Donnerstag, 09.04.2020
 
Seit 20:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheMerz setzt auf disruptive Energien17.02.2020

CDU-VorsitzMerz setzt auf disruptive Energien

Friedrich Merz mobilisiert im Rennen um den CDU-Vorsitz einen Teil der konservativen, wirtschaftsliberalen und ostdeutschen Basis, kommentiert Stephan Detjen. Für diese ist er zur Projektionsfläche für alle Hoffnungen auf einen Politik- und Stilwechsel geworden. Doch Merz wird auch als Egozentriker kritisiert.

Von Stephan Detjen

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
CDU-Politiker Friedrich Merz blickt in die Kamera. ( Getty/Tristar Media/Kontributor)
Friedrich Merz (CDU) ( Getty/Tristar Media/Kontributor)
Mehr zum Thema

Führungsfrage in der CDU "Friedrich Merz brennt vor Ehrgeiz"

Politologe Albrecht von Lucke Warum Friedrich Merz für die CDU ein Risikokandidat ist

Der Tag AKK gegen Merz

Julia Klöckner zur Machtfrage in der CDU "Merz sieht sich als Teil des Teams"

Zukunft der CDU Politologe: Mit Merz Kompetenz zurückgewinnen

Angela Merkel wäre vor bald 20 Jahren nicht CDU-Vorsitzende geworden, hätten die mächtigen Männer in den Führungsgremien der Partei die Sache damals unter sich ausmachen können. Sie hatte sich deswegen einen Weg gebahnt, auf dem sie traditionelle Netzwerke, Männerbünde und Hinterzimmerrunden mit Schwung umgehen konnte: Auf einer Reihe von öffentlichen Regionalkonferenzen setzte sie sich als Hoffnungsträgerin der breiten Parteibasis in Szene und ließ sich von einer Woge der Begeisterung an die CDU-Spitze tragen.

Keiner wagte es, den Hut gegen sie in den Ring zu werfen. Zu denen, die die Wahl Merkels damals für den Ausdruck eines irrationalen Affekts hielten, gehörte Friedrich Merz. Er war seitdem davon überzeugt, dass die Naturgesetze der Politik irgendwann korrigieren würden, was für ihn stets ein Irrtum der Geschichte geblieben war.

Merz forciert Bewerbungskampagne

Zu den Ironien der Geschichte gehört es, das Friedrich Merz heute selbst darauf setzt, sich mit plebiszitäre Wucht vorbei an etablierten Entscheidungsträgern und Gremien aus dem politischen Abseits ins Kanzleramt zu katapultieren. Schon bei den Regionalkonferenzen, auf  denen er sich vor eineinhalb Jahren neben Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn um den Parteivorsitz bewarb, hatte Merz spürbar Mehrheiten der einfachen CDU-Mitglieder in Sälen und Messehallen hinter sich. Am Ende aber entschieden auf dem Hamburger Parteitag im Dezember 2018 die Delegierten, die meisten von ihnen Mitglieder in Orts- und Kreisvorständen, Landtags- und Bundestagsabgeordnete.

Merz weiß seitdem, dass er auf die Funktionseliten der Partei nicht mehr setzen kann und forciert seine längst laufende Bewerbungskampagne mit einer disruptiven Energie. Er mobilisiert gezielt einen Teil der konservativen, wirtschaftsliberalen und ostdeutschen Basis, für den er zu einer Projektionsfläche für alle Hoffnungen auf einen fundamentalen Politik- und Stilwechsel in der CDU geworden ist. In den Heilswartungen seiner Fanbasis klingt die kaum verhohlene Drohung mit, sich nur noch durch eine Kapitulation der Mitbewerber integrieren zu lassen.

Merz könnte Kramp-Karrenbauers Führungsanspruch unterlaufen

Merz hat damit aber zugleich auch die Abwehrkräfte im Führungsestablishment aktiviert.  Aus unionsgeführten Staatskanzleien, der Bundestagsfraktion und sogar der CSU-Spitze wird öffentlich Teamfähigkeit als wesentliches Kriterium für das Stellenprofil unterstrichen. Hinter den Kulissen wird Merz als überambitionierter Egozentriker kritisiert. Manchen Strippenziehern ist es wichtiger Merz zu verhindern, als sich auf Spahn oder Laschet festzulegen.

Wenn Merz morgen zum Treffen mit der noch amtierenden Vorsitzenden ins Adenauer Haus kommt, wird Annegret Kramp-Karrenbauer einen Eindruck davon bekommen, ob ihr Anspruch, den Prozess "von vorne" zu führen, schon in der ersten Phase unterlaufen ist. Sie wird jedenfalls klären müssen, ob es nur um einen Wettstreit zwischen Personen oder auch um einen Kampf um Entscheidungsfähigkeit, Strukturen und Verfahren ihrer Partei geht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk