Mittwoch, 01.04.2020
 
StartseiteKommentare und Themen der WocheSolo für Röttgen18.02.2020

CDU-VorsitzSolo für Röttgen

Ex-Bundesumweltminister Norbert Röttgen will neuer CDU-Chef werden und wagt sich als erster offiziell aus der Deckung. Er sei ein Kandidat mit glaubwürdigen Motiven, meint Stephan Detjen. Doch seine Chancen seien gering.

Von Stephan Detjen

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der CDU-Politiker Norbert Röttgen kandidiert für den Vorsitz seiner Partei. Er erläutert seine Bewerbung in der Bundespressekonferenz in Berlin (imago/Felix Zahn/photothek)
Der CDU-Politiker Norbert Röttgen kandidiert für den Vorsitz seiner Partei (imago/Felix Zahn/photothek)
Mehr zum Thema

Der Tag CDU: Freiwillige vor!

CDU-Parteivorsitz "Das Frauenthema nicht künstlich überhöhen"

CDU-Vorsitz "Entscheidend ist, dass wir ein Team formieren"

CDU-Vorsitz Merz setzt auf disruptive Energien

Norbert Röttgen spielt solo. Der Außenpolitiker ist immerhin der erste, der jetzt Klartext geredet und seine Bewerbung formell erklärt hat. Friedrich Merz und Jens Spahn haben es tagelang nur bei Andeutungen und Muskelspielen belassen. Und Armin Laschet schweigt. Das gähnende Führungsvakuum hat die Bühne geöffnet, die Norbert Röttgen beherzt betreten und für seine Sache genutzt hat. Er hat sich als ernsthafter Politiker empfohlen, dem es darum geht, die Personaldebatte mit sachlichen Beiträgen zu politisieren.

Mögliche Unions-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz, Jens Spahn, Norbert Röttgen und Armin Laschet (imago / Burghard Schreyer / Sepp Spiegl / Ralph Sondermann) (imago / Burghard Schreyer / Sepp Spiegl / Ralph Sondermann)Wer wird neuer Parteivorsitzender? Ein Überblick Nach dem angekündigten Rücktritt von Annegret Kramp-Karrenbauer vom CDU-Parteivorsitz stellt sich für die CDU die K-Frage. Mehrere Kandidaten bringen sich dafür in Stellung. Heute beginnen die ersten Gespräche. Doch wer steht für welche Positionen? 

Röttgens fast verzweifelte Fragen: 'Wo wird über das humanitäre Drama in Idlib diskutiert? Wie gehen wir mit der drohenden Eskalation in Syrien um?' genügten, seiner Kandidatur ein glaubwürdiges Motiv zu bescheinigen. Es bedarf zugleich des Zusatzes, dass auch Annegret Kramp-Karrenbauer sich mit ihrer schnell verpufften Syrien-Initiative im letzten Jahr um Antworten bemüht hatte.

Kompetente Stimme mit Makel

Norbert Röttgen hat sich mit seinem heutigen Auftritt als kompetente und engagierte Stimme christdemokratischer Außenpolitik profiliert, die auch in der Zukunft der CDU Gewicht und Gehör für sich beansprucht. Dass er ernsthafte Aussichten hat, seine Partei als Vorsitzender in diese Zukunft zu führen, wird er selbst kaum glauben. Den Mitgliedern dürstet nach Visionen und Führungskraft, die Friedrich Merz verspricht, nach Aufbruch in die Zukunft, die Jens Spahn verkörpert oder nach Bewährung und Integrationskraft, die Armin Laschet zugeschrieben wird. Röttgen dagegen wird im entscheidenden Moment der Makel anhaften, die CDU mit einer verpatzten Spitzenkandidatur bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl 2012 in eine demütigende Niederlage geritten zu haben.

Der Einzelkämpfer hat nichts zu verlieren

Röttgen tritt jetzt als Einzelkämpfer auf die Bühne, der in der Partei nichts zu verlieren hat, als Außenpolitiker aber zumindest Profil und Öffentlichkeit für seine Anliegen gewinnen kann. Damit verändert er zugleich das Spielfeld, auf dem sich der Machtkampf zwischen den anderen Kandidaten entscheiden wird. Röttgen demonstrierte heute einmal mehr, dass Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Anspruch, den Prozess "von vorne" zu führen, längst nicht mehr einlösen kann. Auch Armin Laschet wird nun mit dem Vorwurf konfrontiert werden, seinen Landesverband nicht im Griff zu haben, aus dem einer nach dem anderen seine Ambitionen auf den Parteivorsitz zu erklären scheint.

Das wirkungsvollste Machtzentrum in der Union ist in diesen Tagen die bayerische Staatskanzlei in München. Ruhig aber entschieden hat Markus Söder von dort den Fahrplan, den Annegret Kramp-Karrenbauer für den Prozess der Neuordnung entworfen hat, neu getaktet. Dass ein CSU-Vorsitzender dabei auch seine Hand zum Schutz über und nicht zum Schlag gegen Angela Merkel im Kanzleramt erhebt, hätte vor zwei Jahren jede politische Phantasie überstiegen. Heute scheint in der Union fast alles möglich. Allein das Norbert Röttgen neuer CDU-Chef wird, bleibt höchst unwahrscheinlich.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk