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StartseiteKommentare und Themen der WocheMachtwechsel nach Drehbuch 08.12.2018

CDU-ParteitagMachtwechsel nach Drehbuch

Im Wahlkrimi von Hamburg blieb Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Rede neblig und floskelhaft, aber konnte durch ihren unbedingten Willen zur Macht punkten, meint Stephan Detjen. Viele hätten mit Friedrich Merz gerechnet. Doch der habe Fehler gemacht.

Von Stephan Detjen

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Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert Annegret Kramp-Karrenbauer zur Wahl als neue CDU-Vorsitzende. (dpa-Bildfunk / Christian Charisius)
Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert Annegret Kramp-Karrenbauer zur Wahl als neue CDU-Vorsitzende. (dpa-Bildfunk / Christian Charisius)
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Irgendwann werden Autoren kommen und das Drehbuch schreiben, nachdem diese Geschichte einmal verfilmt wird. Sie werden versuchen, einen Plot zu rekonstruieren, den ihnen kein Mensch abkaufen würde, wenn er nicht Wirklichkeit gewesen wäre.

Es ist am Anfang die Geschichte einer Frau aus dem Osten, die komisch aussieht, merkwürdig spricht und sich am Beginn eines neuen Jahrtausends gegen einen verschworenen Bund von starken Männern durchsetzt, die Führung einer konservativen Volkspartei übernimmt, Bundeskanzlerin wird.

Das ist aber nur die erste Staffel der Serie. Die Zweite spielt 18 Jahre später. Es gibt eine neue Akteurin. Wieder eine Frau, jetzt aus dem hintersten Westen - spricht auch komisch und wirkt, als sie in den letzten Wochen zwischen zwei hünenhaften Kerlen auf den Bühnen ihrer Partei steht, winzig und unscheinbar. Einer der beiden hochgewachsenen Wettbewerber neben ihr spielte in den ersten Folgen der ersten Staffel eine Hauptrolle und war dann verschwunden. Mit ihm tauchen jetzt als Wiedergänger eine ganze Reihe seiner alten Buddies auf. Sie treten noch einmal vereint an, um die Welt wieder so einzurichten, wie sie zu ihren Zeiten, im letzten Jahrtausend, einmal war.

Die CDU hat in den vergangenen 18 Jahren den Stoff für einen politischen Gesellschaftsroman mit epischem Umfang geliefert. Seinen neuesten Höhepunkt fand er mit dem dramatischen Wahlkrimi von Hamburg. Viele hatten fest damit gerechnet, Friedrich Merz werde seine überlegenen, rhetorischen Fähigkeiten ausspielen und mit einer flammenden Rede die letzten Zweifler in der Hamburger Messehalle auf seine Seite ziehen.

Merz machte eine Reihe Fehler

Doch Merz wählte die falsche Strategie und sprach staatstragend, als wäre er schon, was er erst werden wollte: Bundeskanzler. Es war der Letzte in einer ganzen Reihe von Fehlern, die er während seiner Kandidatur machte. Die Rede, die jetzt in Hamburg den Ausschlag gab, war die von Annegret Kramp-Karrenbauer. Was sie sagte, blieb in der Sache neblig und floskelhaft. Ihr "Wir können, wir werden, wir wollen das" erinnerte an das "Wir schaffen das" der Kanzlerin. Im Sommer 2015 aber konnte man wenigsten ahnen, was Angela Merkel mit ihrem "das" meinte. Annegret Kramp-Karrenbauer dagegen ließ den Schlachtruf inhaltlich bewusst ins Leere laufen.

Was genau die neue Vorsitzende können, werden und wollen will, überließ sie der Fantasie eines jeden Parteimitgliedes. Was Kramp-Karrenbauer aber klar machte, womit sie den Parteitag im entscheidenden Moment für sich gewann, war der unbedingte Wille zur Macht, den sie mit ihrer Rede ausstrahlte. Friedrich Merz strahlte bis zuletzt nur überlegenes, oft überheblich wirkendes Selbstbewusstsein aus. Annegret Kramp-Karrenbauer dagegen sprach aus, dass sie etwas werden will.

Drehbuch der Autorinnen Merkel und Kramp-Karrenbauer

Vor Jahren hatte Angela Merkel einmal hier im Deutschlandfunk auf die Frage, wie sie einmal ihre Nachfolge regeln will, lachend geantwortet, es habe sich "schon immer jemand gefunden, der was werden will in Deutschland". Mit Annegret Kramp-Karrenbauer hatte sich Anfang dieses Jahres jemand gemeldet. Seit sie das Amt der saarländischen Ministerpräsidentin aufgab, um Generalsekretärin ihrer Partei zu werden, läuft der Machtwechsel ab, als folge er einem Drehbuch der Autorinnen Merkel und Kramp-Karrenbauer.

Anders als in einem traditionellen Roman steuert diese Geschichte nicht auf ein Ende zu. Es gibt keine letzte Seite. Die Epen der modernen Fernsehserien zeichnen sich dadurch aus, dass sie schier endlos fortgeschrieben werden können. In der CDU beginnt jetzt eine neue Staffel, und die Konfliktlinien, die sie prägen werden, sind schon vorgezeichnet.

Riss durch die Partei

Am Tag nach dem knappen Sieg Annegret Kramp-Karrenbauers über Friedrich Merz zeigte heute das schlechte Wahlergebnis ihres neuen Generalsekretärs Paul Ziemiak, dass der Machtkampf der letzten Wochen einen Riss durch die Partei getrieben hat. Von einer gespaltenen Partei ist die Rede. Spaltungen aber sind Volksparteien grundsätzlich nicht fremd. Es gehört zu Geschichte und zum Wesenskern gerade der Unionsparteien, unterschiedliche Milieus und Interessen zu vereinen.

Volksparteien sind Integrationsmaschinen. Sie sind darauf angelegt, Heterogenität nicht als Störfaktor zu überwinden, sondern als Motor für politische Dynamik zu nutzen. Insofern ist das Prinzip Volkspartei gerade für die heterogene Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ein modernes Prinzip zur Gestaltung von Politik. Es bedarf dazu einer professionellen und klug handelnden Führung. Annegret Kramp-Karrenbauer und Paul Ziemiak haben jetzt die Aufgabe und die Chance, zu beweisen, ob Volksparteien wie die CDU auch in Zukunft tatsächlich noch eine prägende Kraft in der sich verändernden Gesellschaft sein können.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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