe Stephan Goertz im Dlf. (privat)
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Monika Dittrich: Ansgar Wucherpfennig hat das "Nihil obstat" nun also doch bekommen. Ob das nun ein Happy End im Hochschul-Drama ist, darüber spreche ich jetzt mit Stephan Goertz, Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz und Herausgeber eines Buches über Homosexualität und die katholische Kirche. Guten Morgen, Herr Goertz.

Stephan Goertz: Guten Morgen, Frau Dittrich.

Dittrich: Herr Goertz, die Reaktionen und Kommentare auf die jüngste Entwicklung im Fall Wucherpfennig sind eher positiv, im Sinne von: Die Wucherpfennig-Fraktion hat sich durchgesetzt. Der Vatikan hat eingelenkt. Stimmen Sie dieser Interpretation zu?

Goertz: Ja, zunächst einmal würde ich dem zustimmen. Ich finde, man hat eine ganz gute Lösung gefunden – eine Lösung, wo keiner der Beteiligten sein Gesicht verliert. Man hat versucht, den Schaden zu begrenzen, aufeinander zuzugehen. Der Text hat deutlich Kompromisscharakter. Also von daher denke ich angesichts der Sorgen, die man im Vorfeld hatte, dass hier ein großer Konflikt noch lange fortgeführt werden sollte, bin ich tatsächlich im Moment erst mal positiv überrascht.

Dittrich: Das heißt – wenn wir das ganz knapp zusammenfassen würden: Die Wucherpfennig-Fraktion und Wucherpfennig selbst haben gewonnen in diesem Streit?

Debatten um Frauenordination und Homosexualität weiterführen

Goertz: Von Sieg und Niederlage würde ich nicht sprechen. Es ist ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zur Eröffnung von Dialogen innerhalb der katholischen Kirche. Ich würde sagen: Die Vernunft hat gesiegt und es hat sich der Eindruck durchgesetzt, dass von der katholischen Kirche im Moment Schaden abzuwehren ist. Diese Einsicht war wohl auch in Rom sehr stark am Ende. Und Ansgar Wucherpfennig kann sich eigentlich bestätigt sehen in seinem Anliegen, die Debatten, die er angestoßen hat, in Zukunft weiterführen zu dürfen.

Dittrich: Dann lassen Sie uns doch mal diese Unbedenklichkeitserklärung in diesem Fall noch einmal genauer anschauen. Ansgar Wucherpfennig hat dafür eine Erklärung abgegeben, dass er sich als Ordensmann und Priester dem authentischen Lehramt der Kirche verpflichtet fühlt. Was heißt das genau?

Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Rom wolle Wucherpfennig wegen liberaler Äußerungen über Homosexualität und Frauen in der Kirche aus dem Amt drängen.  (picture alliance/dpa/Foto: Frank Rumpenhorst)Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, wurde zunächst wegen liberaler Äußerungen über Homosexualität und Frauen in der Kirche das "Nihil obstat" verweigert (picture alliance/dpa/Foto: Frank Rumpenhorst)

Goertz: Diese Formulierung ist eigentlich eine Standardformulierung. Man muss wissen, dass Ansgar Wucherpfennig Ordensmann ist, und zwar ist er Jesuit. Zum Jesuitenorden gehört seit seiner Gründung ein besonderes Loyalitäts- und Gehorsamsverhältnis gegenüber dem Heiligen Stuhl, gegenüber dem Papst. Also von daher ist es gar nicht überraschend, dass in einer Erklärung, wo es um einen Jesuiten geht, auch die Verpflichtung gegenüber Rom noch einmal erwähnt wird. Das halte ich nicht für problematisch, weil hier keine expliziten Gehorsamsforderungen aufgestellt werden. Ansgar Wucherpfennig soll auch nicht richtigstellen, er soll nicht widerrufen, er soll sich auch nicht korrigieren, sondern er soll sich im Grunde erklären. Und ihm wird eigentlich die Möglichkeit gegeben, nun durch wissenschaftliche Studien seine Position nun auch noch einmal ausführlicher darzustellen als in der Vergangenheit. Also von daher ist es für ihn eigentlich gar nicht so negativ, wenn Rom sagt: Bitte, Ansgar Wucherpfennig, stell doch deine Position wissenschaftlich etwas ausführlicher dar.

