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StartseiteMikrokosmos - Die Kulturreportage"Wieso überhaupt noch Lesungen?"01.11.2019

Center for Literature Burg Hülshoff"Wieso überhaupt noch Lesungen?"

Schlichte Wasserglaslesungen waren gestern - die Zukunft der Literaturvermittlung soll interdisziplinär, vernetzt und aufregend sein. So will auch das Center for Literature im Münsterland nicht nur Literaturhaus sein, sondern Treffpunkt der Künste und Wissenschaften. Funktioniert das?

Von Anna Seibt

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Im Hintergrund Burg Hülshoff, davor ein See, am Ufer ein dekorierter Bagger (Anna Seibt)
Die Verbindung von altem Gemäuer mit moderner Kunst und Literatur soll neue Denkanstöße geben (Anna Seibt)
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Das Literaturzentrum unter Leitung des Autors Jörg Albrecht gibt es seit einem guten Jahr. An historischer Stelle, der Burg, in der die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff gelebt und gearbeitet hat, soll der Literaturvermittlung ihr steifes Korsett und staubiges Image abgenommen werden. Stattdessen hat man sich interdisziplinäres Arbeiten auf die Fahnen geschrieben.

Die Deutschlandradio-Reporterin Anna Seibt und der künstlerische Leiter Jörg Albrecht in der Bibliothek der Burg Hülshoff (Deutschlandradio / Anna Seibt)Die Deutschlandradio-Reporterin Anna Seibt und der künstlerische Leiter Jörg Albrecht in der Bibliothek der Burg Hülshoff (Deutschlandradio / Anna Seibt)

Mit dem Festival "Natur am Bau" wollen die Organisatoren zeigen, wie Interdisziplinarität funktioniert. Eingeladen sind Autorinnen, Wissenschaftler, Künstler und Künstlerinnen wie beispielsweise das Performancekollektiv "virtuellestheater". Sie haben ihr Lager unter einem alten Walnussbaum direkt am Burggraben aufgeschlagen. Über die fünf Festivaltage hinweg wollen Sie sich mit dem Thema Umweltverschmutzung beschäftigen. Konkret bauen sie Skulpturen aus Plastikmüll, der während des Festivals anfällt. Der Bagger, der ein Gewirr aus Rohren, Schläuchen und bunten Plastikteilen in den Burggraben abzuladen scheint, sticht den Besuchern beim Betreten des Parks auch sofort ins Auge.

Die Idylle künstlerisch brechen

Auch das Festivalzentrum, eine große Bühne, ausrangierte Gebrauchtwagen, die im Kreis aufgestellt sind und dazwischen Campingstühle und kaputte Zeltplanen, bricht die Idylle des Schlossparks. Ein künstlerisches Konzept, das Jörg Albrecht auf dem ganzen Areal durchsetzen will.

Besonders schwer im Magen liegt ihm das Droste-Museum der Burg. In mehreren Zimmern werden Biedermeiermöbel und persönliche Gegenstände von Annette von Droste-Hülshoff und ihrer Familie ausgestellt. "Wenn ich es mal so pointiert sage, ist das auch das Problem des Museums, dass es wie eine Möbelausstellung ist. Was viel zu wenig auftaucht, ist die Ebene von Literatur. Was das für eine Epoche war, das wird alles gar nicht sichtbar", beklagt der künstlerische Leiter.

Wohnzimmer mit Ahnengalerie im Droste-Museum (Deutschlandradio / Anna Seibt)Wohnzimmer mit Ahnengalerie im Droste-Museum (Deutschlandradio / Anna Seibt)

Peu à peu soll sich das ändern, sollen Leben und Gegenwart in die alten Gemäuer einziehen. Ein temporärer Ansatz in diese Richtung ist die Installation "Insektometrie" der Lyrikerin Monika Rink. Überall im Museum sind Ungereimtheiten angebracht. Manchmal stechen sie mehr ins Auge, wie im Fall der lustigen Taschenbücher. Die Comic-Reihe rund um Donald Duck reiht sich bunt in die ansonsten altehrwürdige Bibliothek der Familie Droste-Hülshoff ein. Dass der Schreibtisch mit Schmetterlings-Schaukästen und alten Mikroskopen auch zur künstlerischen Intervention gehört, fällt dagegen kaum auf. Nur, dass auf dem Tisch ein kleines Pappkärtchen angebracht ist, irritiert. Im ganzen Museum sind solche Pappkärtchen verteilt. Auf ihnen stehen Nummern, die man in einen Audioguide eingeben kann, um sodann lyrischen Assoziationen der Dichterin Monika Rink zu lauschen.

Irritation auf allen Ebenen

Das Gelände ist riesig und das Angebot an Performances, Lesungen, wissenschaftlichen Vorträgen und Workshops kaum zu bewältigen. Auch wenn unter der Woche nur wenige Besucher den Weg zu der abgelegenen Burg finden, lassen sich die Künstlerinnen und Autoren nicht aus der Ruhe bringen: Es wird gebastelt, diskutiert und fantasiert.

Die meisten Vorträge finden auf Englisch statt, was nicht nur einige Vortragende vor große Herausforderungen stellt. Auch bei den Besuchern ist immer wieder Unmut zu spüren, da einige Schwierigkeiten haben, den anspruchsvollen Inhalten zu folgen. "Wir müssen uns einfach daran gewöhnen, dass die englische Sprache hier gesprochen wird. Aber es werden auch viele erstmal nicht kommen, wenn sie hören, da wird ja Englisch gesprochen", stellt eine Besucherin fest.

Die Autoren Dorian Steinhoff und Tilman Strasser nennen sich beide Literaturvermittler. Im anschließenden Gespräch erzählen sie von ihren Versuchen, Literatur Menschen schmackhaft zu machen, die nicht mehr lesen oder vielleicht auch noch nie gelesen haben. Dass Literatur auch in digitalen Zeiten wichtig für eine Gesellschaft ist, darin sind sich beide naturgemäß einig. Warum, erklärt Dorian Steinhoff so: "Durch die Literatur findet man Eingang in Lebenswelten, um sich mit der Psyche von anderen Menschen auseinanderzusetzen, in einer Intensität, wie sie sonst nicht möglich ist."

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