Einige Bischöfe stehen hinter der Diskussion

Dittrich: Das heißt, Sie sehen darin nicht ein Eingeständnis, bestimmte Themen wie die Frauenweihe oder den Umgang mit Homosexualität in der katholischen Kirche so öffentlicher anzusprechen? Oder anders gefragt: Denken Sie, er würde dieses Interview, das der Anfang der ganzen Geschichte war, noch einmal so geben?

Goertz: Vielleicht würde er sich die eine oder andere Formulierung überlegen, weil ihm ja vorgehalten wurde, dies und das sei missverständlich gewesen - offenbar für bestimmte Leserinnen und Leser missverständlich. Also das würde er vielleicht so nicht mehr tun. Aber man muss wissen: Ansgar Wucherpfennig ist Bibelwissenschaftler, Exeget. Er hat sich in der Vergangenheit fachwissenschaftlich mit diesen Themen gar nicht ausführlich beschäftigt, die jetzt im Moment in der Diskussion sind - also die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften oder die Frauenordination. Das hat er immer nur in Vorträgen gemacht, in Gesprächen, in diesem Zeitungsinterview. Und man darf jetzt sehr gespannt sein auf die Texte, die in nächster Zeit kommen werden. Man darf sicher sein, dass Ansgar Wucherpfennig jetzt die Gelegenheit ergreift, sich zu diesen Dingen ausführlich und wissenschaftlich fundiert zu äußern.

Dittrich: Warum war denn das, was er gesagt hat, überhaupt so problematisch für die katholische Kirche?

Goertz: Ja, das ist für Teile der katholischen Kirche offenbar immer noch ein Problem, wenn ein Theologe öffentlich für die Möglichkeit der Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder Ehen eintritt. Dabei muss man aber wissen, dass inzwischen ja auch katholische Bischöfe diese Frage durchaus für diskussionswürdig erachten. Also in diesem Jahr hat ja der Osnabrücker Bischof Bode sich in diese Richtung geäußert. Also wir haben gar keine Konfrontation zwischen einem einzelnen Theologen und der Römischen Bildungskongregation, sondern Ansgar Wucherpfennig hat im Grunde das gesagt, was auch viele Theologinnen und Theologen sagen und was inzwischen auch viele Bischöfe und Kardinäle denken. Also von daher denke ich, ist dieser Rückhalt, den er hat, und diese Gemeinschaft, auch durch andere, die erfährt, ganz, ganz wichtig und, dass er jetzt mutig in diesem Thema vorangeht.

Sexualmoral und die Missbrauchsstudie

Dittrich: Sie haben selbst ein Buch herausgegeben zum Thema Homosexualität und katholische Kirche. Es heißt: "Wer bin ich, ihn zu verurteilen?". Und Sie und auch die anderen Beiträger setzen sich darin sehr kritisch mit der Haltung der Kirche auseinander. Welche Reaktionen haben Sie denn erlebt? Oder gab es da auch versuchte Interventionen seitens der Kirche?

Goertz: Nein, die gab es nicht – zumindest keine, die mir bekannt sind. Insgesamt haben die Autorinnen, die Autoren und ich als Herausgeber sehr, sehr viel positive Rückmeldung erhalten von ganz unterschiedlicher Seite. Einmal haben viele Betroffene sehr positiv darauf reagiert, dass nun endlich auch in der theologischen Wissenschaft das Thema noch einmal angegangen wird. Dann habe ich viele Anfragen für Vorträge bekommen, aus dem politischen Raum gab es auch Interesse zu erfahren, ob denn die katholische Kirche sich bei diesem Thema bewegt. Also die Resonanz war durchweg positiv. Und das finde ich auch ein ermutigendes Zeichen, dass, wenn man wissenschaftlich fundiert, sachlich und in Loyalität gegenüber der Kirche und dem eigenen Glauben an diese Dinge herangeht, dass das durchaus auch akzeptiert, toleriert wird und die AutorInnen nicht sofort sanktioniert werden.

Dittrich: Wie ist die Stimmung innerhalb der theologischen Lehre? Wir haben eben im Beitrag das Stichwort Wissenschaftsfreiheit gehört. Haben Sie und Ihre Kollegen das Gefühl, man kann alles sagen? Oder muss man eben auch aufpassen, die Unbedenklichkeitserklärung nicht zu verlieren?

Goertz: Man muss schon aufpassen. Und von daher hat der Fall Wucherpfennig, also die Verweigerung der Unbedenklichkeitserklärung ja auch für große Irritation gesorgt und deswegen war auch die Solidarität mit Ansgar Wucherpfennig so groß, weil viele jetzt auch sehr erschrocken waren, dass ausgerechnet bei diesem Thema das Signal kommt, eine offene Debatte unterbinden zu wollen. Das war schon ein ungewöhnlicher Vorgang. Und man muss ja wissen oder sich noch einmal klar machen, in welchem zeitlichen Zusammenhang das Ganze steht. Wenige Wochen zuvor war ja die MHG-Studie veröffentlicht worden, also die Missbrauchsstudie, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellt wurde. Und in dieser Studie ist ganz deutlich gemacht worden, dass die katholische Kirche sich mit Fragen der Sexualmoral, mit Fragen des Umgangs mit Homosexualität, mit ihrer eigenen Homophobie sehr kritisch auseinandersetzen muss, weil das mögliche Faktoren sind, die auch Missbrauch und dessen Vertuschung vergünstigt haben. Das war der Zusammenhang. Und dann kommt wenige Wochen später die Meldung, dass ein Kollege das "Nihil obstat" noch nicht erhält, weil er genau diese Fragen angesprochen hat. Also dieser zeitliche Zusammenhang, der hat dazu geführt, dass tatsächlich dann die Wellen - zu Recht meines Erachtens - hoch gingen und dass sich viele mit ihm solidarisiert haben.

Solidarität mit Wucherpfennig

Dittrich: War das ein Gefühl der Zensur?

Goertz: Das war das Gefühl, dass hier eine notwendige Debatte unterbunden werden soll. Und vor allem war das Gefühl sehr stark, dass das vollkommen unzeitgemäß ist. Und in der Theologie war doch der Eindruck auch sehr stark, dass inzwischen auch die Bischöfe diese Debatte führen wollen. Und von daher gab es auf der einen Seite das Erschrecken über diesen Vorgang und auf der anderen Seite aber auch den guten Eindruck, dass man hier nicht alleine als Theologe gegen die Bildungskongregation steht, sondern dass es da eine Solidarität auch mit den Bischöfen gibt.

Dittrich: Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, schreibt heute in der FAZ, die Kirche müsse ihr Verständnis von Sexualität überdenken. Bringen solche Aufforderungen etwas?

Goertz: Ja, die bringen etwas, wenn sie von verschiedener Seite angebracht werden, wenn sich diesem Appell, den es in der Theologie seit Jahrzehnten gibt, immer mehr Verantwortliche in der Kirche anschließen und wenn vor allem auch deutlich wird, welchen Preis diese Sexualmoral in der Vergangenheit gefordert hat. Das wissen wir auch seit Jahrzehnten und das ist uns jetzt durch die Missbrauchsstudie auch noch einmal ganz explizit von den Wissenschaftlern gesagt worden. Von daher ist das jetzt kein Thema, auf dem man seit Jahrzehnten herumhackt, um der katholischen Kirche zu schaden, sondern man tut das, um die Glaubwürdigkeit der katholischen Lehre auch in der Gegenwart begründet positionieren zu können.

Dittrich: Sagt Stephan Goertz, Moraltheologe an der Universität Mainz. Vielen Dank, Herr Goertz, heute Morgen für Ihre Zeit.

Goertz: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Stephan Goertz (Hg.): "Wer bin ich, ihn zu verurteilen?" Homosexualität und katholische Kirche
Herder, Freiburg im Breisgau 2015, 448 Seiten, 39,99 € .

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